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Airen: I Am Airen Man : Dionysos war beim Friseur

  • -Aktualisiert am

Bild: Blumenbar

Nietzsche für Doofe: Airen, der von Helene Hegemann plagiierte Blogger, wendet sich in seinem zweiten Roman vom harten Leben ab und nimmt die letzte Ausfahrt Wickelkurs.

          Das alles ist ein Missverständnis. Weil einige Autoren von Format klug mit neuen Formen experimentiert haben, dabei Rausch, Wahn und Gegenwart zelebrierend, Subkulturen einbeziehend und auch das neue Leitmedium bespielend, hält man heute jeden ins Blaue gebloggten Tagebuchexhibitionismus für Literatur. Und das, obwohl in den meisten Fällen die beiden einzig entscheidenden Kriterium fehlen: stilistische Meisterschaft und Relevanz. Denn natürlich kann man das eigene Leben zum Exemplum nehmen und großartige Denkübungen damit anstellen, Strukturen offenlegen und wieder dekonstruieren, zu wirklichen Erzählungen vorstoßen. Oder es bleibt eben beim Partygespräch. Auch das hat seinen Reiz, gelingt dem einen lustiger als dem anderen, ist aber zu Recht nach der Party vergessen.

          Was man jedoch für Literatur hält – für mutig naturhafte, wenn sie aus Sätzen wie „Es pisst wie Sau“ besteht – belässt man nicht im Internetkosmos, wo dieser narzisstischen Selbstbeschau immerhin die Gnade des Übersehenwerdens zuteil würde. Schließlich liest man im Internet nicht, sondern „scrollt“. Da gelten andere Qualitätsregeln. Doch nein, zwischen Deckel gepresst muss es werden, die Würde der ISBN-Nummer verliehen bekommen, plötzlich in Regalen wohnen, nur Zentimeter entfernt von, sagen wir, Aischylos und Aichinger. In diesem Fall hat, wie wir alle zu Genüge wissen, ein besonders vertrackter Auffahrunfall zum Blogausdrucken geführt. Airens zweites Buch ist die verdiente Strafe für den Hegemann-Hype.

          Verstehe das Universum wer will

          Ganz ohne Theoriegerüst kommt das Buch mit dem dümmsten Titel des Frühjahrs – „I Am Airen Man“ – nicht einmal daher. Wir finden das Programm zusammengequetscht im letzten Absatz. Hier haben einigermaßen plötzlich, weil zuvor keine Rolle spielend, „Power, Corbi, Schorsch: Typen von dem Schlag, die man immer noch auf einen Drink überreden kann“, ihren Auftritt, kurz: die „lokale Kifferelite“ von Rosenheim. Die drei jugendlichen Technoanbeter haben, wie uns kundgetan wird, „das Universum verstanden, den Range des Sounds“. Das schlimmstmögliche Fatum dieser Jünger des Dionysos (und des falschen Akkusativs) wird ebenfalls angedeutet: „der Gesellschaft“ anheimzufallen, „Dutzendmensch“ zu werden, „süchtig nach Bestätigung“. „Live hard, die young, sagt doch jeder“. Das ist alles. Feier des totalen Lebens. Echte Sucht gegen falsche. Statt Bestätigungssuche erschöpfender Vitalismus: „ein platzender Lebensdrang“. Nietzsche für Doofe.

          Das Buch selbst nun handelt von der Läuterung des Universumverstehers Airen. Der Held, ein Oberschichten-Snob, welcher der Berliner Techno-Boheme mit ihrem immer schneller sich drehenden „Rausch-Kater-Zyklus“ durch die Annahme eines Jobs in einer Beratungsfirma in Mexiko-City zu entfliehen versucht, aber auch hier tief in die Partyszene einsinkt, ist dabei eine sensible Natur. Er stellt an sich Geniebefall fest, einen „Berg unausgeprägter Begabungen“. Dieses Genie muss radikal befreit werden. In Airens Worten: „ich weiß, dass ich dieses eine Ding finden muss, dieses eine Extrem, das mich so fickt, dass ich ihm alles widme, sonst wird alles Mittelmaß“.

          Abschied vom Club

          Und dieses penetrante Extrem ist zur Überraschung des Protagonisten weder die Droge noch die Musik oder der wahllose Sex, sondern die gute alte Liebe – und ihre künstlerische Verarbeitung im Literatur-Blog. Auch Jürgen Teipel hat in dem schwülstig-esoterischen Roman „Ich weiß nicht“ soeben seinen technobegeisterten Helden auf Erweckungs- und Liebesfahrt in das Land des glücklich entrückten Proletariats geschickt. Doch bei Airen ist es nicht Mutter Erde, sondern Chica Lily, die dem Verstrahlten sehr direkt vermittelte Enkelin seiner trinkfesten „Ersatzoma“, welche ihn schließlich zu sich selbst zurückführt.

          Stilistisch gelangt das Opus nirgends über den schnodderig-expliziten Tonfall und die Parataxe hinaus, welche die meisten Online-Foren prägen. Das Tempus ist der Tagebuchform wegen ein ödes Universalpräsens: „Erschwerend kommt hinzu, dass ich seit heute Nachmittag mit der lächerlichsten Föhnfrisur aller Zeiten rumlaufe, weil der Frisör nicht verstand.“ Auch der Berliner Techno-Club „Berghain“, dem das Vorgängerbuch „Strobo“ gewidmet war, begegnet erneut, wobei dem sakral überhöhten Ort nun jedoch abgeschworen wird: „ich überließ dieses Wunder von einem Club einer anderen Generation.“

          Der Bass will Brei

          Der Held schiebt seine Abkehr zunächst noch auf die Veränderung des Musikstils hin zum glatten Minimal Techno. Der wahre Grund aber, das weiß er so gut wie wir, ist das „Coming of Age“, dessen deutlichstes Symbol in der Schwangerschaft seiner Freundin Lily besteht. Und wenn Don Airen zuletzt den Technorausch mit dem Babyrausch vergleicht, so ist es ihm fast, als müsste er sich freuen. Dem „Künstlerleben“ wird zwar eine letzte Träne nachgeweint, doch beim Berliner Wickelkurs wummert er dann schon „ganz weit von innen: der Bass, dem ich mein Leben widme“.

          Vielleicht ist der Schlüssel zu diesem im günstigsten Fall nett-lustig zu nennenden Buch ja doch dieser eine gute Satz von Doña Tina, Lilys Oma: „In meinem Dorf gabs einen Esel, der ist vom Denken gestorben.“ Und auch die Basslinie unerfreuter Rezensionen hat Airen selbst bereits mächtig wummernd vorgegeben: „Wie scheiße dumm einem die Sonne aus dem Arsch scheinen muss, um das geil zu finden.“

          Airen: „I Am Airen Man“. Roman. Blumenbar Verlag, Berlin 2010. 176 S., geb., 17,20 €.

          Quelle: F.A.Z.

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