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Alice Munro: Zu viel Glück : Eine Form von Kreuzigung

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Bild: Verlag

Am Sonntag feiert sie ihren achtzigsten Geburtstag: Die auf Geschichten spezialisierte Kanadierin Alice Munro gilt als eine der größten Erzählerinnen unserer Zeit. Aber stimmt das eigentlich?

          Gegen Ende ihres vierunddreißig Jahre kurzen Lebens, als die Tuberkulose in einer abbruchreifen, gefährlich zugigen Villa an der Riviera mit geduldiger Perfidie ihre Lungen zerfraß, wollte die neuseeländische Kurzgeschichtenautorin Katherine Mansfield einen Fächer aus schwarzer Spitze auf ihrem Nachttisch plaziert wissen, einen geladenen Revolver und ein Buch.

          Unzählige Autoren der Gegenwart würden, in Mansfields Lage geraten, die Erzählungen von Alice Munro griffbereit halten: Glaubt man Margaret Atwood, A.S. Byatt, Richard Ford, Jonathan Franzen, Lorrie Moore bis Annie Proulx, dann muss sich jeder an Munro messen, der auch nur auf die Idee verfallen sollte, sich ans Erzählen zu machen, und würde sie heute jeden Preis entgegennehmen, den man ihr anträgt – lediglich der nobelste steht noch aus –, wäre sie das ganze Jahr über rund um die Erde unterwegs.

          Verdächtige Superlative

          Munros Namen sprechen kennerschaftsbeflissene Leser hier ehrerbietig flüsternd, dort donnernd triumphal oft zum Schluss einer eben ausgestanden geglaubten Literaturdebatte aus: „Alice Munro! Das ist Kunst!“ Besonders berufszerquälte Schriftsteller schwören auf sie, als hätte „Munro“ die Wirkungsmacht eines Bannspruchs gegen die Harpyien der Schreibblockade. Wie denn auch anders? Nach der Vorgabe, es ließe sich jede Geschichte besser, knapper und überhaupt alles noch und noch einmal anders fassen, arbeitet Munro mit altbiblischer Strenge bis zu einem Jahr an nur einer Erzählung, die grundsätzlich nie die Fünfunddreißig-Seiten-Schwelle überschreitet. So wurde sie „unser Tschechow“, die „universale Kanadierin“, gar ein „kosmisches Wunder“, nachahmenswert unnachahmlich.

          Seltsam: Viel mehr als solch ein in alle Literaturhimmel emportragender Applaus fällt zu Munro niemandem ein. Superlative sind immer verdächtig, und jene, mit denen man sie seit jeher behängt hat wie einen Weihnachtsbaum, logen sich darüber hinweg, wie beschwert von den Moden der Zeit die Enge ihrer ersten rund vierzig Selbstfindungsfabeln war. Sah man genauer hin, schien man sich fast notgedrungen mit totgeredeten Formeln begnügen zu müssen, die nur wenige als Warnungen zu lesen verstanden, „Geschichten wie das Leben selbst“, „von sparsamer Genauigkeit“, „filigran“, „lakonisch“, „schonungslos“ – und einmal ereilte sie, unvermeidlich, auch jene Lieblingssentenz der meisten Kritiker, Munro schildere – „eindringlich“, versteht sich, „und präzise“ – das Scheitern des amerikanischen Traums, obwohl keine ihrer short stories je in den Vereinigten Staaten angesiedelt war. Das fiel schon gar nicht mehr auf und war auch einerlei. Andernorts nämlich hatte sich längst Unheimliches ereignet.

          Die schönste Liebesgeschichte der Welt

          Ein Jahr vor Munros Erzählbanddebüt „Tanz der seligen Geister“ 1968 war mit „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez das Abenteuer in die Literaturgeschichte heimgekehrt, und die fing nunmehr mit einer derart wuchtigen Schöpfungsautorität von vorne an, als könnte ein Schriftsteller Fische allein durch Nennung ihres Namens aus dem Meer hervorholen, das bei Munro vorab erschöpft wirkte, mürrisch und grau und ewig auf Ebbe gestimmt. Übernächtig und sonnenscheu, verkrochen sich ihre Erzählungen in die Schattenseiten des Daseins, in die ratlose Verrätselungsmanie der Gattung Kurzgeschichte und den insgeheim allseits gefürchteten „offenen Schluss“. Denn Munro misstraute der Literatur, für sie eine Nummernrevue billiger Tricks, von Grund auf – und vielleicht hatte sie tatsächlich, dachte sie oft, nur mit dem Schreiben begonnen, weil sie nach der Lektüre der „Sturmhöhe“ entschlossen war, Schriftstellerin werden zu wollen. Doch kein noch so fahl flackerndes Fünkchen war von ihrer Teenagererleuchtung Emily Brontë geblieben: „Das Leben der Menschen“, umriss sie damals verdrossen ihren Erzählhorizont, sei „flau, einfach, wunderlich und unergründlich“ – als besagte das was und gälte für jeden, als käme man nicht von einer kaum verkraftbaren Bedeutungsfülle, von Homer, der Bibel, Shakespeare, Nabokov und Herman Melville umgeben zur Welt. Noch galt das Unvermögen, einen Plot zu ersinnen, als eine Kühnheit wie jenes Musikstück von John Cage, das sich in Stille erschöpfte und keines mehr war.

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