Home
http://www.faz.net/-gr3-15b1c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage Der Feind in meinem Kopf

Supermütter im Perfektionswahn: Anna Katharina Hahns Debütroman „Kürzere Tage“ erzählt von zwei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ihr Problem ist eine gnadenlose Übertrumpfungssucht, die die beiden Frauen blind macht für die wahren Probleme.

© Verlag Vergrößern

„Hackstraßenmist“ heißt der Urteilsspruch, den es unbedingt zu vermeiden gilt. Denn „Hackstraßenmist“, wie Klaus es nennt, ist das Schlimmste für seine Frau Judith, die eine der beiden Heldinnen aus Anna Katharina Hahns Debütroman „Kürzere Tage“. Der Begriff steht für den Rückfall in eine peinlich ineffiziente Vergangenheit, die Judith am liebsten vergessen würde. Wie sollte sie sich auch verzeihen, dass sie früher, als sie noch in der Hackstraße wohnte, viel zu lange Kunstgeschichte studierte, ohne ihre Abschlussarbeit über Otto Dix zu beenden? Wie sonst erklären, warum sie damals an ihrer Affäre mit Sören festhielt, einem machohaften Medizinstudenten, der Judith schlecht behandelte und nie geheiratet hätte? Und dann die vielen Zigaretten und Psychopharmaka, die Judith damals rauchte und in sich hineinstopfte. Daran will die Frau um die vierzig, inzwischen Mutter von zwei kleinen Söhnen, nicht mehr erinnert werden. Auch pafft sie heute nur noch heimlich und auch bei den Tabletten verwischt sie penibel alle Spuren.

Schließlich ist Judith heilfroh, die Kurve noch gekriegt zu haben. Von einem Tag auf den anderen hat sie das Studium geschmissen und Sören abserviert, um Klaus zu heiraten. Der ist zwar ein daueroptimistischer „Langweiler“, wie Judith bedauert. Auch Sex mit ihm ist nicht aufregend, „wie Schwimmen am Warmbadetag“. Doch dank ihm, der inzwischen Professor für Maschinenbau ist, konnte Judith von der ranzigen Hackstraße in die noble Constantinstraße umziehen: mit ihren herausgeputzten Altbauwohnungen eine Lieblingsadresse des Stuttgarter Bildungsbürgertums.

Nichts ist so, wie es sein soll

Auch die fünf Jahre jüngere Leonie, die Judith direkt gegenüber wohnt, hat für ihre Zugehörigkeit im begehrten Wohnviertel schmerzhaft-pragmatische Kompromisse in Kauf genommen. Ihr Mann Simon, als Sohn einer allein erziehenden Mutter in der „Schwabenbronx“ Heslach aufgewachsen, musste erst einmal „wie Robinsons Freitag“ zivilisiert werden. Geduldig hat Leonie ihm die nötigen Codes beigebracht, mit denen er sich vom Praktikanten zum Vertriebsleiter einer Firma für Autodichtungen hocharbeitete. Nun aber ärgert sie, dass Simon so ehrgeizig geworden ist, dass er oft noch spät nachts im Büro sitzt statt seiner Frau mit den beiden kleinen Töchtern zu helfen. Leonie, die als studierte Romanistin ebenfalls in einer Bank arbeitet, plagt ihr Rabenmutter-Gewissen. Und wenn sie im Dunkeln die benachbarte Nur-Mutter Judith vom Fenster aus beobachtet, die ihre beiden Söhne nach den Maximen der Waldorfpädagogik erzieht, kommt ihr das wie die „heilige Familie“ vor, in der „alles so ist, wie es sein soll“.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Eizellen einfrieren Wenn die biologische Uhr lauter tickt

Um nicht kinderlos zu bleiben, lassen Frauen mit spätem Kinderwunsch ihre Eizellen einfrieren. Die Nachfrage nach Social Freezing steigt. Mehr Von Sarah Kempf, Wiesbaden/Mainz

18.10.2014, 15:40 Uhr | Rhein-Main
Victoria Beckham engagiert sich gegen HIV und Aids

Den Ausschlag für ihr Engagement hätten Erfahrungen bei einer Südafrika-Reise gegeben, berichtete die 40-Jährige in New York. Die Frau von Ex-Fußballstar David Beckham wird vor allem für Maßnahmen werben, mit denen eine Übertragung von HIV von Müttern auf ihre Kinder verhindert werden kann. Mehr

27.09.2014, 12:19 Uhr | Gesellschaft
Der Geschäftsgang Ein Buchladen für Feinschmecker

Die Buchhandlung Weltenleser in Frankfurt liegt etwas versteckt und kann leicht übersehen werden. Ihre Buchauswahl ist besonders. Mehr Von Petra Kirchhoff

12.10.2014, 14:38 Uhr | Rhein-Main
Kampagne für tote Kinder

Im irischen Tuam soll mit einem Denkmal an hunderte tote Kinder erinnert werden, die in der Nähe eines katholischen Heims für unverheiratete Mütter entdeckt worden waren. Mehr

05.06.2014, 13:16 Uhr | Gesellschaft
Russlands Sexidol Girls wollen Putin

Nach all den Jahren als Präsident, Herrscher und Macho-Darsteller ist Wladimir Putin endlich auch zum Sexidol geworden. Junge Russinnen schwärmen ihn an, besingen ihn, machen sich schön - nur für ihn. Manche machen damit sogar Karriere. Mehr Von Anna Prizkau

11.10.2014, 19:20 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.03.2009, 17:54 Uhr