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Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche : Die Kunst der Erpressung

Bild: Verlag

In ihrem neuen Roman „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ erzählt Alina Bronsky von drei Frauen zwischen Russland und Deutschland - vor allem aber unter Großmutters Fuchtel.

          Drei Frauen stehen im Zentrum dieses Romans und mit ihnen drei Kulturen: Rosalinda, die unverbesserliche, unverwüstliche und unerschrockene Tatarin, ihre Tochter Sulfia, Geschöpf der sowjetischen Trostlosigkeit zwischen Lebensmittelknappheit und Plattenbau, und Aminat, die vielversprechende Enkelin, die schneller und gründlicher in Westdeutschland ankommt, als es ihrer Großmutter recht ist. Und deren Urteil gilt nun mal alles. Denn Rosalinda ist die alles beherrschende, alles bestimmende und alles kommentierende Erzählerin in Alina Bronskys heute erscheinendem Roman „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“, der soeben für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde.

          Die Handlung setzt 1978 ein, in einer engen Stadtwohnung irgendwo jenseits des Urals. Kaum aufgeklärt, ist Sulfia auch schon schwanger, und Rosalinda beschließt die Abtreibung des von ihr - Sulfia wird gar nicht erst gefragt - ungewollten Kindes. Doch die krude Prozedur, der sie Sulfia zusammen mit einer Nachbarin unterzieht, erfüllt ihren Zweck nur halb: Ein Fötus geht ab, aber sein Zwilling wächst weiter. So kommt ein Mädchen zur Welt, das den tatarischen Namen ihrer kaukasischen Ururgroßmutter, Aminat, bekommt. Das ist Rosalindas Idee, und ihre Ideen beherrschen das weitere Schicksal der Familie so wie ihre hemmungslos selbstherrliche, temperamentvolle Erzählstimme den Roman. Jeder Versuch Sulfias, sich von ihrer übermächtigen Mutter abzunabeln, schlägt früher oder später fehl. Auch Kalganow, Rosalindas Ehemann, kommt nicht gegen sie an. So ist „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ ein Familienroman, wenn auch ein unvollständiger, denn die Männer sind weitgehend abwesend.

          Tor zu einer glückverheißenden Zukunft

          Rosalinda ist stolz auf ihr tatarisches Erbe, wuchs aber im Kinderheim auf und muss sich die dazugehörige Kultur notgedrungen erfinden. Auch die titelgebende tatarische Küche ist in erster Linie eine Erfindung Rosalindas und besteht aus dem, was die sowjetischen Geschäfte trotz schlechter Zeiten hergeben. Das tatarische Erbe, so gibt uns Alina Bronsky durch die Schilderung ihrer eigensinnigen Ich-Erzählerin zu verstehen, liegt eben nicht in irgendeiner Folkore von Reiseführerniveau, sondern allein in der Haltung, mit der man das Leben meistert. Egal, welche Schläge das Schicksal ihrer Familie versetzt: Rosalinda klammert sich an der Vorstellung fest, dass es etwas gibt, das sie aus der grauen Masse heraushebt.

          Und weil sie davon überzeugt ist, funktioniert die Suggestion denn auch. Rosalindas Vorstellung von tatarischer Küche reicht aus, um Dieter an den Mittagstisch zu locken, jenen Ausländer, der Sulfia heiraten und damit ein Fluchthelfer für die Familie sein soll. Dass die drei Frauen schließlich tatsächlich am Frankfurter Flughafen ankommen, dem Tor zu einer glückverheißenden Zukunft, ist allerdings weniger Sulfia zu verdanken als der mittlerweile zwölfjährigen Aminat, für die Dieter eine ungesunde Vorliebe entwickelt. Eigentlich aber war vor allem Rosalindas Talent zur Erpressung dummer, gieriger Männer abermals zielführend.

          Das muss man mögen

          Alina Bronsky, 1978 in Jekaterinburg, das damals noch Swerdlowsk hieß, geboren und als Jugendliche in Deutschland aufgewachsen, wurde bereits für ihr Debüt „Scherbenpark“, einer Coming-of-Age-Geschichte um die zornige Sascha, die ihren Stiefvater töten will, vor zwei Jahren viel Aufmerksamkeit zuteil. Zwar kehrte sie unbepreist vom Wettlesen aus Klagenfurt zurück, doch das Buch verkaufte sich glänzend. Entgegen der Intention der Autorin wurde „Scherbenpark“ vielfach als Jugendroman wahrgenommen, der halbwüchsigen Protagonistin wegen, die dem Roman ihre rotzige, altkluge Erzählstimme leiht.

          Das wird mit „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ sicher nicht passieren. Hier droht eher die Gefahr, dass das Werk als Frauenroman im Gefolge Marina Lewyckas abgestempelt wird - wegen des leichten Tons, der in stetem Strom über schlimmste Verhältnisse, über Pädophilie, Gefühlskälte und Abhängigkeit hinwegspült. Wenn in Saschas Erzählstrom noch etwas beunruhigend Manisches mitschwingt, plappert Rosalinda bisweilen allzu unbeschwert drauflos. Das muss man mögen. Denn nicht nur die Mitglieder der Familie, auch der Roman selbst ist gänzlich auf seine mächtige Hauptfigur fixiert, im Guten wie im Schlechten.

          Schwäche und Einsamkeit

          Unterhaltsam aber ist es allemal, wie Rosa ihre Umgebung in eisernem Griff hält, Tochter, Mann und Schwiegersöhne tyrannisiert, es dabei gut meint, alle und jeden für lebensunfähig hält und sich dabei selbst natürlich als unzuverlässige Erzählerin erweist, die sich zudem heillos überschätzt. In Deutschland, in einer Umgebung, die sie nicht kennt, laufen ihre Manipulationen immer öfter ins Leere, liegen ihre Einschätzungen daneben. Aber das hat letztlich kaum Folgen.

          Wirklich bedrohlich wird der Roman an keiner Stelle, zumindest sprachlich nicht. Rosalinda räsoniert über Tod und Zusammenbruch hinweg, darüber, dass ihr Tochter und Enkelin abhandenkommen. Dass sie ihre Schwäche und Einsamkeit und den unausweichlichen kathartischen Moment, der daraus folgt, bei aller aufgesetzten Munterkeit dann aber doch nicht ganz verhehlen kann, ist das Verdienst ihrer Schöpferin.

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