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Aljoscha Brell : Wenn man völlig überfordert ist

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Ein paar Straßennamen, das ist alles

Aljoscha Brell spricht hastig, die Finger zittern ein wenig. Die Verlagsleute hätten ihm gesagt, er müsse nicht auf Fragen nach autobiographischen Zügen antworten, schiebt er dazwischen, aber das Leben als Überforderung wahrgenommen, ja, das habe er schon auch. Zum Beispiel damals beim FU-Großgermanisten Hans-Jürgen Schings, dessen Goethevorlesungen er im Grundstudium besuchte. Ein großartiger Abenteurer des Geistes sei das gewesen, aber eben auch ein unerbittlicher Richter, der Lehramtsstudentinnen zum Heulen brachte und in seiner Sprechstunde scharfe Haltungsnoten vergab. Er selbst habe sich in der Universität nie wohl gefühlt, schon sehr bald das Gefühl gehabt, „etwas Richtiges tun zu müssen“. Als Praktikant in einer Online-Redaktion sei er dann besser als alle anderen gewesen, weil er programmieren konnte.

Die Kellnerin fragt nach den Weinwünschen. Als wir Chardonnay bestellen, setzt sie einen verächtlich Blick auf. „Sind Sie sicher? Das ist nicht unbedingt die beste Wahl.“ Wer nach Belegen für die gelungene Gentrifizierung in Neukölln sucht, findet in dem überheblichen Gesichtsausdruck dieser Bedienung, was er sucht. In Aljoscha Brells Buch spielt Neukölln dagegen keine besondere Rolle. Keine Milieuskizziererei, kein Ausruhen auf Kleidungs- und Kaffeesortenbeschreibung – ein paar Straßennamen, das ist alles. Es geht um Kress und um nichts anderes.

Er fürchtet den Betrieb zu Recht

Für Brell, der in wenigen Tagen fünfunddreißig wird, ist dieses Buch existentiell. Das klingt pathetisch und ist doch wahr. Man muss nicht mit Werther kommen (wie es die Verlagsankündigung tut), um zu verstehen, was das heißt: Schreiben, um leben zu können. Viel gibt Brell an diesem Abend davon nicht preis, redet lieber über die emotionale Verrohung durchs Digitale, aber wer in sein Gesicht schaut, wer seine Augen leuchten sieht, wenn er von seinem „Kress“ spricht, der ahnt, dass es für ihn hier um viel mehr geht als Verkauf und Presse. Beim Hinausgehen erzählt er von einer Lesung in einer Psychiatrie. Ob er danach auch ein bisschen über eigene Lebenskrisen und deren Bewältigung sprechen könne, hatte man ihn gefragt. Er wollte es sich überlegen.

An einer Stelle wundert sich Kress darüber, dass die Menschen um ihn herum die ganze Zeit reden; dass sie alles bereitwillig preisgeben von dem, was doch eigentlich fest in ihren Herzen verankert bleiben sollte. Für sein Buch hat Aljoscha Brell die eigenen Anker gelichtet. Zu unserem Glück. Aber für ihn ist das ein großes Wagnis. Er fürchtet den Betrieb ja zu Recht. Und so befällt einen beim Abschied in die Berliner Nacht dasselbe Gefühl wie schon auf der letzten Seite des Buches: Man will diesen jungen Mann schützen und fühlt sich doch selbst ganz ungeschützt, sobald er fort ist.

Aljoscha Brell: „Kress“. Roman. Ullstein-Verlag, 336 Seiten, 20 Euro

Quelle: F.A.S.

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