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Vorher das Hirn eikljutschae, dann erst zammeschreiwe

 ·  Kanaksprache auf Russisch: Die russlanddeutschen Dialekte sind ein Musterobjekt für die Linguistik der Sprachanverwandlung

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In Zyklen beschreiben lässt sich nicht nur die Historie im Allgemeinen, sondern auch vieles, was die Geschichte der Sprache betrifft. Auf den Aufstieg folgt eine zuweilen lange Blüte, ehe sich Niedergang und Zerfall einstellen. Wann die Geschichte der russlanddeutschen Dialekte beginnt, lässt sich ebenso klar bestimmen wie der Zeitpunkt ihres folgenreichsten Umbruchs, den man als Beginn des Niedergangs markieren mag: 1763 wanderten die ersten Deutschen nach Russland aus. Stalins Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen, die eine eigene Sowjetrepublik bewohnten, und anderer im europäischen Teil der Sowjetunion lebender Deutschstämmiger nach Sibirien und Kasachstan vor genau siebzig Jahren sorgte dann auch in verbaler Hinsicht für erhebliche Verwerfungen.

Eine blühende Sprachlandschaft, deren Dialekte vielfach auf je eigene Weise von der Landessprache geprägt waren, erhielt ein neues Umfeld und wurde zersplittert in dem Maße, wie auch die Gemeinschaften ihrer Sprecher auf vereinzelte, ferne Gebiete verteilt wurden. Der öffentliche Sprachgebrauch war dort aufs Russische beschränkt, Deutsch zu sprechen fortan eine reine Privatangelegenheit.

Mit der Spätaussiedlung zahlreicher Russlanddeutscher in die Bundesrepublik beginnt die Endphase ihrer Mundarten. Die rund 600 000 Menschen, die in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion blieben, vor allem die jüngeren, beherrschen die angestammten Dialekte immer weniger. Und wer nach Deutschland kam, dessen Sprache veränderte sich rasch durch hochdeutsche und regionalsprachliche Einflüsse. Russlanddeutsche sagen immer seltener "ich wees", wenn sie etwas wissen, und auch hierzulande sprechen und reden sie einfach, statt wie ursprünglich zu "fazeele". Sie benutzen schlicht Fahrräder und keine Reit- oder Tretwagen mehr wie in ihren Mundarten. Und fahren sie mit hoher Geschwindigkeit, dann sind sie eben schnell - nicht scharf, grell oder auch forsch.

Mehr als drei Millionen Russlanddeutsche leben heute in der Bundesrepublik. Obwohl sie stets die größte Deutsch sprechende Minderheit im Ausland waren, ist ihre Sprache noch immer nur unzureichend erforscht und existieren über diese nur wenige einschlägige Publikationen. Jetzt gibt es immerhin eine grundlegende mehr. Die Linguistin Nina Berend, selbst Russlanddeutsche, die in Heidelberg lehrt und am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim das Projekt Migrationslinguistik leitet, war bereits Mitautorin des Standardwerks "Deutsche Mundarten in der Sowjetunion" (1991), einer Forschungsgeschichte mit bibliographischem Anhang, und gab 1996 den "Wolgadeutschen Sprachatlas" neu heraus, der auf Forschungsmaterial aus den zwanziger Jahren gründet.

Berends jüngste Publikation gibt nun den lange entbehrten systematischen Überblick über die diversen Mundarten und dokumentiert sie ansatzweise mit Hilfe einer beigefügten CD (Nina Berend: "Russlanddeutsches Dialektbuch". Die Herkunft, Entstehung und Vielfalt einer ehemals blühenden Sprachlandschaft weit außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebiets. Projekte Verlag, Halle (Saale) 2011. An Linguisten richtet sich die Publikation ebenso wie an Russlanddeutsche, die mehr über ihre sprachliche Herkunft erfahren wollen, oder auch an Lehrer und Pädagogen, die mit Russlanddeutschen umgehen. Klar aufgebaut und verständlich, wie das Werk ist, kann es indessen auch jeder an Sprache Interessierte leicht zur Hand nehmen.

Zunächst kamen vor allem Pfälzer und Hessen nach Russland, wo sie sich eine bessere wirtschaftliche Zukunft erhofften, und siedelten in der Wolgaregion. Allein in der Regierungszeit der Zarin Katharina der Großen, die um sie warb, gründeten sie 104 neue Ortschaften. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts folgten mehrheitlich Badener und Schwaben, die sich in der Ukraine und im Kaukasus niederließen. Die Wolhyniendeutschen, deren Mundart noch die größte Nähe zum Hochdeutschen aufweist, kamen aus ost- und nordostdeutschen Gegenden und besiedelten den nordwestlichen Teil der Ukraine, eben Wolhynien.

Mit den Einwanderern gelangten sowohl niederdeutsche als auch mittel- und oberdeutsche Dialekte nach Russland und entwickelten sich dort als Sprachinseln und sogenannte dachlose Außendialekte weiter. Das Hoch- und Standarddeutsche hatte auf sie keinen Einfluss, weshalb diese Mundarten sich einen alten Wortschatz bewahrten. Stattdessen beeinflussten sie sich untereinander, außerdem wirkten die Landessprachen auf sie ein, zunächst und vor allem das Russische, in geringerem Maße dann auch etwa das Kasachische, Kirgisische oder Usbekische. Das betrifft den Wortschatz wie die Grammatik, aber auch vielfach die handschriftliche Schreibweise der Russlanddeutschen, die sich zuweilen als munteres Gemisch aus kyrillischer und lateinischer Schrift darstellt.

Vom Russischen geprägt ist die Intonation, entlehnt aus ihm hat man zunächst viele Substantive: Der Becher heißt deshalb "Kruschke" (vom russischen "kruschka"), man isst nicht Brei, sondern Kasche (vom russischen "kascha"), und wie die Russen verzehrt man Blini statt Pfannkuchen. Ebenfalls charakteristisch sind zusammengesetzte Wörter mit einem deutschen und einem russischen Teil: Grießmehl heißt dann "Kruptschatkemehl", und Zedern werden "Kedrebeem" genannt. Auch russische Konjunktionen oder Adverbien wurden häufig anverwandelt, aus "also" wurde "wot", aus "so" sodann "tak". Ein Beispiel für ein entlehntes Verb ist das russische Wort "swonitj", was für klingeln, anrufen oder telefonieren steht. Man konjugiert es dann auf deutsche Weise: ich swonij, du swonijscht und so fort. Dasselbe gilt für die Vergangenheitsform: Das Partizip wird mit dem Präfix "ge" gebildet, das dialektal häufig nur als "g" auftritt, und erhält als Suffix ein "t"; "angerufen" heißt mithin "gswonijt".

Häufig finden sich mit deutschen Präfixen gebildete Verben schon im Infinitiv: "einschalten" heißt dann "eikljutschae", ausschalten "auskljutschae". Ans Deutsche angepasst werden russische Wörter auch syntaktisch, und obwohl Substantive im Russischen keine Artikel haben, versehen sie die russlanddeutschen Dialekte mit solchen.

Typisch sind weiterhin auch Wortneubildungen, die sich aus der Lebenspraxis ergaben: So heißt heiraten wegen der zu leistenden Unterschrift bei der Eheschließung zuweilen nur "zammeschreiwe". Weil diese Dialekte viel Ursprüngliches bewahrten, wird in ihnen nicht der Freund, sondern der Verwandte "Freind" genannt. Und "bleed" oder "bläid" meint nicht schlicht und pejorativ "blöd", sondern kennzeichnet jemanden eher neutral als bescheiden, schüchtern und zurückhaltend.

In ihrem Buch gliedert die Linguistin die vielfältige und kleinteilige russlanddeutsche Sprachlandschaft eher idealtypisch in sieben Mundarten: Pfälzisch, Hessisch, Südfränkisch, Schwäbisch, Bairisch, Nieder- und Wolhyniendeutsch. Sie widmet sich der Geschichte der Dialekte und besonders den russischen Einflüssen auf diese.

Ihr neues Buch begreift Nina Berend als eine Einleitung oder Vorstufe für eine wirklich gründliche Aufarbeitung. In zwei Generationen, so vermutet sie, werden die russlanddeutschen Dialekte hierzulande in hiesigen Mundarten und der Standardsprache aufgegangen sein. In den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sieht die Situation nicht rosiger aus. Umso dringender wäre es deshalb, sich um eine Dokumentation zu bemühen. Die von Berend jetzt veröffentlichten Tondokumente nahm sie selbst Ende der achtziger Jahre unter teils abenteuerlichen Umständen auf, weil die kundigen Sprecher so abgelegen wohnten.

THOMAS GROSS

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2011, Nr. 226 / Seite N4
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