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Alexander Solschenizyn : Das Gewissen des neuen Russlands

Das unbestechliche politische Gewissen Russlands: Alexander Solschenizyn Bild: ASSOCIATED PRESS

Vom Osten her kam Solschenizyn aus dem amerikanischen Exil nach Russland zurück. Das war symbolisch. Denn Solschenizyn war kein Mann des westlichen Liberalismus, sondern ein moralischer Rigorist, der für das neue Russland die Rolle eines unbestechlichen politischen Gewissens spielte.

          Alexander Solschenizyn ist ein Beweis für die ungeheure, beinahe übermenschliche Kraft, die im historischen Unglück wurzeln kann - und damit ein echtes Symbol Russlands. Als ich vor siebzehn Jahren in Solschenizyns Heimatland übersiedelte, war er schon ein lebendes Monument. Der Schöpfer des literarischen Großwerks „Archipel GULag“, dessen Gesicht mit zunehmendem Alter dem eines Ikonenheiligen immer ähnlicher wurde, lebte damals in glänzender Isolation in seiner Einsiedelei im amerikanischen Bundesstaat Vermont, beinahe wie einer jener Eremitenmönche, die mit ihrer geistigen und physischen Fähigkeit das wilde Russland kolonisieren und ihm so etwas wie ein Einheitsgefühl vermittelt haben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Solschenizyns Agenda war eine Art Orthodoxie der politischen Moral. Er verteidigte eine ursprüngliche sittliche Lebensweise, die nicht von Versuchungen des modernen Lebens und des Genusses verunreinigt war. Solschenizyn war aber auch eine Kultfigur als Chronist jener Unterdrückungsmaschinerie, die Generationen seiner Landsleute erzog und die russische Gesellschaft bis heute trägt.

          Ein Volkserzieher

          Als bodenständiger Historiker, den die russische Provinz erzogen hatte, hielt er freilich vom westlichen Liberalismus nichts. Sein Ideal war eine traditionenbehaftete Basisdemokratie, für die er in der Schweizer Eidgenossenschaft ein modernes Vorbild fand. Für die politischen Debatten sowohl des Westens als auch Russlands in der hoffnungsfreudigen Perestojka-Zeit unter Gorbatschow wirkte er wie ein praxisferner und ein wenig freudloser Maximalist.

          Solschenizyns Größe verdanken wir nicht nur ein gewaltiges historiographisches Werk, in dem er vorzüglich Erinnerungen und Nachlässe von patriotischen Immigranten und Vertriebenen aufbereitet, die die Sowjetmacht aus dem öffentlichen Gedächtnis tilgen wollte, die aber auch keine Chance hatten, zum intellektuellen Weltbürgertum zu stoßen. Für den 1918 geborenen Alexander Solschenizyn, der in seiner Jugend Mathematiklehrer war, waren Schreiben und Leben eins. Wie die Sowjetmacht, die ihn ausbürgerte, verfolgte Solschenizyn eine volkserzieherische Absicht.

          Aus dem Osten

          Als Boris Jelzins demokratisches Regime das möglich machte, kehrte er 1994 heim, wie er es immer gewollt hatte - aber diese Rückkehr vollzog sich wohlgeplant und inszeniert wie die Heimkehr des verlorenen Propheten. Er zog von Osten her in Russland ein, landete zunächst an der Pazifikküste, und wie er dann im eigenen Eisenbahnzug quer durch Sibirien nach Moskau fuhr und mit Intellektuellen, Wissenschaftlern vor allem, aber auch mit einfachen Leuten aus dem Volk zusammenkam, das geriet zum Lehrstück darüber, dass in Russland das Licht der Aufklärung nicht immer aus dem Westen kommen muss.

          Das bekräftige Alexander Solschenizyn anschließend in Moskau durch die von ihm gestiftete Bibliothek für Literatur der russischen Emigration. Zu ihr gehören auch ein Verlag und ein Konferenzzentrum, wo jährlich der Solschenizynpreis an Schriftsteller und Literaturwissenschaftler vergeben wird.

          Ein später Tadel

          Für das neue Russland spielte Alexander Solschenizyn die Rolle eines unbestechlichen politischen Gewissens. Als solches wurde er hoch geachtet, aber schließlich auch verdrängt. Wie ein Gewissen hatte Solschenizyn nur ex cathedra gesprochen - er trat nie in Dialog. Journalisten erfüllten für ihn nur die aufzeichnende Eckermann-Funktion. Solschenizyn trat als Redner vor der Duma auf, er mahnte Präsident Jelzin zu einem verantwortungsvoll konservativen Reformkurs, und er appellierte an dessen Nachfolger Putin, sorgsamer und pfleglicher mit der bersorgniserregend schrumpfenden russischen Bevölkerung umzugehen.

          Als Putins Regiment dann immer härter wurde, rang sich Solschenizyn gegen Ende von dessen zweiter Amtszeit dazu durch, die Macht der Geheimdienste als verderblichen Menschenfeind zu tadeln. Doch diese kurze Verlautbarung blieb unbeachtet. Solschenizyn Schweigen klang fortan, als habe das literarische Denkmal still resigniert.

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