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Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer : Der Sohn des Zeichners, die Nachtigall von Kiew und der Atomphysiker

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Bild: Hanser

Schlüssellochblicke und Originalfälschungen: In seinem neuen Roman entwirft Alex Capus drei Lebensbilder - zu gefällig, um wahr zu sein.

          Verglichen mit den sonst eher lyrisch zurückhaltenden Titeln seiner Romane („Fast ein bisschen Frühling“), klingt „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ geradezu reißerisch. Tatsächlich verflicht Alex Capus in seinem neuen, am kommenden Montag erscheinenden Roman nur in bewährter Manier historisch-biographische Lebensbilder von drei Helden wider Willen, die sich im November 1924 im Zürcher Hauptbahnhof hätten begegnen können.

          Der Fälscher war damals auf dem Weg nach Villeneuve, wo er die Asche seines Vaters im Genfer See ausstreuen wollte, die Spionin eine angehende Tingeltangel-Sängerin auf der Durchreise nach Marseille, der Bombenbauer noch ein pazifistischer Maschinenbaustudent und Gullydeckelspezialist in Zürich. Alle drei sollten eine gewisse Berühmtheit erlangen, alle mussten einige ihrer hochfliegenden Pläne und Ideale aufgeben. Von „eleganten Niederlagen“ kann man dennoch kaum sprechen, und die jedes Überwachungsprogramm hellhörig machenden Reizwörter „Bombenbau“, „Spionage“ und „Fälschung“ führen erst recht in die Irre.

          Die Recherche als Quell von Träumen

          Eigentlich müsste das Buch „Der Sohn des Zeichners, die Nachtigall von Kiew und der Atomphysiker“ heißen. Felix Bloch (1905 bis 1983) war Heisenbergs Assistent, Mitarbeiter an Oppenheimers Atombomben-Projekt in Los Alamos und 1952 Nobelpreisträger für Physik. Laura d’Oriano (1911 bis 1943), Hutverkäuferin und Kosakensängerin in Matrosenkaschemmen, wurde von den italienischen Faschisten als Spionin hingerichtet. Emile Gilliéron (1885 bis 1939) war weder Widerstandskämpfer noch der „größte Fälscher aller Zeiten“. Der Kunstmaler hatte zwar als Zeichner des britischen Knossos-Archäologen Arthur Evans hier und da geschönt und geschummelt und sich mit dem Vertrieb minoischer Replika und „Originalkopien“ bereichert, aber das war damals noch kein Verbrechen an der Wissenschaft. Schon Emiles Vater (für den sich Capus eigentlich mehr interessiert) hatte als Zeichner Heinrich Schliemanns aus Steinhaufen und zweifelhaften Fundstücken trojanische Fresken, den Schatz des Priamos und Agamemnons Totenmaske „rekonstruiert“.

          Capus, der große, blonde und blauäugige Schweizer Siegfried aus Olten, rekonstruiert ebenfalls aus eher unspektakulären Lebensläufen Sternstunden der Menschheit. In bislang fünfzehn Romanen und Erzählungen porträtierte er, einzeln oder im Dutzend, Schweizer Entdeckungsreisende wie Munzinger Pascha, Patriarchen wie Nestlé und Maggi, unkonventionelle Liebespaare („Léon und Louise“), antifaschistische Bankräuber und Pioniere des Wilden Westens („Skidoo“). Es sind sauber recherchierte, flüssig erzählte „faktentreue Träume“, deren Lücken Capus mit Mutmaßungen, Klischees und politisch korrekter Gesinnungsstärke ausfüllt.

          Seine Betroffenheit bleibt Behauptung

          Nichts gegen die dokumentarische Methode. Neben den Erfindern gab und gibt es in der Literatur immer auch die Finder, die die historischen Fakten neu arrangieren, umschreiben, verdichten, Autoren wie Erich Hackl, F. C. Delius oder, nun ja, der späte Günter Grass. Allerdings hat sich herumgesprochen, dass die historische Wahrheit nicht so einfach zu haben ist: Skepsis und Zweifel, das Infragestellen von Erinnerung, Überlieferung und Erkenntnisinteresse sind in der Moderne Teil der Erzählung.

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