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Alexander Solschenizyn: Na islomach Wie lang wird Russland noch von Kriminellen regiert?

20.07.1996 ·  Auch den sozialistischen Realismus konnte er: Späte Prosa von Alexander Solschenizyn.

Von Kerstin Holm
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Seit die Fernsehleitung im vergangenen Jahr seine Sendereihe abgesetzt hat, kann Alexander Solschenizyn seine Landsleute nicht mehr über ihre Geschichte und Gesellschaft belehren. Auch die Verbreitung seines voluminösen Werks ist nicht gesichert, weil der frühere Armeeverlag Wojenisdat Solschenizyns letztes Hauptwerk „Das rote Rad“ nicht vollständig herausbrachte und die geplante Produktion seiner Gesamtausgabe aus Geldmangel gar nicht erst in Angriff nahm. Nur die Zeitschrift „Nowyj mir“ ist dem Autor treu geblieben und macht die Öffentlichkeit regelmäßig mit den Prosastücken bekannt, die Solschenizyn seit seiner Heimkehr geschrieben hat. Seit er das Riesenwerk „Das rote Rad“ abgebrochen hat, bevorzugt der Schriftsteller die kurze Form. Mit seinen jüngsten Texten, die unverändert den Charakter von Lehrstücken tragen, hat Solschenizyn ein eigenes Genre der zweiteiligen Erzählung geprägt. Zwei exemplarische Lebensläufe von Menschen aus dem Volk, welche die moralischen Anfechtungen der jüngsten und jüngeren Geschichte vor Augen führen, werden einander gegenübergestellt.

Die neueste Erzählung trägt den programmatischen Titel „Na islomach“, zu deutsch etwa „An den Bruchstellen“ oder „Im Zickzack“. Solschenizyn hat darin einen Vertreter der ihm so verhaßten Nomenklatura zu seinem Helden gewählt und beschreibt dessen Erlebniswelt im Stil des Sozialistischen Realismus. Er schildert, wie ein fleißiger, begabter Provinzler, der nach Kriegsende unter Stalin studierte, sich zum Parteifunktionär hocharbeitet und schließlich erfolgreich einen riesigen Rüstungskonzern leitet. Aufgrund der kopflosen Wirtschaftspolitik der Perestrojka geht der größte Teil des Betriebs zugrunde, doch dem lernfähigen Chef gelingt trotz seines Alters der Umstieg auf zivile Elektronik und Finanzgeschäfte. Die Figur ist die sowjetische Spielart des tatkräftigen „Machers“, der in jedem System nach oben gelangt. Der Held des zweiten Teils ist gebrochener. Aus einem angehenden Wissenschaftler wird im Zeitalter des wilden Kapitalismus ein Bankier, der eines Tages nur mit knapper Not einem Sprengstoffanschlag entgeht. Das Verbrechen wird nur nominell geahndet. Der Auftraggeber, der Chef einer konkurrierenden Firma, genießt offenbar höchste Protektion. Am Ende begegnet der junge Held dem betagten Roten Direktor aus dem ersten Teil der Erzählung. Wie dieser den in Bedrängnis Geratenen väterlich unter seine Fittiche nimmt, verbildlicht die Kontinuität der Generationen und Systeme.

Auch die Rechtschaffenen müssen mit der Lüge leben

Die Geschichte macht anschaulich, daß sozialer Erfolg nur um den Preis von schwerwiegenden Kompromissen mit dem Gewissen zu haben ist. Das gilt für das neue Rußland nicht weniger als fürs alte, sowjetische. Um dem Leser diese nationale Tragödie nahezubringen, hat Solschenizyn sympathische Helden geschaffen, die es aus einfachen Verhältnissen zu etwas bringen, dabei aber Verantwortungsgefühl für ihre Mitmenschen bewahren und gewissermaßen Stützen der Gesellschaft darstellen. Wie den Parteisekretär inmitten allgemeiner Armut bescheidene Privilegien verführen, erscheint menschlich und entschuldbar. Und daß ein Geschäftsmann mit dem Strom schwimmt, dubiose „Beziehungen“ nutzt und sein Geld am Rande der Legalität verdient, zeugt nur von Realitätssinn. In gewissem Sinn hat es die junge Generation heute sogar schwerer als die ihrer Väter, suggeriert die Geschichte, denn die Verhältnisse sind unübersichtlicher, und jeder weiß um die allgemeine Kriminalisierung. Der junge Bankier träumt jedenfalls vom ehrlichen Leben und gemeinnützigen Taten, verschiebt sie aber auf bessere Zeiten.

Mit der Figur des KGB-Beamten, der das Sprengstoffattentat untersucht, läßt Solschenizyn sogar einen nachdenklichen Geheimdienstler auftreten, welcher mit dem Geschäftsmann philosophische Betrachtungen darüber austauscht, wie lange wohl Rußland noch von Kriminellen regiert wird. Doch auf diese Frage weiß auch der Autor keine Antwort. Das gesellschaftliche System war und ist in Rußland so beschaffen, so könnte man die Botschaft des Textes zusammenfassen, daß auch die Rechtschaffenen, sofern sie nicht zum moralischen Heroismus begabt sind, mit der Lüge leben müssen.

Na islomach

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.1996, Nr. 167 / Seite 33
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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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