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Warum Hitler keine Fremdsprache benutzte

Eine Untersuchung zur Frage, was Abiturienten nach drei Jahren Leistungskurs "Geschichte" können

Als oberstes Lernziel des Geschichtsunterrichts wird "Geschichtsbewusstsein" angestrebt. Schaut man sich allerdings an, wie es mitunter näher beschrieben wird, dann trifft man beispielsweise in den Bildungsstandards des Geschichtslehrerverbandes auf 114 Teil- sowie 442 Unterkompetenzen, die in der Schule angeblich erworben werden sollen. Wer sie durchgeht, ist geneigt, den Jugendlichen unhistorisches Bewusstsein zu empfehlen. Alles andere würde zu Überlastung oder zu Fünfen in den übrigen Fächern führen. Über Schüler am Ende der sechsten Klasse heißt es etwa, sie könnten "die Entstehungsbedingungen und die gesellschaftliche Ausprägung einer frühen Hochkultur erläutern" oder "die Entstehung der wissenschaftlichen Weltsicht" bei den Griechen "als bedeutenden geistigen Umbruch darstellen" sowie "Mythos und Logos als unterschiedliche Beschreibungen der Welt erläutern". Danach sollte man solche Elfjährigen dann aber schnell zum Studium zulassen.

Eine Forschergruppe des Instituts für Geschichtsdidaktik der Universität Münster hat nun gefragt, was Abiturienten im Fach Geschichte tatsächlich können. Im Auftrag des nordrhein-westfälischen Schulministeriums hatte sie zunächst die Abituraufgaben sowie Stärken und Schwächen der Schüler analysiert. Danach nahmen sich die Forscher dann 238 Leistungskurs-Abiturarbeiten aus dem Jahr 2008 und aus 47 Städten des Bundeslandes vor. Und zwar wurden jeweils die beste, die schlechteste und eine durchschnittliche Arbeit untersucht (Bernd Schönemann u.a.: "Was können Abiturienten? Zugleich ein Beitrag zur Debatte über Kompetenzen und Standards im Fach Geschichte, Lit-Verlag, Münster 2010).

Zu den Befunden der Forscher gehört zunächst, wie selektiv das Prüfungsgeschehen im Abitur ist. Die Vorgaben für das Zentralabitur schließen absurderweise Antike, Mittelalter und Frühneuzeit als Themen aus. Die neuere Politikgeschichte dominiert. Kultur- und Regionalgeschichte kommen ebenso wenig vor wie Fragen, die sich auf Historie außerhalb von Europa beziehen. Im Abitur 2008 standen drei Aufgaben zur Wahl: eine Rede von Hans-Dietrich Genscher, eine wissenschaftliche Darstellung zum Nationalismus im Kaiserreich und eine Rede Adolf Hitlers. Die beiden letzteren Texte wurden deutlich am häufigsten gewählt.

Dass dabei ein Abschnitt aus Hans-Peter Ullmanns Geschichte des Kaiserreichs in der Aufgabenstellung selber als "Textauszug des 19. Jahrhunderts" bezeichnet wurde, zeigt, wie es in Prüfungsämtern zugeht. Der Textauszug selber wurde gekürzt, wobei auch eine Passage wegfiel, die zum Verständnis des Restes wichtig ist. In den Handreichungen für die Korrektoren häufen sich sachliche Fehler.

So viel zur Frage, was manche Lehrer können. Die minutiöse Einzelanalyse der Abiturklausuren ergab erhebliche Mängel in den historischen Denkleistungen. Der Unterschied zwischen Quelle und Darstellung war zahlreichen Prüflingen selbst nach einem Leistungskurs nicht bewusst. Ein wissenschaftlicher Text wird von vielen als "Sekundärquelle" bezeichnet, was sich die Schüler aber wohl kaum selbst ausgedacht haben und die Korrektoren folgerichtig auch gar nicht beanstanden. Oder die Schüler erklären die Hitler-Rede zur "Primärliteratur", was von den Korrektoren ebenfalls hingenommen wird.

Oft fehlt die Fähigkeit, zu einem Text Distanz zu gewinnen und ihn als Handlung, als Manifestation einer Absicht zu lesen, völlig: "Hitler hat von Beginn an an dem Grundsatz festgehalten, dass der Deutsche entweder der erste Soldat der Welt ist oder überhaupt kein Soldat." Was man mit dem Konjunktiv oder Anführungszeichen alles machen kann, könnte insofern auch ein sinnvolles Unterrichtsziel in Geschichte sein. Viele Abiturienten haben kein Gefühl dafür, dass die Sprache der Quelle nicht einfach als Beschreibungssprache übernommen werden kann, und kommen darum zu Sätzen wie diesem: "Hitler verfolgte jedoch immer das Ziel das Weltjudentum zu beseitigen", so als sei Weltjudentum eine existierende Tatsache. Dass politische Reden, insbesondere solche, die mit "Sieg Heil" unterschrieben sind, nicht der Information dienen, ist zu vielen Schülern nicht durchgedrungen. Der Unterschied von "etwas behaupten", "an etwas festhalten", "etwas erläutern" usw. ist oft nicht bekannt: "Der mir vorliegende Primärtext . . . handelt von den Erfolgen des deutschen Volkes unter der Regierung von Adolf Hitler." Offenbar fehlen im Geschichtsunterricht einige Stunden über Rhetorik und Textgattungen.

Ganz offensichtlich sind auch die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten oft stark begrenzt: "So verdeutlicht Hitler, dass die letzten fünfzehn Jahre in Deutschland verhandelt worden ist ohne Gewinne." Oder: "Da lässt sich auch nichts gegen einwenden." Mitunter sind auch die Schlussfolgerungen haarsträubend: "Desweiteren benutzt er", Hitler, "keine Fremdsprache, damit es auch Leute aus dem Bürgertum verstehen." Beklagt wird von den Münsteraner Didaktikern, dass selbst die besten Abiturarbeiten wenig eigene Reflexion zeigen. Für das Gros der Texte sprechen die Autoren von der "unreflektierten Wiedergabe angelernter und sozial erwünschter Urteilspartikel".

Der Begriff der "Hyperkontextualisierung", den sie für eine weitere Sorte von Fehlern verwenden, bezeichnet, unwissenschaftlich gesagt, die Strategie von Abiturienten, das, was sie gelernt haben, um jeden Preis anzubringen, auch wenn es nichts zur Sache tut. Die Paraphrase, die nirgendwo auch nur einen Schritt über den Text hinausgeht, um seine Elemente zu gewichten, ist eine weitere typische Strategie, um Textmasse zu gewinnen. Aber es gibt auch sehr gelungene, geradezu verblüffende Darstellungen, die sprachlich und in der Sache beeindrucken. Dass die Befreiung von den französischen Besatzern Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland als nationale Befreiung angesehen wurde, obwohl es noch gar keinen Nationalstaat gab - wer dieses "obwohl" hinschreibt, hat es entweder perfekt auswendig gelernt oder einen Sinn für Geschichte.

Was folgt aus diesen Beobachtungen? Vor allem, dass es im Unterricht darum gehen muss, Formen des Denkens und des Ausdrucks zu lernen. Fast erscheint unerheblich, an welchen historischen Stoffen das geschieht. Denn was nützt die Vorstellung, die Abiturienten hätten Kenntnisse über das Kaiserreich, die Industrialisierung oder Hitler, wenn sie nicht wissen, was eine politische Rede ist oder was das Wort "Bürgertum" bedeutet? Zunächst folgt aber noch etwas ganz anderes: Das Reden über Schülerleistungen muss von den Kompetenz-Wunschlisten weg und hin zu empirischen Feststellungen.

JÜRGEN KAUBE

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2010, Nr. 214 / Seite N5

 
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Veröffentlicht: 15.09.2010, 12:00 Uhr