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Veröffentlicht: 01.01.2016, 20:31 Uhr

Aljoscha Brell Wenn man völlig überfordert ist


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Stilkapriolen sind die Rache des Außenseiters

Kress, das ist kein dahergelaufener Großstadteinfall, kein abgegriffener Rollenprosaist im vorhersehbaren Weltschmerzbademantel. Die Anziehung, die von ihm ausgeht, ist die des heroischen Sonderlings. Sein Auftritt hat etwas Draufgängerisch-Altmodisches. Er spricht im hohen Ton, sagt: „Mein Verständnis ist“ und „Ich glaube nicht, dass mir danach verlangt“. Stilkapriolen sind die Rache des Außenseiters. Den Seitenscheitel trägt Kress wie seinen Kulturpessimismus: unsortiert und selbstgefällig. Und doch wirkt er gar nicht wie ein schrulliger Kauz.

Aljoscha Brell - Der junge Romanautor, der gerade seinen Debütroman "Kress" geschrieben hat, lässt sich von Simon Strauss interviewen. In dem Roman geht es auch um Neukölln. © Andreas Pein Vergrößern Gefühlte fünfzig Absagen vom Open Mike später und mit viel Respekt vorm Betrieb: Dieses Buch ist für Brell existenziell.

Dafür ist seine Haltung zu gerade, seine disziplinierte Einsamkeit zu eindrücklich. Seine lakonisch-trockenen Weltbetrachtungen erinnern manchmal an Beckett. Dann wieder wird seine Rede von einer Thomas-Bernhard-haften Galle überschwemmt. Und doch ist es nie bitterer Zynismus, mit dem er seiner Umwelt begegnet, sondern eine ganz eigene Form der unscheinbaren Verzweiflung. „Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen anderen Menschen schlafen gesehen zu haben“, heißt es an einer Stelle. Ein Satz, der mit einer so zärtlichen Traurigkeit daherkommt, dass einem das Herz außer Takt gerät.

Wenn Kress am Ende bei der alles entscheidenden Szene noch einmal den Blick senkt und in großer Anstrengung nach dem einen richtigen, überzeugenden Ausdruck sucht, möchte man ihn schützen vor der Überforderung, mit der die sogenannte Lebensrealität ihn traktiert. Aber dann wirft er auf einmal mutig den Kopf nach hinten, sagt den einen, entscheidenden Satz und verschwindet für immer hinter einer knallenden Wohnungstür. Und man selbst bleibt allein zurück, ohne Kress. So schnell, wie man mit ihm einen literarischen Stellvertreter im Schicksalskampf gefunden meinte, so schnell hat man ihn wieder verloren.

Was ist schon das eigentliche Leben?

Und trifft ihn doch wieder. An einem Abend am Maybachufer in Berlin-Neukölln. Die Jugendherbergen hier protzen mit einer klinisch sauberen Einlasspolitik: „You are not welcome if you are a racist, sexist, conservative, smoker, meat eater, dog owner . . .“ Wie überlegen muss sich fühlen, wer es schafft, hier für ein Party-Wochenende unterzukommen. In einem Eckrestaurant, dicht beim Fenster, sitzt Aljoscha Brell, der Autor von „Kress“. Acht Jahre hat er an seinem Buch geschrieben. Es ist sein Debüt. Aber im Grunde ist es viel mehr als das. In seinem eigentlichen Leben arbeitet Brell in einem Berliner IT-Unternehmen, leitet dort ein Team von Webprogrammierern und Grafikern. Aber was ist schon das eigentliche Leben? Und vor allem: Warum kann es nicht zwei davon geben?

„Bei zehn Stunden Arbeit und acht Stunden Schlaf bleiben immer noch sechs Stunden zum Schreiben“, rechnet Brell vor und klopft mit den Fingerkuppen auf den Tisch. Die ersten achtzehn Jahre seines Lebens hat er auf einem Bauernhof in Nordrhein-Westfalen verbracht, mit Rüben und Rindern – und Science-Fiction-Romanen vom Bibliotheksbus. Die Deutschlehrerin hat ihn zum Schreiben verführt, nach Berlin kam er, um Schriftsteller zu werden – und dann doch erst einmal verstockt und ratlos im Philosophieseminar zu hocken. Gefühlt fünfzig Absagen vom „Open Mike“, einige Lesungen und dann endlich auch ein paar Stipendien. „Kress“ gab es immer schon, aber der Betrieb habe ihn eingeschüchtert, abgeschreckt, erzählt Brell. Deswegen: Schreiben im Geheimen. Fünf Jahre hat er mit niemandem drüber geredet, nicht einmal seine Freundin kannte das Manuskript.

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