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Adrienne Thomas: „Die Katrin wird Soldat“ : Der Tod und das Mädchen

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Bild: Verlag

Eine Wiederentdeckung: Der pazifistische Tagebuchroman „Die Katrin wird Soldat“ von Adrienne Thomas war 1931 ein Überraschungserfolg. Sein Thema hat an Aktualität nichts verloren.

          Als im „Reichsland“ Elsass-Lothringen zur Regierungszeit Wilhelms II. am Portal der Kathedrale von Metz die Figur des Daniel renoviert werden musste, gab ihr der Künstler Züge des Kaisers. Seitdem wurde Seine Majestät, obwohl nicht gerade ein „Kirchenlicht“, in der Festungsstadt „heiliger Daniel“ genannt. So lesen wir in dem Roman von Adrienne Thomas (Pseudonym für Hertha Strauch) „Die Katrin wird Soldat“, der 1930 im Berliner Propyläen Verlag erschien und nun mit einem lesenswerten Nachwort in einer Neuausgabe von Günter Scholdt vorliegt.

          Der respektlose, aber nicht gehässige Metzer Volksmund traf gut eine gespaltene Stimmung in der 1871 mit dem Elsass wieder dem Deutschen Reich einverleibten Provinz Lothringen: Kaisertreue und Patriotismus bei den zugewanderten Deutschen, Frankreich-Nostalgie bei den in Lothringen verbliebenen, alteingesessenen Familien. Zu berichten ist über eine Wiederentdeckung.

          Eine verlorene Generation

          Der seinerzeit sensationelle Erfolg von Adrienne Thomas’ Tagebuchroman beruhte weitgehend auf einer Gunst der Stunde: dem leidenschaftlichen Streit um die historische Bewertung des Weltkriegs, dessen Materialschlachten eine verstörte, „verlorene“ Generation hinterlassen hatten. Den heroisierenden Romanen, die den Schützengraben als die neue Geburtsstätte der Nation feierten, trat eine desillusionierende Literatur entgegen. Mit der Elterngeneration ging Ernst Glaesers Roman „Jahrgang 1902“ (1928) ins Gericht, zum Welterfolg katapultierte nicht zuletzt der amerikanische Film Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nicht Neues“ (1929). An diesem Romanerfolg ließ kein anderer sich messen, doch konnte „Die Katrin wird Soldat“ wenigstens eine Zeitlang aus seinem Schatten heraustreten. Was waren die Gründe?

          Wie die im Elsass geborenen Jan Schlumberger und René Schickele, die „Deutsch-Französin“ Annette Kolb und der väterlicherseits lothringische Joseph Breitbach sah sich Adrienne Thomas im Grenzbereich zwischen den Nationen und nach dem Kriegsausbruch an einem Brennpunkt deutsch-französischer Geschichte. Entscheidender vielleicht: Zum ersten Mal wurde hier in der deutschen Literatur die aller Kontrolle entgleitende Gewalt eines Krieges aus weiblicher Sicht dargestellt – von den Erfahrungen und Empfindungen einer freiwilligen Helferin und dann Krankenschwester des Roten Kreuzes her, die auf dem Bahnhof Metz die Züge mit anfangs begeisterungstrunkenen jungen Soldaten an die nahe Westfront rollen sah und in den zurückkommenden Lazarettzügen den Anblick entstellter menschlicher Körper aushalten musste.

          Im nationalen Niemandsland

          Schließlich: Zur Spannung zwischen deutscher Erziehung und der Anziehungskraft französischer Kultur tritt noch ein weiteres Identitätsproblem: Die Tagebuch-Erzählerin Katrin (Cathérine) ist Jüdin, Tochter aus wohlhabender Kaufmannsfamilie; ihr Vater leitet die Metzer Filiale eines süddeutschen Textilkonzerns. Ihr im Laufe des Krieges stärker werdendes Gefühl, sich in einem nationalen Niemandsland zu bewegen, hat wohl auch mit dieser Herkunft zu tun und entsprach im übrigen der Antikriegsstimmung bei einem großen Teil ihres Lesepublikums Anfang der dreißiger Jahre.

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