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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Alex Capus: „Himmelsstürmer“ Der Lebenslauf ist mitunter ein aufregender Sport

 ·  Glücksrausch im Ballon: In seinem neuen Buch schildert der Schweizer Autor Alex Capus solide und faktensicher das Leben von zwölf Himmelsstürmern. die von ihrem Genie oder auch von einem Spleen um die Welt getrieben wurden.

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Dies ist ein Buch für die Krise. Zeigt es doch, dass prinzipiell nichts unmöglich ist und es auch schlimmstenfalls immer noch besser werden kann. Der Schweizer Alex Capus schildert Biographien, die man für kaum glaublich halten würde, wären sie nicht verbürgt. Sein Stil ist geschult am soliden, faktensicheren Erzählen des Realismus, aber die Mentalität und die Themen seiner Bücher sind romantisch. Immer wieder erzählt er von Menschen, die sich mit ihrem Alltag nicht abzufinden gedenken, von Aussteigern, Ganoven, Lebenskünstlern, von großen Reisenden und Erfindern, von Unternehmern, die die Ärmel hoch- und die Welt umkrempeln, von Menschen, die nicht vom Brot allein leben, sondern von ihrem Genie oder ihrem Spleen um den Globus getrieben werden.

Zwischen seinen Romanen legt der begnadete Geschichtenfinder Sammlungen mit literarischen Porträts vor. Nach den „Patriarchen“ der Gründerzeit sind es diesmal zwölf „Himmelsstürmer“, wobei der Begriff sowohl wörtlich wie im übertragenen Sinn zu verstehen ist. „Ihn nicht entsetzlich zu finden fällt schwer“, schreibt Capus in einem fulminanten Kapitel über den berühmtesten Schweizer Revolutionsexport vor Lenin. Gemeint ist der kleine, krumme, von den Krusten seiner Hautkrankheit entstellte Jean-Paul Marat, ein gedemütigter Mann und ehrgeiziger Arzt, der sich nicht damit begnügen wollte, ein gefragter Tripperdoktor zu sein. Zum Heiler der Menschheit fühlt er sich berufen. Die letzten vier Jahre seines Lebens, Jahre der permanenten Revolution, verbrachte er dauerschreibend als Herausgeber und Hauptautor des legendären „L’Ami du Peuple“ im Pariser Untergrund.

Flirt mit dem Revolutionär

Dabei traf er irgendwann auf ein vormaliges Schweizer Landmädchen namens Marie Grosholtz. Sie bezichtigte sich später des Flirts mit dem Revolutionär; da war sie schon weltberühmt als Madame Tussaud und bemühte sich, auch ihr Vorleben etwas prickelnder zu gestalten. Capus entwickelt viel Sinn für wunderliche Zufälle und merkwürdige Zusammentreffen, für die prägnanten Momente, in denen sich Lebensläufe kreuzen, um dann wieder in ganz verschiedene Richtungen auseinanderzustreben.

Capus’ Helden sind Artisten des Scheiterns und des Neubeginns, wie Hans Jacob Meyer, der – ohne je Medizin studiert zu haben – als Lazarettarzt unter die Philhellenen geriet. Das waren jene jungen Idealisten oder auch verkrachten Existenzen, die nach 1820 aus ganz Europa herbeigereist kamen, um am Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken teilzunehmen. Der Berühmteste unter ihnen war der schwerreiche Lord Byron mit seiner Leibgarde von sechsundfünfzig Mann. Der Dichter-Dandy war auf politischer Sinnsuche, fand aber bloß den Tod – in Missolunghi starb er, vermutlich an der Malaria, ganz sicher aber in den Armen Hans Jacob Meyers.

Uraltes Soldatenweib

Dass manche Frauen bereits vor zweihundert Jahren Beruf und Kinderaufzucht zu vereinbaren wussten, dafür bürgt das Porträt der Regula Egli, geboren 1761 in einem Schweizer Bauerndorf. Sie heiratete früh den schicken Gardisten Florian Engel, der seinen Treueid auf den französischen König brach, um Napoleon zu dienen. Gemeinsam zog das Paar fortan über die europäischen Schlachtfelder, Regula ständig schwanger – einundzwanzig Kinder gebar sie auf und zwischen den Feldzügen; die meisten wurden nicht alt. Selbst im Rang eines Leutnants kämpfend, musste sie erleben, wie ihre Söhne und schließlich auch ihr zeugefreudiger Mann erschlagen wurden. Müde von all den Kämpfen und Geburten reiste die Mittfünfzigerin an den Mississippi, um sich bei einem ihrer Söhne zur Ruhe zu setzen. Sie kam aber nur gerade rechtzeitig, um ihren „lieben Caspar“ zu begraben. Später lebte sie von der Schweizer Armenfürsorge, ein uraltes Soldatenweib, das Ungeheuerliches zu erzählen hatte und sich mit ihren Memoiren ein kleines Zubrot verdiente.

Besonders angetan haben es Capus die Erfinder, die mit ihren Ideen zu früh kamen, wie Samuel Johann Pauli, der ein den traditionellen Vorderladern weit überlegenes Hinterlader-Repetiergewehr entwickelte. Napoleon lehnte die Waffe ab – im Krieg gebe es keine Mittel für die Massenproduktion, lautete die aberwitzige Begründung. Später kam Paulis Gewehr zu den Preußen, die sich damit zur Reichsgründung schossen. Der Erfinder aber war längst unter die Ballonbauer gegangen und hatte ein lenkbares fischförmiges Luftschiff entwickelt, das die Sensation in London war – nur leider niemals einen Fingerbreit vom Boden abhob.

Nobler Luftschiffer für Snobs

Das längste und zugleich poetischste Porträt aber ist einem wirklichen Himmelsstürmer gewidmet, dem noblen Luftschiffer Eduard Schweizer, der sich Spelterini nannte. Im neunzehnten Jahrhundert galt es als äußerst schick und verwegen, sich für gutes Geld einen Platz im Korb eines Ballons zu sichern. Spelterini verschaffte den jungen Snobs in den europäischen Hauptstädten das Vergnügen. Wo er mit seinem sonnengelben Flieger in die Lüfte stieg, stellten sich Tausende von Schaulustigen ein. Capus beschreibt es mit Worten, dass man am liebsten selbst sofort einsteigen und mitschweben möchte, um den Glücksrausch des Ballonflugs zu erleben. Wissenschaftler begannen in Spelterinis Gondel vor Seligkeit zu weinen, vergaßen aber nicht die Experimente, die Zweck ihres Höhenflugs waren. Spelterini machte gute Geschäfte mit spektakulären Luftaufnahmen und überflog als Erster mehrfach die Alpen. Dann aber brach die Epoche der lärmenden Motorflugzeuge an, eines Gentlemans nicht würdig. Der mondäne Spelterini geriet in Vergessenheit, sein Vermögen schmolz dahin, und schließlich musste er sich mit seinem Ballon als Attraktion in einem ordinären Vergnügungspark verdingen.

Capus bietet nicht nur Lesevergnügen, sondern auch spannende historische Perspektiven, gerade weil er die Hauptstraßen der Überlieferung meidet und sich stattdessen lustvoll auf Nebenwegen ergeht. Er versteht sich auf die Kunst, seine Texte leicht und unangestrengt wirken zu lassen; das Vorwort will er gar auf der Sonnenterrasse des Oltener Stadtbads verfasst haben. Den wahren Arbeitsaufwand verraten die letzten acht Seiten des Buchs: nichts als Quellenangaben.

Schelmenhafter Humor

Ohne dass er den Ehrgeiz hätte, einen Roman in zwölf Geschichten zu schreiben, stellt Capus doch zahlreiche Verknüpfungen her. Die ägyptischen Söhne der Regula Engel geistern auch durch andere Biographien, und erst recht im Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud laufen diverse Fäden zusammen. Jede Lebensgeschichte lässt sich mit jeder beliebigen anderen verbinden, wenn man nur den scharfen und zugleich freizügigen Sinn für die Zusammenhänge hat – und ein bisschen schelmenhaften Humor dazu.

Das frische Staunen über die Menschen und das Menschenmögliche ist die Tugend dieses Erzählers. Der aufregendste Sport ist für ihn der Lebenslauf. Und der ist, jedenfalls bei Himmelsstürmern, niemals eine berechenbare Parabel, sondern eine verwinkelte Strecke, die selten zum Ziel führt. Unterwegssein ist alles.

Alex Capus: „Himmelsstürmer“. Zwölf Portraits. Knaus Verlag, München 2008. 208 S., geb., 14,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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