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Adriana Altaras: Titos Brille : Mutterwitz mit Dibbuks

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Leidenschaftlich heiter: Die Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras hat mit „Titos Brille“ eine unterhaltsame, anregende und weise Geschichte ihrer jüdischen Familie geschrieben.

          Noch ist die zweite Seite des Prologs in Adriana Altaras' Buch „Titos Brille“ nicht vorüber, da macht die Autorin schon klar Schiff: „Ich bin Jüdin. Jahrgang 1960. So, jetzt ist es heraus.“ Und so, wie sie zu den biographischen Fakten ihren ironisch erleichterten Stoßseufzer fügt, wird sie fürderhin die Geschichte ihrer „strapaziösen Familie“ erzählen: Ohne Umschweife, ohne Scheu, ohne Sentimentalität - aber mit viel Zärtlichkeit und großem Witz.

          Ausgebildet als Schauspielerin und oft als Regisseurin aktiv, scheint Adriana Altaras an ihr literarisches Debüt wie in eine Theaterprobe gegangen zu sein: Ärmel hoch - und durch. Ohne Angst vor zahlreichen ähnlichen Publikationen der letzten Zeit oder vor der schriftlichen Fixierung einer Vergangenheit, deren Irrungen, Wirrungen und Geheimnisse sie nicht ganz wird lösen können (was sie auch nie behauptet), breitet sie eine verzweigte Familienchronik aus. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik ist natürlich ein zentrales Thema, und den Passagen, in denen Adriana Altaras den Kampf vor allem ihrer Mutter um enteigneten Besitz weiterführt, ist die Empörung und die Wut über bürokratische Hürden und staatliche Missachtung deutlich eingeschrieben. Angesichts dessen ist es unerheblich, ob der Amtsschimmel in Deutschland, Kroatien oder der Schweiz wiehert.

          Nette Stimmen aus dem Jenseits

          Die Eltern lebten in Jugoslawien, kämpften als Partisanen gegen die Faschisten, gerieten später mit dem sozialistischen Staat in Konflikt und kamen schließlich auf nicht unkomplizierten Wegen mit der kleinen, in Zagreb geborenen Tochter nach Hessen. Der Vater arbeitete als Oberarzt am städtischen Klinikum, die Mutter war Architektin. Sie nahmen die deutsche Staatsbürgerschaft an und gründeten in Gießen, wo sie sich niederließen, 1978 wieder eine Jüdische Gemeinde. Beide wurden mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

          Nach dem Tod der Eltern und der Konfrontation mit deren Nachlass wird Adriana Altaras, deren Vornamen an das einstmals vor der Haustür gelegene Adriatische Meer erinnern sollte, verstärkt zur Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft gezwungen. Daraus ergibt sich ein neuer Blick auf ihr eigenes Leben und die innere Notwendigkeit, Kontakte zu den über die halbe Welt verstreuten Verwandten aufzufrischen oder zu knüpfen. Die Kapitel heißen etwa „Der Rabbi mit der Aldi-Tüte“, „Wer wegwirft, ist ein Faschist“ oder „Bar jeder Mizwa“ und sind mit wunderbar leichter Hand und furchtlosem Humor geschrieben. Angereichert sind sie durch kurze, kursiv hervorgehobene Einschübe mit Traum- oder Albtraumvisionen, ungenierten Witzen (“Werden alle Juden klug geboren? Nein! Aber die Dummen lassen wir gleich taufen . . .“), Erinnerungen und allerlei Anmerkungen in direkter Rede, die eine unmittelbare Verbindung zu den Toten herstellen. Die Dibbuks, die sich da äußern, sind allerdings eher nette, aufmerksame Stimmen aus dem Jenseits und drängen sich nicht in den Vordergrund.

          Schwäche für blauäugige Nordmänner

          Als in Deutschland aufgewachsenes Kind von Überlebenden des Holocaust sind Altaras' Reflexionen über Exil und Heimat von eigener Erfahrung geprägt, ebenso wie ihr Umgang mit jüdischer Tradition und Religion, die sie mit Sympathie und kritischer Distanz betrachtet. Doch ob sie in die Vergangenheit oder in die Zukunft schaut, stets tut sie es mit leidenschaftlicher Heiterkeit und stilsicherer Unverblümtheit, fabuliert sich von Mantua, wo sie die Sommerferien bei ihrer geliebten Tante verbrachte, in eine heutige New Yorker Synagoge, vom Konzentrationslager auf der Insel Rab, in dem ihre Mutter inhaftiert war, in ein Berliner In-Lokal, wo sie ihr Wiener Schnitzel genießt.

          Auch das komplexe Verhältnis zwischen Deutschen und Juden wird häufig und meist halb erstaunt, halb schadenfroh angesprochen. Auf Liebesdinge hat es offensichtlich keine negativen Einflüsse, denn die Autorin betont geradezu ihre Schwäche für blonde, blauäugige Nordmänner. Auf ihr berufliches Tätigkeitsfeld freilich wirkt es sich besonders am Anfang aus, als die „Herrenmenschen“ der Film- und Fernsehbranche die südländisch anmutende „Gastarbeiterin“ bevorzugt als namenloses „Opfer“ engagierten: „Ich spielte die Türkin, die Serbin, die Kroatin, die Griechin, die Russin, die Sizilianerin - wen auch immer. Fast immer putzte ich.“ Als sie ins Regiefach wechselt, ändert sich das: „Es war mir lieber zu besetzen, als besetzt zu werden - siehe Polen.“

          Spürbare Überlebenskunst

          Lakonisch, flink und intelligent schildert Adriana Altaras in einem lockeren chronologischen Bogen sowohl ihre persönliche Entwicklung wie die Menschen und Begleitumstände, die für diese ausschlaggebend waren. Die Familie ist hier der Star, die sie uneitel in das Gesamtbild einfügt und deren Schicksal sie plastisch einzufangen versteht.

          Da bedauert man es denn auch, dass auf Abbildungen komplett verzichtet wurde. Außerdem wären vorneweg oder im Anhang einige zusätzliche Jahreszahlen oder nüchterne biographische Stationen nützlich gewesen, damit man sich bei den flotten Zeitsprüngen rascher orientieren kann, und ein genaueres Lektorat, damit nicht jedes Flugzeug als „Flieger“ bezeichnet wird. Aber abgesehen von solchen Kleinigkeiten ist „Titos Brille“ herzhaftes, anregendes, kluges und amüsantes Lesefutter - keine hohe Literatur, dafür famos fesselnde Lebens- und manchmal auch spürbare Überlebenskunst.

          Adriana Altaras: „Titos Brille“. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 272 S., geb., 18,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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