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Amerikanischer Bestseller: „Patriots“ Wie das Ende unserer Welt zu überleben ist

 ·  Gerade wurde James Wesley, Rawles, der Mann mit dem Komma im Namen, noch belächelt, jetzt ist er vielgelesener Prophet des Untergangs. Sein Groschenroman „Patriots“ trifft den Nerv der Zeit und spielt mit der Zukunftsangst der Amerikaner.

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Wo er lebt, verrät er nicht. Irgendwo westlich der Rockies, sagt er gern auf Nachfrage, mehr nicht. Dort soll er sich mit Frau und Kindern mehr oder weniger versteckt halten. Aus Sicherheitsgründen. Aber auf unsere E-Mail hat er dann doch innerhalb weniger Stunden geantwortet. Wir hatten ihn gefragt, ob er für Deutschland ebenso schwarzsehe wie für die Vereinigten Staaten. Er schrieb zurück: „Die gleichen infrastrukturellen Schwachstellen, die wir in Amerika haben, bestehen auch in Deutschland. Weil die Bevölkerungsdichte in Deutschland noch viel höher liegt als in den Vereinigten Staaten und weil Deutschland von fremden Bezugsquellen für Treibstoff und Nahrungsmittel abhängiger als Amerika ist, könnten die Vorsorgungsengpässe und sozialen Unruhen noch schlimmer sein. Die gegenwärtige Lage könnte sich fortsetzen und sogar so übel werden, wie ich es in meinem Roman geschildert habe. Es ist darum klug, Vorkehrungen zu treffen.“

Die „Patriots“ haben Vorsorge getroffen

Sein Roman heißt „Patriots“ und stand kürzlich, ganz ohne dass die traditionell tonangebenden Medien von ihm Notiz genommen hätten, auf Rang sechs bei Amazon. James Wesley, Rawles, der Autor, der vor seinen Nachnamen ein Komma setzt, um die Demarkationslinie zwischen namentlichem Individualbesitz und Gemeingut seiner Meinung nach klar aufzuzeigen, entwirft darin eine nahe Zukunft des Grauens.

„TEOTWAWKI“ oder „The End Of The World As We Know It“, wie die Alternativrocker von R.E.M. es einst besangen, ist darin bereits eingetreten. Ein globaler Wirtschaftszusammenbruch samt totalem Regierungsversagen, von Rawles „The Crunch“ genannt, hat zur Geldentwertung geführt und Anarchie hervorgerufen.

Jeder ist auf sich selbst angewiesen, um zu überleben. Gott sei Dank, und das sei durchaus wörtlich gemeint, war eine Gruppe Gleichgesinnter, die im Titel angekündigten Patrioten, schon von Vorahnungen erfüllt und hatte über die Jahre Vorsorge getroffen.

Mit üppiger Waffensammlung die Zukunft meistern

Aber erst einmal müssen sie der Hölle, in die verzweifelte, plündernde Massen Chicago verwandelt haben, mit einigermaßen heiler Haut entrinnen und ihre schwerbefestigte Ranch im nördlichen Idaho erreichen. Immer wieder müssen sie Angriffe auch auf ihr Refugium abschmettern.

Eine sorgfältig ausgeheckte Überlebensstrategie ist ihre Rettung, so dass sie nach endlosen, durchaus gewalttätigen Auseinandersetzungen beim Wiederaufbau der Nation mithelfen dürfen.

Denn auf uramerikanisch korrekte Art wird die Krise überwunden und bekommt das Individuum, fundamental unverzagt, obwohl aufs Schlimmste gefasst, die nächste Chance, mit Hilfe Gottes, der amerikanischen Verfassung und einer üppigen Waffensammlung die Zukunft zu meistern, fern aller staatlichen Gängelei.

Die Zeit ist reif

Wie das auf immerhin dreihundertachtzig Seiten erzählt wird, ist nun höchstens für den verlockend, der unbedingt erfahren will, welche Wirkung eine als Groschenroman verkleidete Predigt auf ihn haben könnte. Gerade als Predigt aber scheint das Buch jetzt einen Nerv zu treffen.

Taufrisch ist es nämlich nicht. Rawles hatte Skizzen erstmals Anfang der neunziger Jahre digital unter die Leute gebracht, bevor ein evangelikaler Verlag sich des Manuskripts annahm, mit sehr überschaubarem Erfolg. Mit der Wirtschaftskrise kam der Umschwung.

Seit April wird „Patriots“ in überarbeiteter, erweiterter Form von der kalifornischen Ulysses Press als Taschenbuch angeboten, versehen mit dem neuen Untertitel „Ein Roman des Überlebens im kommenden Zusammenbruch“. Die Zeit ist fürs Buch nachgereift.

Die „Survivalists“ bekommen Zulauf

Doch allenfalls am Rande wird darin erwähnt, wie es zur Krise kam. Was der Staat und die Wirtschaft taten oder nicht taten, um TEOTWAWKI zu vermeiden, dürfen sich die Leser selbst zusammenreimen. Dafür erfahren sie umso genauer, wie sie sich im Notfall zu verhalten haben.

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