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Aleksandar Hemon: Liebe und Hindernisse : Was der Duschvorhang erzählt Literatur

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Lakonische Geschichten der Unrast: Nach seinem Romanerfolg „Lazarus“ wandert der aus Bosnien stammende Schriftsteller Aleksandar Hemon in den Fußstapfen Joseph Conrads und erzählt vom Unbehaustsein im amerikanischen Exil.

          Es war eine vollkommene afrikanische Nacht, wie bei Joseph Conrad: Die Luft war teigig und reglos vor Feuchtigkeit ..." Für seinen neuen Erzählband wählt der 1964 in Sarajewo geborene Aleksandar Hemon Conrads "Herz der Finsternis" als narrativen point of departure. Nicht zufällig: Mit gut zwanzig kam Hemon 1992 als Stipendiat nach Chicago, nach Ausbruch des Bosnien-Krieges blieb er als Exilant in der windigen Stadt am Michigansee, ein translated man, dem ähnlich seinem großen aus Polen stammenden Vorbild die englische - besser die amerikanische - Sprache mehr als eine vorübergehende Zuflucht bot.

          In acht Erzählungen begleiten wir Hemons literarisches Alter Ego durch zahlreiche Stationen der Unbehaustheit. Alles beginnt 1983 im Kongo, wo der sechzehnjährige Erzähler mit Conrad unterm Arm seinen Vater, einen subalternen jugoslawischen Diplomaten, besucht und fasziniert ist von einem gewissen Spinelli, einem philosophierenden Lebemann und Abenteurer. In einer anderen Geschichte wird eine Hamsterreise im Vorkriegsjugoslawien - es geht um eine aus einer weit entfernten Stadt zu erstehende Tiefkühltruhe - zum enttäuschenden Initiationserlebnis auf dem Weg ins Erwachsenwerden, und in Chicago treffen wir den Erzähler wieder, als Flüchtling, dessen Einzimmerwohnung mit zerschlissener Matratze und stockfleckigem Duschvorhang einem "Mahnmal für die Mühsal des Immigrantenlebens" gleicht.

          Zahlreiche Stationen der Unbehaustheit

          Zwischen der alten und der neuen Welt geht es hin und her, Kindheitserinnerungen an die Zeit, als der bosnische Junge in unzähligen Spielplatzkriegen den amerikanischen Elitesoldaten mimt, und Begegnungen im Sarajewo von heute, wo sich der aus Chicago angereiste Exilschriftsteller auf Heimaturlaub im bescheidenen Wohnzimmer seiner Eltern gemeinsam mit einem Pulitzerpreisträger eine tonlose Nachrichtensendung über den Irak-Krieg anschaut. Jahre später wird er bei einer Lesung seines prominenten amerikanischen Kollegen diese Szenerie in dessen Roman wiedererkennen. Die Grenzen zwischen gestern und heute, Erzähltem und Erlebtem, Tragödie und Komödie, Sarajewo und dem Mittleren Westen lösen sich auf - während der Krieg in Bosnien tobt, versucht der Erzähler in Chicago mit dem Verkauf von Zeitschriftenabos an der Haustür sein Überleben zu sichern und wird dabei Zeuge so mancher amerikanischen Tragödie.

          Aleksandar Hemons Roman "Lazarus" wurde im vergangenen Jahr auch in Deutschland begeistert aufgenommen. Wie der Roman erzählt der neue Band in brillanter Lakonik Geschichten der Unrast, des ewigen Exils, Melancholisch-Bitteres über die Aberwitzigkeit der Existenz und den Versuch, "unsere flüchtige Präsenz in der Welt" mittels der Literatur zu bestätigen und zu begreifen.

          Die Grenzen zwischen gestern und heute

          So sehr seinen Helden in der ungeliebten neuen Heimat der american way of life auf die Nerven geht - College-Football und fehlende Straßencafés, der Puritanismus und der koffeinfreie Kaffee, die Sitte, Verabredungen Wochen im Voraus treffen zu müssen, oder die Jesus-Freaks - so sehr bewundern sie die Demokratie, den amerikanischen Traum und die englische Sprache, in der eben auch Conrad, Hemingway und die Rockballaden-Dichter schrieben. Die Fremde ist kein "Stairway to Heaven", doch sie liefert ganz im Sinne Buddhas "noble Weisheiten des Leidens". Hemon macht daraus schöne Geschichten.

          Aleksandar Hemon: „Liebe und Hindernisse“. Stories. Aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Hermstein. Albrecht Knaus Verlag, München 2010. 256 S., geb., 17,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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