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Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit Eine Ewigkeit bis viertel nach sieben

30.07.2010 ·  Alain Claude Sulzers neuer Sohn-Vater-Roman rekonstruiert das Drama eines jungen Lebens, das in die Normalität gezwungen wurde. Die Zeitebenen dieses Romans sind reichhaltig geschichtet zwischen der Jugendzeit des Vaters, der Jugendzeit des Sohns und einem „Heute“.

Von Joseph Hanimann
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Ein Siebzehnjähriger begibt sich auf Spurensuche nach seinem früh verstorbenen Vater und lernt dabei die Welt kennen. Hundertmal haben wir das gelesen. Alain Claude Sulzer ist aber ein zu guter Feinmechaniker der emotionalen Zeitdehnungen und Sekundensprünge, als dass er in seinem neuen Roman einfach die Etappen dieses Wegs durchticken ließe. Sein junger Erzähler muss schon zur Lupe greifen, um auf dem offenbar im Studio entstandenen Porträtfoto vom Vater, dem praktisch einzigen erhaltenen Erinnerungsstück, Marke und Modellnamen der gut sichtbaren Armbanduhr entziffern zu können: „Seamaster“ von Omega. Die Uhr zeigt auf dem Bild viertel nach sieben, ein ungewöhnlicher Fototermin, morgens wie abends.

Von dieser Aufnahme nimmt an einem Nachmittag, an dem der Junge das seit Jahren auf dem Bücherregal stehende Porträt zum ersten Mal wirklich wahrnimmt, die Spurensuche wie ein plötzlich aufgezogenes seelisches Räderwerk ihren Anfang. Auch das wäre indessen noch nicht genug, um diesen Roman interessant zu machen. Er enthält überdies einen authentischen Stoff aus verhaltener Leidenschaft und nachhallender Geringfügigkeit.

Im Nachtzug nach Paris

Die Uhr jedenfalls – für jene Nachkriegsgeneration, zu der der Erzähler gehört, ein Fetischobjekt des Erwachsenwerdens – wird für den Jungen wichtiger als alle anderen bei der Nachforschung allmählich auftauchenden Erinnerungsgegenstände. Sie muss er haben, sie steht ihm allein zu als Erbstück des Vaters. So verlässt er insgeheim das Haus seiner Mutter in einem Deutschschweizer Irgendwo und nimmt den Nachtzug nach Paris: ein Paris, in dem Baltards Markthallen kurz vor dem Abriss stehen, also Anfang der siebziger Jahre, wo die billigen Hotels noch lärmende Familienbetriebe mit ständig laufendem Fernseher sind und wo auch Minderjährigen trotz Ausschankverbot an der Bar bis zur Bewusstlosigkeit billiger Rotwein serviert wird. In diesem Paris trifft der Junge den Fotografen der besagten Aufnahme. Er war ein Jugendfreund seines Vaters und auch noch etwas mehr. Und langsam erfährt der Junge auch, warum sein Vater mit vierundzwanzig Jahren sich umgebracht hat.

Dem Autor Sulzer geht es offensichtlich nicht um detektivische Präzisionsarbeit, bei der im Nachforschen atemberaubend eine Teilwahrheit genau in die nächste passt. Wichtiger scheint ihm das allmählich aufscheinende Porträt eines Mannes zu sein, der als Heranwachsender darunter litt, dass er als einziger spontan nicht den Mädchen, sondern den Jungen nachschaute, und mehr noch dadurch, was die ihn umgebende Bürgerwelt aus ihm machte. Eine Welt, die in seinem Land an keinem Weltkrieg zerbrochen war und ihn dann in eine ihm widrige Lebensnormalität zwang, an der er schließlich selbst zugrunde ging. All dies erfährt der Sohn allmählich in Paris. Sein Vater sei ein Opfer der Umstände gewesen, „es war die falsche Zeit“, raunt ein geschwätziger Kenner der Geschichte ihm zu: deshalb wohl auch das mit der Klinik. – Klinik? – Ja, der Vater war wiederholt in der Klapsmühle.

Wir wollten nur dein Bestes

Fragt sich nur, warum kurz vor der Romanmitte die Erzählperspektive abrupt umspringt und wir unmittelbar Zeugen werden, wie im November 1948 der noch nicht zwanzigjährige Emil Ott von den Eltern aus der Nervenklinik abgeholt und unter bedrückendem Schweigen im Auto nach Hause gefahren wird, bis die Mutter „Halt an! Stop!“ ruft und sich in ihren buckeligen grünen Hut übergibt. „Wir wolle nur dein Bestes“ – sagt Vater Ott. „Und genau das ist nicht, was ich will“, antwortet der Sohn. Plötzlich wissen wir viel mehr als der Erzähler im Roman. Solche Erzählsprünge können reizvoll sein, hier wirken sie aber eher, als käme die Spurensuche von Emils Sohn zu langsam voran.

Dabei sind die Zeitebenen dieses Romans reichhaltig geschichtet zwischen der Jugendzeit des Vaters, der Jugendzeit des Sohns und einem hie und da ins Geschehen hereindrückenden „Heute“, wo der Sohn seinerseits mit einem Sohn nach Paris reist. Das ergäbe Raum für eine etwas subtilere Brechung der Erzählperspektive. Im beschleunigten Hin und Her zwischen damals und damals pendelt der Roman sich aber immer gradliniger auf die letzten Lebensmonate jenes Emil Ott ein, in denen dieser ein normales Familienleben vortäuscht, leidenschaftlich einen anderen Mann liebt und schließlich Selbstmord begeht. So viel Direktheit lässt den Roman kompositorisch verflachen.

Spinnen leerer Zeit

Alain Claude Sulzer versteht vorzüglich, mit Nebensächlichkeiten die Stimmung im Uhrengeschäft oder Bistrot einzufangen und aus minutiös aufgefädelten Belanglosigkeiten leere Zeit zu spinnen. Das Homosexuelle knistert bei ihm meist nur diskret im Ambiente. Umso bedauerlicher ist es, dass er sich doch manchmal durch dieses Thema zu klischeehaften Szenen verleiten lässt. Auch enttäuscht er aufs Neue mit seinen Frauenbildern. Die Veronika Ott dieses Buchs, die Mutter des Erzählers, hätte mit ihrem Schmerz über ein als Farce sich entpuppendes Eheleben allen Grund, als interessante Figur in Erscheinung zu treten. Viel mehr als Fingernägel färben, übelriechende Koteletts braten, sich auf die Schwangerschaft konzentrieren und dann schweigen gönnt der Autor ihr aber nicht. Dennoch fesselt dieser Roman, der von Umberto Giordanos Oper „Andrea Chénier“ bis zu einem dichtenden Nervenarzt zahlreiche Nebenmotive anreißt und liegenlässt, von der ersten bis zur letzten Seite in der klirrenden Spannung zwischen dem, was er ist, und dem, was er sein könnte.

Alain Claude Sulzer: „Zur falschen Zeit“. Roman. Galiani Verlag Berlin bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 231 S., geb., 18,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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