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Erzählungen von Anna Gavalda : Die Franzosen haben die besten Trennungsgründe

Törtchen in einer französischen Patisserie in London Bild: Picture-Alliance

Mal verliebt man sich, mal trennt man sich, komisch ist das immer: Die französische Bestsellerautorin Anna Gavalda backt in ihrem neuen Erzählungsband sehr kleine Kuchen.

          Drei Dinge können die Franzosen sehr viel besser als wir: Romantik, Verve und drollige Verschrobenheit. Der Großteil der hierzulande erfolgreichen französischen Filme und Bücher versorgt das Publikum mit diesen Herrlichkeiten. Wenn deutsche Leser von einem französischen Buch eines nicht erwarten, dann Nüchternheit. In diesem Punkt sind Anna Gavaldas neue Erzählungen keine Enttäuschung – und trotzdem eher ein Fall für hartgesottene Anhänger der Autorin.

          Denn der Erzählungsband wirkt seltsam unentschlossen. Gleich die erste Geschichte, „Mein Hund wird sterben“, hat eher etwas von einem Romanfragment als von einer Erzählung, und später verwischt Gavalda die Form noch mehr: Eine Erzählung geht zu Ende, die nächste erzählt sie weiter, dann ist eine in viele kleine Versatzstücke unterteilt. Das könnte man als bewusste Ignoranz starrer Formen verstehen, aber diesen Eindruck macht es nicht. Eher den eines Eintopfs aus den Resten der Woche.

          Ein Eintopf, der etwas süßlich schmeckt. Es geht unter anderem um eine Studentin der Kunstgeschichte namens Mathilde, die einen ihrer Meinung nach hässlichen und ungeschliffenen Koch kennenlernt, dem ein Fingerglied fehlt – und die ihn schließlich überall sucht, weil sie sich auf unerklärliche Weise verliebt hat. Jedem erzählt sie von dem Koch mit dem fehlenden Fingerglied, bis sie ihn schließlich findet. „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“, wie der ebenfalls romantisch veranlagte Franzose Blaise Pascal einst feststellte. In den weiteren Hauptrollen: ein Lkw-Fahrer mit trauriger Ehe und sterbendem Hund, ein Vater, der zum Schluss kommt, dass die Familie das Wichtigste in seinem Leben ist, und ein junger Mann, der ein Paar kennenlernt, das sein Leben verändert: Er verlässt seine Freundin und die Stadt, um auf einem Weingut zu arbeiten.

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          Die Plots könnten kaum konventioneller sein, aber immerhin blitzt in der Erzählweise immer wieder etwas mehr Kreativität auf. Anna Gavalda spielt mit den Perspektiven, sie spricht etwa für die Leser: „Wir haben die Schnauze voll von deinen nächtlichen Selbstgesprächen! Deine Gemütszustände sind uns vollkommen schnuppe! Was wir wollen, ist eine Story! Dafür sind wir letztendlich hier!“ Später antwortet die Erzählerin den Lesern auch: „Was habt ihr denn erwartet? Ihr seid mir eine sentimentale Clique.“

          Man muss schon sehr sentimental sein, um nicht über die Sprache zu stolpern. Kaum zu sagen, ob es an Anna Gavalda selbst oder der Übersetzerin Ina Kronenberger liegt, aber die Sprache ist hin und wieder unpassend antiquiert. Der ziemlich robuste Berufskraftfahrer nennt seinen Hund Frechdachs und Lausebengel. Lausebengel, wer solche Wörter noch in seinem aktiven Wortschatz hat, gehört wahrscheinlich zu einer Alterskohorte, die allmählich erwägen sollte, ihre Fahrtauglichkeit medizinisch überprüfen zu lassen. Aber auch ein ganz junger Mann drückt sich ähnlich aus: „Der Himmel ist ein Schelm.“ Fürwahr! Sie lese keine Zeitung, höre nicht Radio und sehe nicht fern, erzählte die ehemalige Lehrerin Anna Gavalda bei Gelegenheit in einem Gespräch. Das könnte einiges erklären.

          An anderer Stelle reizt sie die Sprache absichtlich bis an die Grenzen des Erträglichen aus. Mathilde trägt in ihrer Handtasche einen alten Liebesbrief eines Verflossenen mit sich herum, der ihre körperlichen Vorzüge preist. „Deine zuckersüßen Ohrläppchen glichen der Kammspitze eines gut gemästeten Hahns – winzige Porzellankiesel, weich und mürbe schmolzen sie im Speichel meiner Küsse dahin – und deine Ohrmuscheln ein Juwel, Krapfen zur Fastenzeit, ein Frikassee aus Vogelköpfen.“ Seitenlang geht das so, schwankend zwischen Schwulst und Avantgarde.

          Anna Gavalda: „Ab morgen wird alles anders“
          Anna Gavalda: „Ab morgen wird alles anders“ : Bild: Hanser Verlag

          „Ab morgen wird alles anders“ sollte nicht das erste Buch der französischen Autorin sein, das jemand liest. Sie hat schlicht bereits bessere geschrieben – und den Charme, den jene atmen, muss der Leser sich hier erst heraussuchen. Erst in der letzten Geschichte nähert Anna Gavalda sich ihrer alten Form. Da gibt es ein paar beiläufige Wahrheiten: „Menschen, die man liebt, trifft man nicht, die erkennt man.“ Und einen phantastischen Monolog, den der junge Mann seiner Freundin auf Kassette spricht (jawohl, Kassette, wir erinnern uns: Die Autorin lebt ohne Radio und Fernseher auf einem Bauernhof). Er legt ihr die Trennungsgründe dar, und was ihn wütend macht, ist genau so ein dummer Kleinkram, an dem tatsächlich Beziehungen scheitern, weil sich jahrelang wiederholender dummer Kleinkram eben manchmal für Respektlosigkeit steht.

          Nummer eins: Sie quasselt auf ihn ein, wenn er im Kino den Abspann gucken will. Nummer zwei: Sie bestellt nie ein Dessert, sondern nimmt immer die erste Gabel von seinem, dabei „ist die Spitze das Beste am ganzen Kuchen“. Der dritte Grund ist dann immerhin ihre Arroganz gegenüber seinen Eltern, das wirkt rationaler, für so etwas würden auch deutsche Romanfiguren ihre Partner verlassen. Aber wegen der Spitze am Kuchen: So etwas Weises bringen auch nur die Franzosen fertig.

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