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Alina Bronskys „Scherbenpark“ : Eine Zeit zum Steinewerfen

  • -Aktualisiert am

Sascha rennt: Das stürmische Debüt der russisch-deutschen Autorin Alina Bronsky über eine russisch-deutsche Beinahe-Autorin bezwingt trotz Verzichts auf hohen Stil.

          Tretet ein, hier ist es mollig, ruft das bucklichte Weib, ohne sich dabei allzu sehr zu verausgaben. Ulkig sieht sie aus, die Alte, hat große Ohren, überstehende Hauer und über den Knusper-Knäuschen-Bauch spack eine Schürze gespannt, die bestickt ist mit Bergen und Identitätskrisen. Ganz klar: Die Hexe, das ist der Literaturbetrieb. Und es irren heute mehr ausgesetzte Gretel und brotkrümelspurlegende Hänsel durch den Wald, als es Regalplätze bei Amazon gibt. Da hat die Hexe gut faulenzen: Ständig stolpern ihr deklamierende Jungpoeten von ganz allein in den Ofen. Die Frage ist natürlich die aus dem Märchen: Wie überlistet man das Biest? Mehr als ein Abendsnack möchte man denn ja doch sein. Viele Debütanten versuchen es mit der Methode Geniestreich, eine homerisch aufgedonnerte Tausendundeinenachtstrategie: Man erzählt Altbekanntes in einer so elaborierten Form neu, dass auch dem verschlagensten Wolf klarwerden muss, hier tritt ein Artist alter Schule auf, der das stilistische Hexeneinmaleins beherrscht.

          Die Frankfurter Nachwuchsautorin Alina Bronsky beweist nun, dass es immer noch zum Erfolg führen kann, die gefräßige Hexe auszutricksen, indem man ihr einen Knochen hinhält. In ihrem Debütroman "Scherbenpark" ist die sonst so vergötterte Sprache kaum mehr als Transportmittel der Handlung: einfachster Satzbau, jede zweite Zeile direkte Rede, wobei sich die Autorin nicht einmal die Mühe macht, das Wörtchen "sagt" zu variieren. Auch zur hehren Intertextualität verhält sich das Buch wie Pfefferkuchen zur Haute Cuisine. Diese Geschichte lebt vom Plot allein, aber, muss man sagen, sie lebt nicht schlecht davon.

          Wer hier in einem fort redet, ja, beinahe quasselt, das ist die siebzehnjährige, aus Russland stammende, aber in einem deutschen Aussiedler-Hochhausgetto aufgewachsene Sascha Naimann, die das trotz ihrer Hochbegabung so schlicht und umgangssprachlich tut, wie es mit siebzehn Jahren eben üblich ist: "Frau Mahler und der Mann nehmen mich in ihre Mitte und fahren mit mir Aufzug. Ich schweige, auch wenn es vielleicht unhöflich ist. Frau Mahler versucht mich anzulächeln. Ich versuche mich zu konzentrieren und sehe sie nicht an. Lieber sehe ich auf den Mann" - so geht das über knapp dreihundert Seiten, strikt personal perspektiviert, ein atemloses Stakkato, der Bronsky-Beat. Die vorgebliche Banalität vermag den Leser anfangs zu verstören. Als die Autorin beim letzten Bachmann-Wettbewerb den Beginn des Romans vortrug, waren Jury und Publikum denn auch wenig begeistert von Jugendroman-Sätzen wie diesen: "Ich habe vielleicht ein paar Millionen Synapsen mehr als Anna, bestimmt sogar. Außer Deutsch kann ich auch Physik, Chemie, Englisch, Französisch und Latein. Wenn ich mal eine Zwei kriege, kommt der Lehrer zu mir und entschuldigt sich." Erst nach einer Weile bemerkt man, wie kalkuliert dieser Ton ist, eine artifizielle Schnodderigkeit, bei der man stets eine weitere, innere Stimme mithört.

          Schon bald entkommt man dem Sog dieses Buchs nicht mehr, ganz ähnlich, wie man eine angebrochene Tüte Chips besinnungslos leer frisst. Der Handlung eignet etwas Zwingendes, was daran liegt, dass sich die Erzählerin ihrer Erzählung vollständig ausliefert, auch wenn von dem Buch, das sie zu schreiben beabsichtigt, im tatsächlichen Buch bald nicht mehr die Rede ist. Nicht einmal die Autorin, die sich hinter dem dominanten Erzähler-Ich verbirgt und so ungreifbar bleibt, kann ihr noch helfen. Absolute Distanzlosigkeit und absolute Distanz kommen dabei zusammen. Im subjektiv gebrochenen Rückblick, halb zu erschließen zunächst, erfahren wir, dass Vadim, der Stiefvater der Heldin, im Gefängnis sitzt, weil er ihre Mutter Marina und deren neuen Lebensgefährten vor Saschas Augen erschossen hat. Die Bewältigung dieses traumatischen Vorfalls bildet das narrative Rückgrat des Romans und ist vollkommen stimmig, von der sich eiskalt gebenden Wut auf Vadim ("Ich will Vadim töten") über den Schutzpanzer der Altklugheit, die Identifikation mit Eminem, der Stärke im Ertragen zeigt, die Anwürfe gegen die tote Mutter ("Du bist immer schon eine dumme, dumme, dumme Frau gewesen") bis zum finalen Tobsuchtsanfall, bei dem Sascha so lange Steine in die Fenster des abgewrackten Russenviertels schleudert, bis die Bewohner die Steine auf sie zurückwerfen. Mit Eminem singt sie oft im Duett, allerdings "er seinen Text und ich meinen, bloß die Melodie ist gleich und die Richtung auch". Die Richtung: Es sind noch Rechnungen offen. Am Ende ist der Pubertätsrapper überwunden: "Etwas singt in mir, und zwar einen anderen Text als Eminem."

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