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: Abenteuer eines Graveurs

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Historische Romane locken mit Bildern vergangener Zeiten, die durch ihre Andersheit faszinieren, aber doch vertraut genug sind, um uns nicht zu befremden. Walter Scott, Begründer des Genres, entfernte sich nie weit vom eigenen Kulturkreis; das ließ ihn zu einem Bestseller-Autor des neunzehnten Jahrhunderts werden.

          Historische Romane locken mit Bildern vergangener Zeiten, die durch ihre Andersheit faszinieren, aber doch vertraut genug sind, um uns nicht zu befremden. Walter Scott, Begründer des Genres, entfernte sich nie weit vom eigenen Kulturkreis; das ließ ihn zu einem Bestseller-Autor des neunzehnten Jahrhunderts werden. Eine andere, sprödere Linie des Genres allerdings verweigert sich der leichten Zugänglichkeit. Sie kostet den Reiz des Fremden aus und gestaltet ihr Sujet unzugänglich. Ihr gehört Pascal Quignard an, wie sein grandioser Roman "Auf einer Terrasse in Rom" belegt, der jetzt in einer geglückten Übertragung von Jörg Aufenanger vorliegt.

          In scharf gezeichneten Szenen berichtet Quignard vom Leben des Meaume, eines Graveurs, der durch das Europa des siebzehnten Jahrhunderts zog. Von lothringischer Abstammung, wie sein Freund Claude Gellée, genannt "Le Lorrain", wird er 1617 in Paris geboren. Er lernt sein Metier, reist zunächst nach Toulouse und Brügge; sein Leben nimmt eine entscheidende Wendung, als er dort die Tochter des Friedensrichters kennenlernt. Nanni Veets Jakobsz ist einem anderen versprochen, gibt sich Meaume aber trotzdem hin. Ihr Verlobter überrascht die Liebenden in flagranti und rächt sich an seinem Nebenbuhler, indem er ihm Säure ins Gesicht schüttet. Meaume überlebt, bleibt aber entstellt - abgestoßen verleugnet ihn die Geliebte. Er verläßt die Stadt, ohne Nanni vergessen zu können: "Die Liebe besteht aus Bildern, die den Sinn besetzen." Und: "Ich bin ein Mensch, den die Bilder anfallen. Ich schaffe Bilder, die aus der Nacht hervortreten." Sein weiterer Lebenslauf ist ein rastloses Vagabundieren, zu dessen Zentrum Rom wird, ein kleines Haus am Aventin mit einer großen Terrasse. Eine seiner Reisen führt Meaume durch die Pyrenäen, wo er in Perreux seine zweite Liebe, Marie Aidelle, trifft.

          In knappen Sätzen verzahnt Quignard die Elemente seiner Tableaus: "Meaume sagte, sie habe die Haut einer Fledermaus. So zart. So weich. So lebendig, glatt und warm." Ähnlich unmittelbar wirken eingefügte Partien direkter Rede. Die asketische Syntax überrascht durch große Sinnlichkeit, eine Sensualität, die nicht aus einem farbenfrohen Sittengemälde entsteht, sondern als blitzartiges Intensitätsmoment aufscheint. Darin entsprechen sich die Komposition des Buches und die besondere Technik des Graveurs, die "dunkle Art". Sie beginnt - in Umkehrung üblicher Methoden - mit der Aufrauhung der Kupferplatte: Der Stich bekommt einen dunklen Grund, in den helle Motive nachträglich eingearbeitet werden, vor dem sie sich abheben. Quignard gelingt es, Verfahren und Gegenstand zwanglos ineinander zu spiegeln. Diese enge Verbindung von Lithographie und Text ist die Basis einer Geschichtspoetik, die schlaglichtartig wesentliche Augenblicke und Details beleuchtet und so kontraststarke Schwarzweiß-Stiche erzeugt. Sie bleiben der Intensität zum Trotz in der Distanz, auch durch die fiktiven Dokumente, die den historischen Abstand markieren.

          Quignard geht es um mehr als eine literarische Verfahrensweise. Sie ist Ausdruck einer Weltanschauung, die im Roman oft explizit wird; offensichtlicher noch vertritt der Autor sie in seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Projekt "Dernier royaume" (2002). Quignards düstere Ursprungsphilosophie kommt in seinen aktuellen Miniaturen und Reflexionen manchmal sehr mystisch daher. "Auf einer Terrasse in Rom" wiederum, mit dem "Prix du roman" der Académie Française ausgezeichnet, bringt Quignard Verfahren, Philosophie und Gegenstand zu einer wunderbar geglückten Deckung.

          NIKLAS BENDER

          Pascal Quignard: "Auf einer Terrasse in Rom". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Jörg Aufenanger. Pendo Verlag, Zürich und München 2002. 121 S., geb., 17,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2003, Nr. 194 / Seite 32

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