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„Adolf H. - Zwei Leben“ : Der menschliche Hitler

Der liebesunfähige Diktator: Adolf Hitler als Puppe Bild: picture-alliance/ dpa

In seinem neuen Roman entwirft der französische Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt eine kühne Phantasie: Der Diktator hätte ein anderer werden können, wäre er nur von der Kunstakademie angenommen worden. Und wir hätten umgekehrt Hitler werden können.

          Im Jahr 1909 erhielt Sigmund Freud einen Blumenstrauß als Dank für die erfolgreiche Behandlung eines Patienten, der sich zuvor nicht getraut hatte, mit Frauen zu schlafen. Dem Wiener Psychoanalytiker genügte eine Handvoll Sitzungen, um hinter dem Erinnerungspanzer dieses Zwanzigjährigen einen Komplex aufzuspüren, der es in sich hatte: Immer wieder war dessen Mutter vom Vater verprügelt worden, und als zunächst der Vater starb und später auch noch die Mutter, entwickelte der junge Mann gleich doppelte Schuldgefühle - ein Fall wie aus dem Lehrbuch. Und ein traumhafter Erfolg für Freud, denn später sollte sich der Patient zum fulminanten Liebhaber und großen Künstler entwickeln. Sein Name war Adolf Hitler.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Man möchte sich die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts so erträumen, wie Eric-Emmanuel Schmitt es getan hat. Es genügt nur ein Wort, und schon wird unsere Seele gesund. Das Wort heißt „bestanden“, und es fällt am 8. Oktober 1908 in Wien. Hitlers Bewerbung um Aufnahme an der Kunstakademie wird in Schmitts Darstellung zur Wasserscheide. Als Kunststudent erwirbt er einen Freundeskreis, reüssiert beruflich und lässt sich schließlich auf jene Analyse bei Freud ein, die ihm den Durchbruch beschert: „Mein ganzes Leben lang werde ich Frauen zeichnen, sie malen und modellieren. Ich habe meine Berufung gefunden.“ Er wird nie beschließen, Politiker zu werden.

          Der Diktator in uns

          Zu schön, um wahr zu sein, und darum auch ein Roman: „Adolf H. - Zwei Leben“ heißt er. Es ist ein Roman über einen menschlichen Hitler. Was fasziniert Autoren aus Frankreich so sehr an der Motivation der nationalsozialistischen Mörder? Eine Spur nimmt Schmitt selbst auf.

          Der französische Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt

          In seinem Arbeitsjournal zu „Adolf H.“, das den Band beschließt, fragt er sich, warum die besten Studien über Hitler von Engländern geschrieben wurden, und vermutet, dass es französischen Historikern am Stolz auf die Rolle der eigenen Nation im Zweiten Weltkrieg fehle, als dass sie selbstbewusst über die zentrale Schreckensgestalt schreiben könnten. Schmitt wählt einen subtilen Ausweg aus diesem Dilemma: „Indem ich zeige, dass Hitler ein anderer hätte werden können“, notiert er im Journal, „werde ich jeden Leser spüren lassen, dass auch er hätte Hitler werden können.“ Und also, so darf man ergänzen, dürfen wir alle auch ein bisschen stolz sein, dass wir es nicht geworden sind.

          Lebensweg und Weltgeschichte

          Das ist ein ganz anderer, ein viel spekulativerer und auch viel banalerer, aber zugleich auch den Leser mehr herausfordernder Ansatz als der von Jonathan Littell in „Die Wohlgesinnten“. Beide Bücher sind durch einen Zufall innerhalb weniger Monate in deutscher Übersetzung erschienen, obwohl Schmitts Buch bereits 2001 in Frankreich erschienen ist. In den seither vergangenen Jahren wurde er auch hierzulande zum Bestsellerautor, und man darf dem Ammann Verlag dazu gratulieren, dass von den zahlreichen noch unübersetzten Schmitt-Titeln nun ausgerechnet „Adolf H.“ zur Publikation gewählt hat. Denn dieser Roman verhält sich zu dem von Littell wie ein Antidot.

          Hier wird ungeachtet Schmitts provokativer These vom Hitler-Potential in uns allen eine hoffnungsvolle Geschichte erzählt: wie der veränderte Lebensweg einer einzigen Person die ganze Geschichte verändert hätte. Tolstoi dürfte sich im Grabe herumdrehen, denn in „Krieg und Frieden“, dem Idealbild der Gattung des historischen Romans, hatte er die Unabwendbarkeit des Weltgeschehens postuliert und jeder Erklärung durch Einzelakteure eine Absage erteilt. Ja, gerade im Verstoß gegen diese Erkenntnis sah er den Fehler der Historiographie. Er schrieb seinen Roman, um die Geschichte wieder ins Recht zu setzen gegen ihre Interpreten. Und obwohl er genau den entgegengesetzten Standpunkt einnimmt, hat Schmitt dasselbe Ziel. Nur dass er gegen die populären Erklärungen anschreiben will statt gegen die wissenschaftlichen.

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