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Alexander Kluge: Das Bohren harter Bretter Politikverdrossenheit der Politik

 ·  Max Weber hat Politik als das Bohren harter Bretter beschrieben. Alexander Kluge beschreibt nun in 133 Geschichten eine weichgespülte Politik, die das Interesse am Bohren verloren hat. Denn auch die Politik ist mittlerweile politikverdrossen.

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Früher trat man an, heute tritt man ab. Willy Brandt stellte sich dreimal zur Wahl des Bundeskanzlers: Im Jahr 1961 verlor er gegen den fünfundachtzigjährigen Konrad Adenauer, im Jahr 1965 gegen Ludwig Erhard. Wieder und wieder wurde Brandt für seine nichteheliche Herkunft und für seine Zeit im Exil angegriffen. Aufgrund der erlittenen persönlichen Verletzungen wollte er nicht mehr für ein hohes Staatsamt kandidieren - und tat es doch. Im Jahr 1969 wurde er Bundeskanzler und trieb die „Neue Ostpolitik“ trotz erheblicher Gegenwehr voran. Brandts Handeln entsprach Max Webers Satz, Politik meine „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“. Heute hingegen erscheint das Bretter-Business als unattraktiv: Gerhard Schröder, Horst Köhler, Roland Koch und Ole von Beust jedenfalls hörten einfach damit auf.

In seinem neuesten Buch, einer Teamarbeit („Mitarbeit und Redaktion: Thomas Combrink“), will Alexander Kluge noch einmal an Webers Satz anknüpfen. Kluge fragt nach dem Politischen, dem „zoon politikon“, den Interessen, Verhaltensweisen und Machtmitteln des Politikers, die es erlauben sollen, Webers harte Bretter zu bohren. Die Umsetzung entspricht Kluges Arbeit als Filmproduzent: Er legt eine Art Drehbuch vor, das in der Form von Text und Bild 133 wahre und erfundene Szenen aus dem politischen Leben vorführt.

Politische Strategie: Große Ziele vermeiden

Im Mittelpunkt des Buchs aber steht das Gegenteil: All das, was Politik unpolitisch macht und sie wie jedes andere Geschäft erscheinen lässt, das Menschen zum Zweck des Erwerbs von Geld, Ansehen und dergleichen verrichten. Es geht um Gefälligkeiten, Netzwerke, Opportunismus, dysfunktionale Beamtenapparate, opulente diplomatische Rituale, „Geschehenlassen“, Kompromisse, runde Tische, volle Bäuche, „Augenmaß“ und Ohnmacht der Politik angesichts wirtschaftlicher Macht. Kluge erzählt verblüffende Geschichten und verbindet sie durch das Bretter-Motiv: Die Spannbreite reicht von der Angst des Duce Benito Mussolini, sich aus den Fängen Hilters zu lösen und also ein dickes Brett zu bohren. Umgekehrt erörtert Kluge auch die Gebrechen der NS-Führungskreise. Er zitiert aus den Aussagen des berüchtigten NS-Arztes Karl Brandt, die über seine Hybris Auskunft geben: Hätten die Funktionäre nicht ständig unter Magen-Darm-Krankheiten gelitten, so Karl Brandt über die aus seiner Sicht verfehlten „body politics“ seiner Gesinnungsgenossen, wäre der Krieg nicht verloren worden.

Aus dem politischen Personal der Gegenwart lässt Kluge vor allem Angela Merkel auftreten: Sie darf nicht „Ich“ sagen, wenn sie die Parteien an einen Tisch bekommen und Verhandlungsergebnisse erzielen will. Ihre politische Strategie besteht mittlerweile darin, dass sie große Ziele vermeidet.

Prekäre Selbstberichte

Der Lehrter Bahnhof erscheint als Symbol für die neue Weichheit der Berliner Republik. Er befindet sich im Zentrum und zugleich in der Ödnis, soll Süd- und Nord-, Ost- und Westeuropa vernetzen und wirkt doch provinziell. Auch der Blick auf den Frankfurter Flughafen und die Startbahn West, die Erinnerung an die Ära der großen ideologischen Gegensätze vermag keine Härten oder besser: keine Spannung zu erzeugen. Wer heute gegen die vierte Startbahn demonstrieren wollte, befindet sich im medialen Off. „Die öffentliche Aufmerksamkeit ist in depressiver Art abgewandert“, diagnostiziert Kluge.

Politisch prekäre Selbstberichte hingegen weisen auf verborgene politische Spannungen hin: Ein Berater in Entführungsfällen (Schwerpunkt: Westafrika) erzählt von Verhandlungen mit Entführern, kriminalistischen Erkundungen und den politisch verpönten Zahlungen von Lösegeld.

Sarrazin als Liebhaber harter Bretter

Die Spannung steigt erneut, wenn Kluge Jürgen Habermas zitiert. Habermas empört sich und wirkt mit seinen begrifflich scharfen Analysen wie ein Gegenpol zu Kluge, der filmt, sondiert, assoziiert. Angesichts der ökonomischen Krise Griechenlands stimmt Habermas das ceterum censeo der Kritischen Theorie an: Die Öffentlichkeit wird durch politische Einrichtungen nicht rechtzeitig und angemessen informiert, das Politische erhält keine Chance, wenn Entscheidungen im Verborgenen beraten und gefällt werden. Kluge kommentiert Habermas' Empörung lakonisch: „Ein Philosoph wird von jedem Ort der Welt aus reflektieren.“

Ein vergleichbarer Unterschied wird bei der Revision des Begriffs „Dezisionismus“ sichtbar. Habermas bezeichnet damit ein politisches Vorgehen, das nicht auf Teilhabe, Kommunikation, Anhörung aller Parteien angelegt und also undemokratisch ist. Kluge prüft den Begriff am Beispiel Thilo Sarrazins - des frühen Sarrazins, der als Staatssekretär für die deutsch-deutsche Währungsunion zuständig war. Sarrazin gilt Kluge als Liebhaber harter Bretter, als einer, der sich gern durchsetzt - im Zweifel dezisionistisch. Aber selbst er erscheint im Blick auf seine wirtschaftspolitischen Entscheidungen als zu wenig entschieden: „Bin ich Hartbrettbohrer, muß ich göttergleich sein. Fehler werden nur bei allseitiger Teilhabe verziehen!“ Dezisionismus aber ist mit Webers harten Brettern nicht identisch. Vielmehr wollte Weber mit seinem Bild vom Bohren auf die Energie verweisen, derer es bedarf, um politische Anliegen durchzusetzen.

Drehbuch für ein Gegenprogramm

Seine harten Bretter wurden durch die Zeitläufte weich gespült. Die politische Gegenwart widerspricht Webers Satz nicht nur, sondern verkehrt ihn geradezu ins Gegenteil. Wer heute Politik treibt, nimmt von Idealen und großen Ziele Abstand, um Karriere zu machen. Er lernt Kommunizieren, befasst sich mit Marketingstrategien und lässt beim Politisieren gar nicht erst die Idee aufkommen, es ginge ihm um Politik nach Weber.

Kluges Buch treibt den Befund von der Politikverdrossenheit der Politik paradoxerweise gerade deshalb hervor, weil es ein unpolitisches Buch über Politik ist. Es beobachtet und notiert gründlich, liefert Indizien für eine spannende These, die es bedauerlicherweise nicht formuliert, Dokumente für eine Analyse, die noch zu leisten wäre. Kluge entwirft ein Drehbuch für ein Gegenprogramm, das die apolitischen politischen Verhältnisse anklagt, aber in der vorliegenden Form noch die Pointe vermissen lässt. Kluge aber wäre nicht Kluge, wenn es dabei bliebe. Menscheleien jedenfalls scheinen auch in der Politik „alternativlos“ zu sein. Gerade deshalb wäre es für ein demokratisches Gemeinwesen fatal, wenn das Bohren harter Bretter (nicht im Sinne Sarrazins, sondern im Sinne Willy Brandts) nurmehr als unmenschliches Wagnis erscheint.

Alexander Kluge: „Das Bohren harter Bretter“. 133 politische Geschichten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. geb., 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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