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1 Buch, 1 Satz : Als Profi hervorragend, als Künstler ein Versager

Bild: FAZ.NET

Die Luke zum Boden ist eine Kippfigur: Haruki Murakamis Roman „Die Ermordung des Commendatore“ bringt einen Maler in Kontakt mit seinen Dämonen.

          Wohin er auf seiner Flucht geraten ist, erkennt der Maler erst allmählich, und ohne die Eule, die sich auf dem Dachboden der einsamen Hütte in den Bergen durch nächtliches Scharren bemerkbar macht, würde ihm dabei womöglich ein entscheidender Hinweis fehlen. So geht er der Sache nach, entdeckt eine verborgene Luke, durch die er seinen Kopf steckt und mit der Taschenlampe den Dachboden ausleuchtet. Der Strahl trifft die Eule, die sich davon nicht beirren lässt, und ein zusammengerolltes Paket, ein Bild, wie sich dann herausstellt. Es zeigt zwei Männer, einer den anderen erdolchend, dazu eine Frau und einen Mann, die dem Mord zusehen. Der Maler aber, der in das Haus eingezogen ist, weil seine Frau ihn verlassen und ihm damit den Boden unter den Füßen weggezogen hat, deutet das Bild als westliches Motiv im japanischen Dekor: Es handelt sich um eine Szene aus Mozarts „Don Giovanni“, die Ermordung des Commendatore nämlich, der am Ende der Oper leichtfertig von seinem Mörder zum Fest geladen wird, tatsächlich erscheint und Don Giovanni in die Unterwelt mitnimmt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der namenlose Maler, 36 Jahre alt und in jeder Hinsicht verunsichert, ist der Erzähler in Haruki Murakamis neuem Roman, dessen erster Teil nun auf Deutsch vorliegt, der zweite wird am 16. April erscheinen. Sein Titel „Die Ermordung des Commendatore“ bestätigt die Vermutung des Malers zum Inhalt des Bildes, aber die Ausdeutungsmöglichkeiten sind damit längst nicht erschöpft, schließlich wird rasch klar, dass sich auch das Schicksal des Malers und das seines Umfelds in diesem Sujet spiegeln und dass die Frage immer drängender wird, wem in diesem Kreis welche Rolle zukommt: Wer ist der gewissenlose Betrüger und Mörder, wer sein Opfer, wer der trauernde Hinterbliebene, der Mittäter, der bloße Zuschauer?

          So freimütig erzählt er doch nicht

          Der Maler erzählt aus der Rückschau von dem Dreivierteljahr, in dem die Beziehung zu seiner Frau Yuzu unterbrochen war und er sogar schon die Scheidungspapiere unterzeichnet hatte. Er berichtet, wie ihm ein Freund, auch er ein ehemaliger Kunststudent und heutiger Grafiker, das einsame Haus seines Vaters vermittelt, des berühmten Malers Tomohiko Amada, der nun als dementer Greis in ein Pflegeheim gebracht worden ist.

          Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore. Band 1: Eine Idee erscheint.“ Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag, Köln 2018. 480 S., geb., 26,– Euro.

          Irgendwann meldet sich der elegante Geschäftsmann Wataru Menshiki und bietet dem fast mittellosen Maler eine Unsumme für ein Porträt, die Bekanntschaft wird enger, und als der Maler durch einen akustischen Spuk beunruhigt wird, steht ihm Menshiki bei. Schließlich kommt es zu einem zweiten Auftrag: Der Maler soll ein dreizehnjähriges Mädchen porträtieren, für dessen Vater sich Menshiki hält, ohne je mit dem Kind Kontakt aufgenommen zu haben.

          Dass wir es mit einem Roman, eher mit einer Romanhälfte von Haruki Murakami zu tun haben, wüsste man auch, wenn der Name des Autors nicht auf dem Rücken stände, so präsent sind hier zahlreiche Themen, die aus anderen Werken Murakamis vertraut sind: Der aus der Bahn geworfene Erzähler, der wie Tsukuru Tazaki (in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, 2013) mit 36 Jahren vor der Notwendigkeit steht, zurückzublicken und jenen Punkt in der Vergangenheit zu finden, der sein gegenwärtiges Leben so empfindlich stört, das Netz aus kulturellen Bezügen, das sich um den Erzähler spannt, eine rätselhafte Geliebte, die aus dem Nichts auftaucht, wieder verschwindet und tiefe Spuren in seinem Gemüt hinterlässt, und schließlich ein Erzähler, der das, was er berichtet, anscheinend freimütig preisgibt und doch vieles zurückhält, was erst allmählich ans Licht kommt – hier geschieht das, indem er oft ein und dieselbe Geschichte zweimal erzählt, mit fast denselben Worten, aber doch erhellend variiert.

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