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: Ach, Jennylein

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Wenn man ein junger Mann ist und sehr verliebt in die schöne Nachbarstochter, wenn man Verse auf sie macht, in denen sich "Waldesrauschen" auf "Blicke tauschen" reimt und schließlich "ein Kuß auf deine Hand" erträumt wird, wenn dann die Angesungene vor Rührung Tränen vergießt und sich an die Brust ...

          Wenn man ein junger Mann ist und sehr verliebt in die schöne Nachbarstochter, wenn man Verse auf sie macht, in denen sich "Waldesrauschen" auf "Blicke tauschen" reimt und schließlich "ein Kuß auf deine Hand" erträumt wird, wenn dann die Angesungene vor Rührung Tränen vergießt und sich an die Brust des Dichters wirft - dann muß man schon sehr hartgesotten sein, um sich als Siebzehnjähriger in diesem Moment irgendeinen schöneren vorstellen zu können.

          Welche Folter allerdings so ein Augenblick der Seligkeit für den bereithält, der noch vier Jahrzehnte später immer wieder an jede törichte Einzelheit erinnert wird - das Schwärmen, die Tränen, gar das schwülstige Gedicht, das der Dichter jetzt nur noch "das Unglücksding" nennen mag -, läßt sich denken, welche Überwindung es kosten muß, die treulose Freundin, die sich bald nach dem Gefühlsausbruch einem reichen Fabrikanten überließ und jetzt mit diesem in einer schönen Villa lebt, immerfort von Idealen, Gefühlen, der "poetischen Welt" und dem so überaus verächtlichen Besitz sprechen zu hören, auch.

          Und doch verkehrt der ergraute Professor Wilibald Schmidt im gründerzeitlichen Berlin gern auf freundschaftlichem Fuß mit der inzwischen etwas aus dem Leim gegangenen Frau Jenny Treibel, die er als Jenny Bürstenbinder einst so verehrt hatte. Er besucht ihre Gesellschaften, auf denen regelmäßig das mittlerweile vertonte "Unglücksding" zur Klavierbegleitung gesungen wird; er erduldet ihr sentimentales Geschwätz und die milden Spöttereien der übrigen Gesellschaft, die Jenny nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will, und läßt sich willig als Repräsentanten einer obskuren Welt des Geistes und der Künste vereinnahmen, an den sich Jennys Tagträume von einem anderen Leben knüpfen.

          Warum er das tut, bleibt bis zum letzten Kapitel von Theodor Fontanes großem Roman "Frau Jenny Treibel" von 1892 einigermaßen rätselhaft, denn niemand sieht genauer hinter Jennys Fassade, niemand benennt die Kluft zwischen Reden und Sein der Fabrikantengattin klarer als Schmidt. Zuvor erleben wir eine Gesellschaft in Treibels Villa, bei der Schmidts Tochter Corinna heftig mit dem englischen Gast des Hauses flirtet, um Treibels schwächlichen Sohn Leopold eifersüchtig zu machen, auch ihr Vetter Marcell leidet darunter. Eine Landpartie später sieht sich Leopold heimlich mit der energischen Corinna verlobt; Jenny, "plötzlich aus dem sentimental Schwärmerischen in den Ton ausgesprochenster Wirklichkeit verfallend", tut alles, um die Mesalliance ihres Sohns zu verhindern. Schließlich zieht sich Corinna zurück, und ihre hastig anberaumte Hochzeit mit Marcell beschließt das Buch.

          Natürlich ist es nicht dieser einigermaßen dünne Handlungsfaden, der dem Roman seine Brillanz verleiht, zumal sich das Erzählte gern ins Panorama weitet, so daß wir es eher mit einer Abfolge von Szenen zu tun haben und das Gewicht auf den Dialogen liegt - im Spätwerk Fontanes erstaunt das nicht, und in dieser betont ereignisarmen Handlung scheint schon der "Stechlin" durch (ebenso wie dessen Hauptfigur in der Person Wilibald Schmidts). Eher ist es das präzise Bild, das Fontane von der Bourgoisie der frühen Kaiserzeit zeichnet, das in den Bann schlägt: weil der Autor diesem Stand erkennbar nichts schenkt und nichts durchgehen läßt, weil er den Gegensatz von Geist und Geld, von Kunstwollen und Krämerseele ebenso schildert wie die Verheerungen, die der Gedanke an den sozialen Aufstieg in den Köpfen derer anrichtet, die den neuen Reichtum der anderen als deren Gäste miterleben.

          Die Neuausgabe des Romans, die jetzt im Rahmen der "Großen Brandenburger Ausgabe" des Aufbau-Verlags erschienen ist, tut mit einem vorzüglichen Kommentarteil das Ihre, um diesen Hintergrund der Handlung auszuleuchten. Von einer "Verbrämung des eigenen Profitdenkens durch idealistische Phrasen und zur Schau getragene Kultur- und Bildungsbeflissenheit" spricht der Herausgeber Tobias Witt, um die Klasse der neureichen Fabrikanten jener Jahre zu charakterisieren, und Jenny Treibel liefert den Roman hindurch genug Beispiele für diese Disposition. Fontanes Raffinesse - und der entscheidende Kunstgriff, das Buch vor dem Absturz ins Reich der Tendenzliteratur zu bewahren - ist aber, daß er gern im unklaren läßt, ob seine Heldin ihre Situation durchschaut: ob sie glaubt, was sie sagt, wenn sie vom "Idealen" spricht und dabei ständig Schiller im Mund führt, und ob sie im nächsten Moment ausblendet, was sie eben noch allgemein verkündet hat, wenn es konkret wird und sie ihre Interessen gefährdet sieht.

          Denn Fontane stellt zu Jennys sentimentalem Gerede immer auch das gegensätzliche Prinzip dar, nicht selten im selben Atemzug und durch diese Königin der Trivialität selbst hervorgebracht: Liebesheiraten etwa gehören in die Literatur und in Jennys folgenloses Geschwätz, in der Realität hat Leopold, bitte schön, eine reiche Erbin zu heiraten und keinesfalls die kecke, aber arme Corinna (und es ist unklar, welche dieser beiden Eigenschaften Jenny bei einer potentiellen Schwiegertochter weniger brauchen kann).

          All dies wird aus der Perspektive eines amüsierten, ja beinahe faszinierten Beobachters geschildert, der die Bourgoise sowenig geißeln mag wie ihre Umgebung. Von leichter Hand gezeichnet, treten die Widersprüche dieser Existenz hervor, Jennys beachtliche Formulierungsgabe kommt zu ihrem Recht, und ihre Zusammenstöße mit der geistreichen Corinna, die so gar nichts mit sich anzufangen weiß oder jedenfalls immer das Falsche (und in die sich der Leser so leicht verlieben wird wie die übrigen Romanfiguren), erweisen Fontane neuerlich als veritablen Dialogzauberer.

          Altersmilde ist es nicht, die Fontane auf das Gebaren der Neureichen von Berlin wendet, Gerechtigkeit schon gar nicht, vielleicht aber die Einsicht, daß es sehr leicht ist, ein inneres Leben aus zweiter Hand zu führen, wo der Kampf um die äußere Existenz die Kräfte bindet, und daß es zur Lebenslüge niemals weit ist. Das Mittel jedenfalls, mit dem Wilibald Schmidt sich gegen Jennys Weltsicht zur Wehr setzt, ist, daß er sie darin unterstützt und ihr Sentiment nährt, wenn sie wieder einmal anklingen läßt, sie hätte sich damals für das Dasein an seiner Seite entscheiden sollen: "Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches: ,Ach, Jenny . . .' mit einem Tone, drin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens zum Ausdruck zu bringen trachtete. Was ihm auch gelang. Er lauschte selber dem Klang und beglückwünschte sich im stillen, daß er sein Spiel so gut gespielt habe."

          Daß er am Ende, auf der Hochzeitsfeier seiner Tochter, beim Klang seines vierzig Jahre alten Jenny-Gedichts dann doch in Tränen ausbricht, ist die böse Pointe dieses Romans.

          Theodor Fontane: "Frau Jenny Treibel oder ,Wo sich Herz zum Herzen find't'". Roman. Herausgegeben von Tobias Witt. Große Brandenburger Ausgabe. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. 371 S., geb., 24,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005, Nr. 243 / Seite L18

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