03.10.2004 · Wie eine zufriedene Familie riecht und woran man Einzelkinder erkennt: Die britische Schriftstellerin A.L. Kennedy erklärt, „warum ich eine weitverzweigte Verwandtschaft, aber keine eigene Familie habe“.
Familie, das ist ein kompliziertes Wort, voller Gefühle und persönlicher Assoziationen. Offenbar habe ich eine ziemlich weitverzweigte Familie, ganze Nester voller Cousins und Großtanten und vage verwandten Menschen, denen ich in kleinen, überhitzten Wohnzimmern in den Midlands begegnete, wenn ich mit meiner Mutter unsere jährliche Pilgerfahrt nach Süden unternahm.
Eine Zeitlang hatte ich sogar eine Urgroßmutter, eine etwas unkommunikative, halb durchscheinende Dame mit einem ausgeprägten Interesse für Pferderennen im Fernsehen und mit einer unverständlichen Geschichte über einen Nachttopf.
Wir scheinen ein exzentrisches Völkchen gewesen zu sein
Meine Vorstellung von Familie stammt hauptsächlich aus Geschichten, eigenartigen Sagen wie der über einen Mann, der den ganzen Weg von South Wales nach Staffordshire gelaufen war und dabei seine Töchter getragen und die Schuhe um den Hals gebunden hatte; oder über den entfernten Verwandten, der mit einer Zigeunerin durchgebrannt ist; über den Mann, der ein Kornsilo besaß, in dem er sich erhängte; über einen, der in einem Bahnwärterhäuschen arbeitete, in dem er sich erhängte; über die Fischgeschäfte in Familienbesitz, in denen in den vierziger Jahren die Arbeitskraft von Flüchtlingen ausgebeutet wurde; über den Großgroßonkel, der oft dermaßen betrunken war, daß sein Pferd ihn überall herumführte wie auf Autopilot; über den schamlosen Antiquitätenfälscher, über den Urgroßvater der sein Leben im Bett verbrachte, die Großtante, die einen derart giftigen Pastinakenwein herstellte, daß mehrere Händler davon bewußtlos wurden. Wir scheinen ein exzentrisches Völkchen gewesen zu sein.
Natürlich habe ich meine Großeltern gekannt, besonders die Eltern meiner Mutter: Opa, der adrette Ex-Boxer, Ex-Kartenhai und konservative Werkzeugmacher, der wusch und kochte und putzte; Oma, die wendige Möbelpflegerin, unfähig zu jeglicher Hausarbeit, eine glühende Kommunistin, die gerne dreckige Witze hörte. Sie waren das hingebungsvollste Paar, das ich je erlebt habe, obwohl sie in einem konventionellen Sinn kaum zusammenpaßten.
Wohingegen meine Eltern, die sich ganz eindeutig überhaupt nicht verstanden, sogar noch weniger zusammenpaßten. Heute kann ich annehmen, daß auch die Väter und Mütter anderer Kinder ihre Kämpfe und Streitereien hatten, daß dort auch Gemeinheiten ausgetauscht wurden, aber natürlich sah und hörte ich damals nichts davon. Familien sind etwas Privates.
Noch heute erkenne ich eine zufriedene Familie am Geruch
Als ich heranwuchs, neigte ich zu der Annahme, daß die Kinder um mich herum ganz anders lebten als ich, daß sie nicht immer so auf der Hut und wachsam sein mußten. Mir war immer ein wenig unwohl, wenn ich Schulfreunde zu mir nach Hause einlud, weil ich glaubte, sie würden die untrüglichen Zeichen unserer Dysfunktionalität ebenso leicht erkennen wie ich die offensichtlichen Indizien für Normalität bei ihnen zu Hause.
Noch heute erkenne ich eine zufriedene Familie am Geruch: Da ist etwas Milchiges, fast Schläfriges, eine Wärme, in der man sich sofort wohl fühlt, und ein Geschmack von sauberen Kleidern und fröhlichen Wannenbädern, und erwachsene Düfte, die ineinanderfließen: Parfüm, Seife, Haut.
Keine Spur von untergründiger elektrischer Aufladung, keine Hinweise auf dunkles Schweigen, keine Ticks, kein Stammeln oder Anzeichen von Streß. Ehe man sich versieht, hat man schon Platz genommen, man bleibt länger, ißt etwas, nimmt das angebotene Gästebett oder Sofa an, als Einstimmung auf einen Morgen, der nach Frieden schmecken wird.
Ich erkenne ein anderes Einzelkind, wenn ich eines sehe
In anderen Familien gab es auch oft Brüder und Schwestern. Ich habe keine, und ich kann mir immer noch nicht vorstellen, welche Verwicklungen sich aus mehreren Kindern, ihren verschiedenen Wünschen, Besitztümern, Vorlieben, Hobbys und Haustieren ergeben. Aber ich erkenne ein anderes Einzelkind, wenn ich eines sehe: der leicht wunde Ausdruck von Selbstgenügsamkeit, die Freizeit-Paranoia, die Sehnsucht nach Privatheit.
All dies mag vielleicht erklären, warum ich mir keine eigene Familie geschaffen habe. Sicher, die Anforderungen des Schreibens, die unabdingbaren Reisen und ein Mangel an verfügbaren mentalen Kapazitäten sind nicht gerade hilfreich, wenn es darum geht, Leute kennenzulernen, sie zu entdecken, sich niederzulassen. Aber es schwingt sicher auch ein Mangel an Vertrauen mit, ein Unwillen, meine Skepsis mal aufzugeben.
Unsinn und Spielsachen mit Männern und Leihkindern
Zur Abwechslung nehme ich mit Männern, die ich einigermaßen kenne, schier endlose Mahlzeiten ein und leihe mir die Kinder anderer Leute aus. Die Kinder anderer Leute sind natürlich dazu da, mit ungesunden und überstimulierenden Snacks abgefüllt zu werden, und müssen unbedingt aufregendem Unsinn und seltsamen Ideen ausgesetzt werden, bevor man sie wieder ihren harmlosen Eltern aushändigt - nicht ohne sie zuvor mit neuen, lauten Spielsachen ausgestattet zu haben.
Die Männer dürfen sich ihre Snacks und Ideen selbst aussuchen und wohnen auch nicht mehr bei ihren Eltern, wenngleich ich feststelle, daß sie gegen Unsinn und Spielsachen durchaus nichts einzuwenden haben.
Ich bewundere die Familien meiner Freunde
Die umfassenderen Ausdrucksformen von Familie haben mir noch nie so richtig behagt. Sei es meine Schule mit Lehrern in der Elternrolle, sei es meine Uni mit etwas mutigeren Dozenten, meine Gemeinde mit mehr oder weniger korrupten Beamten, dieser Witz von einem Schottischen Parlament, mein Vereinigtes Königreich mit der Regierung in London, die sagt, wir sollten ihr vertrauen wie unseren Vätern und Müttern. Wie die Mehrheit der britischen Bürger vertraue ich meiner Regierung so, wie ich auch einem Pyromanen mit Streichhölzern oder einem bewaffneten Psychopathen vertrauen würde.
Damit komme ich zu dem Grund, aus dem ich heutzutage am häufigsten über Familien nachdenke. Wie gesagt habe ich keine eigene, aber mein Bedauern darüber beschäftigt mich nicht jeden Tag. Ich bewundere die Familien meiner Freunde: wie sie sich um die Kinder kümmern, ihre Liebesbeweise, ihr größtenteils unsichtbarer Mut angesichts der Schwierigkeiten, die sich in jedem Leben irgendwann einstellen, aber es gibt ja auch Tage, an denen ich meine Freunde nicht treffe und auch nicht an sie denke.
Jedes Liebesband wird zu einer Quelle des Schmerzes
Aber ich kann nicht vergessen, daß ich als britische Staatsbürgerin, als Steuerzahlerin jeden Tag Familien zerstöre. Die Uranmunition meiner Armee im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan und im Irak sorgt für behinderte Kinder, tote Kinder und unglaubliche Krebserkrankungsraten. Die Teilnahme meiner Armee an der Besetzung des Irak bedeutet, daß junge Soldaten, deren Mütter ihnen auch mal Anekdoten erzählt haben, verkrüppelt, gebrochen oder überhaupt nicht mehr nach Hause kommen.
Mütter und Kinder, die in der Nähe sogenannter "safe houses" wohnen, werden plötzlich verstümmelt, traumatisiert, ermordet. Väter müssen in grobkörnigen Videos um ihr Leben betteln, Großväter werden auf dem Weg zum Einkaufen erschossen, die geprügelten Körper von Söhnen werden dazu benutzt, ihre Väter einzuschüchtern, jedes Liebesband wird zu einer Quelle des Schmerzes, zu einer Schwäche, die sich ausnutzen läßt, zu einem Ziel, einem Grund zur Rache, zur Wut.
Geschmack eines dunklen Schweigens
Aus welchen Gründen auch immer habe ich keinen Ehemann, keine Töchter, keine Söhne, aber meine Familie wurde mir nicht genommen - sie ist in der Zukunft noch möglich. Aber jeden Tag müssen Männer und Frauen Verlust und Einsamkeit ertragen, weil sich meine Regierung lieber an Lügen beteiligt als an der Suche nach der Wahrheit, weil sie eher auf Profit als auf Verständnis aus ist, weil sie sich der Verbreitung von Ignoranz und Furcht verschrieben hat.
Jeden Tag erwache ich im Frieden, aber auch mit dem Geschmack eines dunklen Schweigens, mit der privaten Schuld der britischen Familie. Offenbar machtlos, den Kurs unserer Führer zu ändern, protestieren wir, suchen rechtlichen Beistand, geben unseren Dissens zu Protokoll und versuchen in immer größerer Zahl, zumindest das Schweigen zu durchbrechen, um zu sagen, daß wir wissen, was gerade in unserem Namen geschieht, daß wir wissen, was wir da getan haben.
Familie, das ist ein kompliziertes Wort, voller Gefühle und persönlicher Assoziationen.