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A.L. Kennedys neue Erzählung : Mary und die Schlange

Die schottische Autorin A.L. Kennedy erzählt in „Leises Schlängeln“ von einer Freundschaft zwischen einem furchtlosen Mädchen und einer Schlange. Bild: dpa

Es ist ein Märchen, und es sieht aus, wie Märchen aussehen sollten. In „Leises Schlängeln“ erzählt die schottische Autorin A.L. Kennedy auf kleinem Raum ein ganzes Leben.

          Mit ihrer gegabelten Zunge prüft die Schlange die Luft, die voller Spuren von Dingen ist, die sie wissen will. Wo Mary sich aufhält zum Beispiel. Ob es ihr gutgeht. Ob von irgendwoher Gefahr droht. Wenn die Schlange die Luft leckt, spürt sie, ob Mary glücklich ist. Und weil die Schlange ihr schöne Träume schickt oder Träume, die Mary verraten, was sie als Nächstes tun soll, ist Mary oft glücklich im Leben. Die Schlange besucht sie immer wieder. Bis zu dem letzten Mal, das zu traurig ausgeht, als dass es sich erzählen ließe. Denn die Schlange bringt den Tod. Sie ist der Tod. Vorher aber ist sie Marys Freund.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          So geht in groben Linien die Erzählung, die A. L. Kennedy „Leises Schlängeln“ genannt hat. Sie steht in einem wunderschön aufgemachten kleinen Buch, umhüllt von grell pink geprägtem Papier, auf dem sich eine orangefarbene Schlange windet. Ingo Hertzke, der erfahrene Übersetzer von Kennedys Büchern, hat die Geschichte, die auf Englisch gar nicht erschienen ist, souverän und mit lyrischem Gespür ins Deutsche übertragen. Zwischen den Kapiteln taucht in den Illustrationen von David Böhm immer wieder die Schlange auf, manchmal mit einem gezackten Blatt daneben, denn „Leises Schlängeln“ ist ein Märchen, und es sieht aus, wie Märchen aussehen sollten, und es fasst sich auch so an.

          A.L. Kennedy: „Leises Schlängeln“. Erzählung. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2016. 112 S., geb., 18 Euro.
          A.L. Kennedy: „Leises Schlängeln“. Erzählung. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2016. 112 S., geb., 18 Euro. : Bild: Karl Rauch Verlag

          Lesern des „Kleinen Prinzen“ wird die Schlange bekannt vorkommen. Auch dort kringelt sie sich eines Tages um ein Fußgelenk. Genau so tritt sie auch hier zum ersten Mal auf. Nach ein paar Seiten, auf denen wir das überaus phantasiebegabte und kluge Mädchen Mary kennenlernen, ist die Schlange als Reif um Marys Fußgelenk plötzlich da. Sie gibt sich mit ihren zwei rubinroten Augen zunächst nicht zu erkennen, sondern beobachtet, wie Mary wohl reagiert. Angst ist die häufigste Reaktion, das weiß die Schlange wohl. Aber Mary hat keine Angst.

          Ein Märchen ohne Sentimentalitäten

          Wie beim „Kleinen Prinzen“ weiß die Schlange einiges vom Sterben. Aber damit enden schon die Parallelen. Sowohl Mary wie auch die Schlange erlauben sich keinerlei Sentimentalitäten, obwohl der Ton dieses Märchens für Unverdorbene nicht ganz so nüchtern ist wie in anderen Büchern der schottischen Autorin, die sich eher durch knapp zuschlagende Sätze ins Herzgewebe auszeichnen.

          Mary nennt die Schlange erst einmal „Herr Hübsch“, weil sie sich mit dem Satz vorstellte: „Hallo, ich bin ungemein hübsch.“ „Hallo, Herr Hübsch“, antwortet Mary und erweist sich damit als frech genug, dem ungewöhnlichen Besucher Paroli zu bieten. Sie hat eine Menge über Schlangen gelesen und fürchtet sie nicht. Schließlich tauft sie ihren neuen Freund, denn das wird die Schlange schnell, auf den Namen Lanmo. Die Schlange ist männlich und erweist sich als zuverlässiger und fürsorglicher Partner auf Marys Weg durchs Leben.

          Immer wieder allerdings verschwindet sie auch, um ihren Pflichten nachzukommen – den Tod zu bringen. „Sie wäre noch viel beschäftigter gewesen, wenn die Menschen ihr nicht bei der Arbeit geholfen hätten“, heißt es einmal. „Oft ersparten sie ihr die Mühe, diesen oder jenen Menschen zu besuchen und ihre elfenbeinweißen Nadelzähne zu zeigen und ihre wunderschöne Stimme hören zu lassen und in ihre ehrlichen roten Augen zu schauen.“ Dann sind die Menschen tot schon vor ihrer Zeit. Doch manche Menschen, zu denen Lanmo kommt, lehren ihn auch etwas, das er gebrauchen kann. Dorothy etwa, eine uralte Großmutter, die ihm erklärt, was Liebe ist. Denn Lanmo liebt zum ersten Mal, und zwar Mary.

          Auf kleinem Raum erzählt A. L. Kennedy ein ganzes Leben. Ein ganz normales Leben, nur dass eine kleine Schlange, die sich in flüssiges Gold oder in eine Boa constricta verwandeln kann, eine wichtige Rolle in ihm hat. Das ist wunderschön. Ein Märchen eben.

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