http://www.faz.net/-gr3-72tpe

A. F. Th. van der Heijden: Tonio : Eine Kraftprobe mit dem eigenen Schmerz

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Als der Sohn nach einem Unfall stirbt, beginnt der Vater zu schreiben: In „Tonio“ ruft der großartige niederländische Schriftsteller A. F. Th. van der Heijden dem Schicksal seine Verzweiflung entgegen.

          Am 23. Mai 2010 verunglückte Tonio van der Heijden frühmorgens in Amsterdam. An den schweren inneren und Hirnverletzungen starb der gerade einmal 21 Jahre alte Mann, nachdem die Ärzte zehn Stunden lang im Operationssaal um sein Leben gekämpft hatten. Eine Tragödie, wie sie nicht gar so selten vorkommt: Alkoholisiert nach einer Fete, mit schlecht beleuchtetem Fahrrad auf einer Kreuzung, deren Ampel ausgestellt ist, zufällig kommt ein Auto vorbei - das klingt so banal, und es beendet ein junges Leben. „Er lässt uns gebrochen zurück“, schreiben seine Eltern in der Todesanzeige. Im niederländischen Original klingt das noch niederschmetternder: „Hij laat ons kapot achter.“ Kaputt. Tonios Vater, A. F. Th. (Adri) van der Heijden, einer der berühmtesten und großartigsten Schriftsteller der Niederlande, kann nun nicht mehr weiterarbeiten und wie besessen seine Gegenwart in Prosa umzaubern. An dieser Schwelle ist die Kraft der literarischen Fiktion zu Ende.

          Und dennoch resigniert „A. F. Th.“ - so sein Künstlernamenskürzel - nicht. Fast gleichzeitig mit dem Todestag seines einzigen Kindes richtet er seine Recherche auf dessen Leben, dessen Sterben. Tonio ist tot, doch es entsteht „Tonio“. Ein „Requiemroman“, in dem der kaputte Vater wenigstens mit seinen unzureichenden Mitteln, nein: nicht den Verlust verarbeitet oder das Kind weiterleben lässt. Das geht ja nicht. Der Autor tut, was ein Autor eben kann: Er ruft dem Schicksal seine Verzweiflung entgegen, sammelt die Erinnerungen, aus denen ab jetzt das Leben seines Sohnes besteht. Und er stellt sich dabei als niedergeschmettertes Objekt notgedrungen in den Mittelpunkt und feiert ein Requiem auf das eigene Leben.

          Das Buch, das dabei herausgekommen ist, wurde zur ungeheuerlichen Kraftprobe mit dem eigenen Schmerz. Natürlich hat der Schriftsteller diese Kraftprobe verloren. An der verzweifeltsten Stelle dieses verzweifelten Werkes beschreibt van der Heijden, wie er sich seine Zukunft vorstellt: dass die Zeit keineswegs den Verlust und das Gefühl der totalen Niederlage mildert, sondern dass alles mit den Jahren immer schmerzlicher werden wird. Bis zum eigenen Tod.

          Dadaistisches Entsetzen

          Bis zu solchen tiefschwarzen Lektionen aus dem Unfall am „schwarzen Pfingsttag“ legt van der Heijden einen schweren Weg zurück. Er schneidet mit der ihm eigenen Detailfreude und Sprachmacht das eigene Erleben des Unfalltages mit zahlreichen Reminiszenzen an Tonios Leben zusammen: Tonios Zeugung, Tonios Geburt, die in die Tage des holländischen Fußballtriumphs bei den Europameisterschaften 1988 fiel. Die Reisen mit seiner Frau Mirjam Rautenstreich (“Minchen“) und dem gemeinsamen Jungen, der wie jedes Kind mit den Jahren zur Person heranwächst. Tonio begleitet den Vater, zunehmend gelangweilt, zu Lesungen und Signierstunden. Macht das Abitur, wird zum passionierten Fotografen, bricht ein Studium ab, doch will er nun in Medienwissenschaften bald abschließen.

          Ginge es dabei nur um den toten Tonio, würde dieser Roman zu einem traurigen Familienalbum mit Tagebuchschnipseln, wie dies auch andere Eltern, die ihre Kinder überleben mussten, anlegen. Van der Heijden aber, selbsternannter „Homo duplex“, mit jeder Wahrnehmung zum Reflektieren und Aufschreiben gezwungen, will sich keineswegs mit „metaphysischer Ornithologie“ abgeben und fragen, wo sein totes Kind jetzt wohl sei. Stattdessen fängt der Autor ein, was die Katastrophe mit ihm und aus ihm gemacht hat. Mit einer fotorealistischen Rückhaltlosigkeit, die für den Leser oft nur schwer auszuhalten ist, macht van der Heijden Bilanz.

          Er schildert bis zu körperlichen Details an den verdreckten Fingernägeln, am verquollenen Gesicht und der erkaltenden Haut den Sterbeprozess seines Kindes, den Vater und Mutter hinter einem Plastikvorhang „im nylongelben Beduinenzelt“ auf dem Gang von Amsterdams größter und daher auch unbehaustester Klinik miterleben. Sinnlos läuft in solcher Schreckensstunde das Hirn leer, und auch diese Form dadaistischen Entsetzens erspart sich der Autor nicht: Er vermerkt, wie sein Denken im Moment, da der Arzt jede Hoffnung verneint, sich auf den eigenen Knoblauchatem richtet: ein Addio mit „Aglio olio“.

          Weitere Themen

          Du musst nicht lügen Video-Seite öffnen

          Facebook : Du musst nicht lügen

          Eigentlich sehen die Regeln von Facebook vor, dass ein Nutzer mindestens dreizehn Jahre alt sein muss. Jetzt präsentiert das Unternehmen eine Spezialversion seines Messengers für Kinder.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz im Bundestag

          Umfrage : Große Koalition gewinnt an Zustimmung

          Eine große Koalition aus Union und SPD findet Umfragen zufolge deutlich mehr Zustimmung bei den Deutschen als noch vor einer Woche. Am Freitag entscheidet die SPD-Führung, ob sie Sondierungen aufnehmen möchte.

          Brexit-Veto : Ein erster Sieg im Rückzugsgefecht

          Nach Mays Niederlage im Parlament keimt nun bei vielen die Hoffnung auf, dass die Regierung gezwungen sein könnte, in Brüssel einen „weicheren“ Brexit zu verhandeln. Ein Rennen gegen die Zeit.

          Kryptowährung : Bulgarien ist Bitcoin-Großbesitzer

          Bulgarien besitzt Bitcoin im Wert von fast drei Milliarden Euro. Damit könnte das Land fast 20 Prozent seiner Staatsschulden bezahlen. Es gibt nur einen Haken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.