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„A Typical Girl“ von Viv Albertine : Nie lügen und keine Angst

  • -Aktualisiert am

Frau mit Haltung: Viv Albertine Bild: Getty

Viv Albertine war mal Gitarristin der wütenden Mädchen-Punkband The Slits. Jetzt hat sie der Welt ein überraschend zartes Memoir geschenkt, das „A Typical Girl“ heißt.

          Es ist vollkommen egal, ob Sie sich für Punkmusik interessieren, es spielt keine Rolle, ob Sie jemals etwas von der englischen Siebziger-Jahre-Mädchen-Band The Slits gehört haben oder von deren Gitarristin Viv Albertine. Albertines jetzt auf Deutsch erscheinende Autobiographie „A Typical Girl“ funktioniert auch so. Es ist das außergewöhnliche Buch einer Frau, die sich selbst als ziemlich gewöhnlich beschreibt und von der sich wahnsinnig viel lernen lässt, wenn man will, vor allem über: Haltung.

          „Wer seine Autobiografie schreibt, ist entweder bescheuert oder pleite. Bei mir ist es ein bisschen was von beidem.“ Mit diesem Buch-Auftakt ist der Ton gesetzt: Die Autorin erzählt es, wie es ist. Keinen Mist. Keine Beschönigungen. Der Rhythmus: schnell und schnörkellos. Das Buch ist in kurze Kapitel unterteilt, manche nur eineinhalb Seiten lang. Sie sind im Präsens geschrieben, eine Kindheit im England der späten Fünfziger und der Sechziger fliegt so an einem vorbei. Der Vater ist schwach und verteilt Schläge. Die Mutter, sehr liebevoll geschildert, kann ihre beiden Töchter nicht beschützen. Als Viv Albertine irgendwann zum ersten Mal „You Can’t Do That“ von den Beatles hört, ist es um sie geschehen: „Dieser Song bohrt sich mir ins Herz, und ich glaube kaum, dass es je wieder heilen wird.“ Sie wagt den Traum, Popsängerin zu werden. Als sie das ihrem Vater gesteht, winkt der ab: „Du bist nicht schick genug.“ Und seine Tochter gibt ihm innerlich recht und verachtet sich selbst für ihre hochtrabende Idee.

          Glaubwürdiger als Patti Smith?

          Vor ein paar Jahren brachte die Rockmusikerin Patti Smith ihr Memoir „Just Kids“ heraus, das weltweit so erfolgreich war, dass sie damit insgesamt mehr Geld verdient hat als in ihrer Karriere als Musikerin. Es handelte von ihren Jahren als junge Frau in New York, als sie mit Robert Mapplethorpe befreundet war, und war so elegisch und melancholisch geschrieben, dass man wirklich Mühe hatte, es mit Fotos, die Patti Smith in jener Zeit zeigen, zusammenzubringen. Wer war denn jetzt die wahre Patti Smith? Die, die sich andauernd nackt fotografieren ließ, oder die, die ganz scheu und wund eigentlich immer nur danebenstand und voll Wehmut an Baudelaire dachte?

          Viv Albertines Erzählstimme klingt viel stimmiger (auch auf Deutsch, in der wunderbaren Übersetzung von Conny Lösch): Ihr nimmt man die Person ab, als die sie sich beschreibt. Da klafft nichts merkwürdig auseinander à la „Finden Sie die Fehler im Bild“, sondern das Leben wird als Entwicklung beschrieben. Man kann lesend miterleben, wie aus einem unsicheren Mädchen, das für John Lennon schwärmt (vor allem, als der sich in Yoko Ono verliebt!), eine junge Frau wird, die zwar immer noch leicht zu verunsichern ist, aber die erstaunliche Eigenschaft an den Tag legt, immer genau dorthin zu gehen, wo die Angst ist. Negativ auffallen möchte sie eigentlich nicht. Es zieht sie ausgerechnet zur Punkszene, in der es um nichts anderes geht. Einmal drin, ist es nur noch ein kurzer Weg bis in eine Band. Im Prinzip braucht es dazu ja nur ein Instrument. Doch Albertine übt stundenlang, will wirklich Gitarre spielen können und findet heraus, dass sie sich musikalisch anders ausdrücken kann als sonst - freier, angstloser, aggressiver. Ihre erste Band löst sich schnell wieder auf. Was nun? Soll sie es, obwohl nicht schick genug, wirklich als Musikerin riskieren?

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