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Alain Mabanckou: Stachelschweins Memoiren : Gott weiß, dass ich ein Opfer der Gebräuche bin

Bild: Verlag

Ein Doppelgänger erzählt: In „Stachelschweins Memoiren“ treibt der aus Kongo stammende Franzose Alain Mabanckou sein Spiel mit afrikanischem Aberglauben und europäischen Vorurteilen.

          Sehr oft, wenn Frankreich wieder über seine Identität und notgedrungen also auch über Integration und Immigration diskutiert, wird Alain Mabanckou befragt. Der 1966 in Kongo-Brazzaville geborene Schriftsteller, der 1989 nach Paris kam und mit Hilfe eines Stipendiums dort sein Jura-Studium beendete, ist in Frankreich so jemand wie in Deutschland vielleicht Feridun Zaimoglu - ein Mann, von dem man gern hören möchte, wie der andere, noch immer als fremd empfundene Kulturkreis funktioniert, dessen Mitglieder doch seit Jahrzehnten zu den eigenen Nachbarn zählen. Im Fernsehen, in Zeitungsinterviews und bei Veranstaltungen, die oft viele Menschen besuchen, erklärt Mabanckou dann, was seine afrikanische Herkunft für ihn bedeutet oder wie die afrikanischen Cercles funktionieren, die etwa im Pariser Viertel Goutte d’Or ein Zuhause gefunden haben.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von eben diesen Kreisen handelte auch sein Roman „Black Bazar“, der 2009 in Frankreich erschien und sein erstes Buch war, das ins Deutsche übersetzt wurde. Mabanckou erzählte darin von den Problemen der afrikanischen Einwanderer in Paris, wobei er den Fokus weniger auf den Rassismus und die Vorurteile der französischen Gesellschaft legte als vielmehr auf die Fremdenfeindlichkeit, welche die Afrikaner aus Kamerun, dem Tschad und der Elfenbeinküste untereinander hegten. Das Buch enthielt zwar durchaus gesellschaftskritische Töne gegenüber Frankreich, es war aber auch eine Milieustudie, ein Roman über innerafrikanische Konflikte in Paris. Dort wurde „Black Bazar“ zum Bestseller, in Deutschland haben sich die Kritiker sehr lobend über das Werk geäußert. Dies vor allem dürfte den Münchener Liebeskind Verlag auch dazu bewogen haben, nun ein zweites Buch von Mabanckou in deutscher Übersetzung herauszubringen: „Stachelschweins Memoiren“ ist in Frankreich schon 2006 erschienen, im selben Jahr ist Mabanckou dafür mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet worden, was zweifelsohne mit dazu beigetragen hat, dass er sich als afrikanischstämmiger Schriftsteller in Frankreich behaupten konnte.

          Das Erzähler-Tier wird zum Doppelgänger

          Denn bei Lichte betrachtet sind „Stachelschweins Memoiren“ ein viel schwieriger zugängliches Werk als „Black Bazar“ es war. Es kommt ohne deutliche Bezüge zu Frankreich, ja zu Europa überhaupt aus und entführt den Leser stattdessen in die allertiefste afrikanische Provinz, in der das Leben von uralten Traditionen und mythisch anmutenden Vorstellungen geprägt ist. Alles ist anders in dieser Lebenswelt, und dieses Andere stellt der Roman auch auf eine Weise dar, die von dem, was wir an erzählerischen Strukturen gewohnt sind, deutlich abweicht. So hat Alain Mabanckou zwar im Grunde eine Fabel geschrieben, aber er treibt diese Form auf die Spitze, indem er auf auktoriale Erzählerschaft verzichtet und ein Stachelschwein als Ich-Erzähler die Stimme erheben lässt. Dass der Bericht dieses Tieres ohne Punkte, nur durch Kommata und Absätze strukturiert, auskommt, mag man zwar noch als Erinnerung an die (europäische) Tradition verstehen, nach der Fabeln oftmals mündlich erzählt oder vorgelesen wurden. Plausibler aber ist, dass die besondere formale Struktur der Erzählweise afrikanischer Kulturen geschuldet ist, deren Sprachen häufig ja gar nicht in geschriebener, sondern nur in gesprochener Form existieren.

          Aber auch inhaltlich erweist Mabanckou seiner Herkunft die Ehre. Er hat selbst gesagt, er habe für dieses Buch auf eine Geschichte zurückgegriffen, die ihm seine Mutter erzählte, als er ein Kind war. Um dafür zu sorgen, dass er vor Anbruch der Dunkelheit nach Hause kam, drohte sie ihm damit, dass ihn andernfalls draußen die Stacheln eines Stachelschweins treffen würden. Genau dies geschieht in dem Roman: Gemäß einem im Land verbreiteten Glauben wird das Erzähler-Tier zum Doppelgänger eines Mannes namens Kibandi. Es gibt friedliche und schädliche Doppelgänger. Während Erstere ihren Herren wie Schutzengel begleiten, sind Letztere dazu verpflichtet, alle von ihm erteilten Aufträge zu erfüllen, seien sie auch noch so grausam. „Die Menschenwesen, deren tierische Inkarnation wir dann werden, können Gefühle wie Mitleid, Reue, Barmherzigkeit nicht mehr in sich aufkommen lassen, sie jonglieren mit der Nacht.“

          Ein Plädoyer für Bildung, Bücher und das Lesen

          Auch Kibandi schickt seinen Doppelgänger immer nachts zu seinen Feinden, die das Tier dann mit dem gezielten Wurfs eines Stachels erledigt. Lagen den Aufträgen des Herren dabei anfangs noch Motive wie Rache, Eifersucht oder Habgier zugrunde, schwingt er sich aber bald wegen jedem banalen alltäglichen Ärger zum Herrscher über Leben und Tod auf. Das bleibt nicht ohne Folgen. Denn auch andere Menschen haben übernatürliche Kräfte. Bei dem Kampf mit den geisterhaften Schergen eines Babys, das Kibandi einst umbringen ließ, verliert er selbst sein Leben - anders als es Sitte ist, stirbt sein Doppelgänger aber nicht mit ihm. Das Stachelschwein überlebt, flieht, lässt sich am Fuße eines alten Baumes nieder und erzählt ihm (und dem Leser) seine Geschichte.

          In diesem Bruch mit den Gebräuchen liegt natürlich eine Chance, und wenn man so möchte, auch eine von mehreren moralischen Botschaften der Geschichte. Denn Mabanckous Buch ist eine mal komische, mal scharfe Parodie über den in Teilen Afrikas nach wie vor starken Glauben an Hexerei, Magie und dunkle Kräfte aller möglichen Art. Es ist ein aufklärerisches Buch, weil er seinen Erzähler nicht an die Wiedergeburt im Jenseits glauben, sondern es im positiv altmodischen Sinn an seinem jetzigen Dasein festhalten lässt. Es ist ein Plädoyer für Bildung, Bücher und das Lesen, aber auch eine Kritik an dem Bild, das sich die westliche Zivilisation, die im Roman in Gestalt einer Gruppe von Ethnologen erscheint, von Afrika macht. Es ist ein komplexes, hakenschlagendes Spiel mit afrikanischen Überlieferungen und europäischen (Leser-)erwartungen, an dessen Ende mehr Fragen gestellt, als Antworten gegeben werden. Mit einem Wort: Es ist ein bemerkenswerter, kluger Roman.

          Alain Mabanckou: „Stachelschweins Memoiren“. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Verlag Liebeskind, München 2011. 192 S., geb., 18,90 €.
           

          Quelle: F.A.Z.

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