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Ach, bringen Sie mir doch bitte einen Sekt aufs Zimmer

Leben im Nobelhotel: János Székelys packender Schelmenroman "Verlockung" aus dem Ungarn der Horthy-Zeit

Was Ernst Lubitsch, der den Autor nach Hollywood holte, für den Film war, ist János Székely für den Roman dann doch nicht geworden: ein Artist der scharfen, aber zugleich lustspielhaft leichten, witzigen politischen Satire. Székely wollte Bitterkeit nicht mit Gefälligkeit garnieren. Aber er machte seinen Weg zunächst als Drehbuchautor.

Als nach dem Ersten Weltkrieg Admiral Horthy mit der gegenrevolutionären Nationalarmee in Budapest einmarschierte, mußte der achtzehnjährige Székely, der gerade ein Antikriegsgedicht veröffentlicht hatte, aus Ungarn fliehen. In Berlin verdingte er sich bei einer Speditionsfirma. Aber das Antikriegsthema ließ ihn nicht los, das neue Medium Film zog ihn an. Er gab seinen Einstand mit dem Drehbuch zum Film "Namenlose Helden" (1926), der noch mit vielen Laiendarstellern inszeniert wurde, aber die Filmproduzenten und -regisseure auf ihn aufmerksam machte und ihn schließlich als Drehbuchautor zur Ufa brachte. Zu seinen bekanntesten Filmen gehörten "Ungarische Rhapsodie" (1928) und vor allem "Die schönen Tage von Aranjuez" (1934) mit Brigitte Holm, Gustaf Gründgens und Wolfgang Liebeneiner. Gemeinsam mit Ernst Lubitsch bearbeitete er den Stoff für den amerikanischen Film: "Desire" (1936), mit Marlene Dietrich und Gary Cooper in den Hauptrollen, wurde zum Welterfolg.

Damit war der Boden in Amerika bereitet, wohin Székely 1938 endgültig emigrierte und wo er bereits 1940 den Oscar für das Drehbuch zu "Arise my Love" erhielt. Er schrieb unter zwei Pseudonymen; das eine blieb dem Drehbuchautor, das andere dem Romancier vorbehalten. Denn sein Ehrgeiz galt einzig dem Roman. Auf "You can't do that to Svoboda" folgte 1946 "Temptation". Beiden Werken war die amerikanische Literaturkritik wohlgesinnt. Jetzt ist "Temptation" unter dem Titel "Verlockung" in deutscher Übersetzung neu erschienen.

Obwohl selbst in Budapest großgeworden, wählt János Székely als Hauptfigur und Ich-Erzähler einen unehelich geborenen und elternlos aufwachsenden Bauernjungen aus der ungarischen Provinz. Für die Wandlung des Habenichts zum Helden hält die europäische Literatur in Form des Schelmenromans seit Jahrhunderten ein höchst wirkungsvolles Modell. Dienend, aber innerlich aufsässig gegen seine Herren, schlägt sich der Pikaro mit redlichen und unredlichen Mitteln durchs Leben und läßt sich kein Abenteuer entgehen. Häufig ist der pikarische Roman auch literarischer Ausdruck sozialen Protests. Von diesem Kernmuster weicht "Verlockung" ab durch die Reduzierung vieler Schauplätze auf zwei und durch den Verzicht auf eine spielerische Ironie zugunsten einer Sprache der Verbitterung.

Der Ich-Erzähler Béla, auf der Durchreise seines Vaters gezeugt, wird von seiner sechzehnjährigen Mutter einer ausgedienten Hure übergeben, die unehelichen Kindern ein Obdach bietet. Das Heim wird für den Jungen zur wahren Schinderstätte: "Ich wuchs heran wie Unkraut." Rozika, eine Slowakin, ähnelt der einem Märchen entstiegenen, leibgewordenen Hexe. Erst mit zehn Jahren wird Béla in die Schule geschickt. Aus dem unsäglichen Elend befreit ihn schließlich die Mutter - aber nur, um ihn in den Slum der Großstadt zu holen, in eine Wohnung im Stadtteil Neu-Pest, wo sie für kümmerlichen Lohn als Wäscherin arbeitet. Hier nun mündet der Roman in eine Variante des amerikanischen Kinomärchens vom Tellerwäscher, der zum Millionär aufsteigt. Als Béla in einem Budapester Nobelhotel als Boy angestellt wird, nimmt die Handlung Fahrt auf. Im Hotel trifft sich die große Welt der Reichen, und die Abenteuerlust, die der Pikaro Béla von seinem Vater geerbt hat, wird befriedigt, ohne daß er die Orte wechseln muß. Er verliebt sich in Patsy, eine dreizehnjährige, liebenswürdig-vertrauliche Amerikanerin, die mit ihrem Vater eine Zeitlang im Hotel wohnt. Bélas Sehnsucht nach Amerika verstärken die Erzählungen des Vaters, der als ausgemusterter Seemann zur Familie gestoßen ist. Doch ihn erwarten andere Verheißungen. Der Frau des ungarischen Vertreters beim Völkerbund in Genf darf er den Hund ausführen, und dank der Anhänglichkeit jenes Cäsars ist Béla dazu ausersehen, abends eine Flasche Sekt aufs Zimmer zu bringen. Der Gast, mit dem die Dame anzu stoßen wünscht, ist Béla selber. Die exzentrische Liebhaberin reizt die erotische Phantasie und Lust des inzwischen Sechzehnjährigen, läßt ihn jedoch bald fallen.

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