06.07.2011 · Eine neue Studie befreit die Familienpolitik vom Verdacht demographischer Wirkungslosigkeit
Ginge es nach dem bloßen Wunsch, verlöre das demographische Problem bald von seiner Schärfe. Waren es nach einer Studie des Allensbacher Instituts im Jahr 2008 dreiundvierzig Prozent der Kinderlosen, die sich Nachwuchs wünschten, so stieg die Zahl im folgenden Jahr auf zweiundfünfzig. Dass der gewachsene Familiensinn bisher ohne Folgen bleibt und die Geburtenrate weiter bei mageren 1,4 stagniert, deutet neben der zeitlichen Verzögerung zwischen Wunsch und Verwirklichung auf ein strukturelles Defizit hin. Bei der Abwägung der Bedingungen rückt der Kinderwunsch wieder in die Ferne.
Der Umstieg zur doppelten Berufstätigkeit ist eine der Hauptursachen für den kontinuierlichen Schwund. Er macht den Kinderwunsch auch zu einer Kostenrechnung, die Verdienstausfall und Karriererückschritt einkalkulieren muss. Mütter bringt das häufig in die Zwangslage, als Berufstätige mit dem bleibend virulenten Stigma der Rabenmutter zu leben oder als Hausfrau den subtilen Druck zu spüren, durch übereifrige Kinderbetreuung die fehlenden beruflichen Leistungsnachweise nachzureichen. Die kurzen Rhythmen der mobilen Arbeitswelt verstärken die Reserve vor langen Festlegungen, wie sie ein Kind bedeutet. So kommt es, dass die fruchtbarste Phase des Lebens zwischen 25 und 35 Jahren oft ausgelassen und der Kinderwunsch bis zur beruflichen Konsolidierung vertagt wird. Dann kann es zu spät sein.
Die Familienpolitik hat in den vergangenen Jahren einige größere Reformen auf den Weg gebracht, die sich aber noch nicht in einem Geburtenanstieg niedergeschlagen haben: vom Ausbau von Kita- und Kindergartenplätzen über das einkommensabhängige Elterngeld bis zur Elternzeit. Es sind Reformen, die Zeit brauchen, ihre Wirkung zu entfalten. Der Zweifel an ihrer Effizienz hat aber auch mit traditionellen Vorbehalten gegenüber der Wirksamkeit von Familienpolitik zu tun, in die in Deutschland das Erbe der nationalsozialistischen Pronatalitätspolitik hineinspielt. Das Kanzlerwort von "Familie und Gedöns" steht in einer langen Tradition. Die Wissenschaft äußerte sich bisher widersprüchlich bis skeptisch über die Wirksamkeit familienpolitischer Anreize.
Umso überraschender, dass der Heidelberger Politikwissenschaftler Martin Bujard jetzt eine Untersuchung vorgelegt hat, die in ungekannter Eindeutigkeit für die Durchschlagskraft familienpolitischer Maßnahmen eintritt ("Geburtenrückgang und Familienpolitik. Ein interdisziplinärer Erklärungsansatz und seine empirische Überprüfung im OECD-Länder-Vergleich 1970-2006". Nomos Verlag 2011). Die gleichzeitig sehr weit und detailliert angelegte Studie untersucht im Vergleich von 28 OECD-Staaten den Einfluss von 51 Faktoren auf die Geburtenrate über vierzig Jahre hinweg bis fast in die Gegenwart. Das weite Objektiv bringt auch die Bedeutungsdrift einzelner Faktoren in den Blick, die sich bisherigen Querschnittsanalysen entzog.
Der üblicherweise als homogen vorausgesetzte Zeitraum des zweiten Geburtenrückgangs zerfällt hier in zwei Phasen, eine erste von 1970 bis 1985, in der Bildungsexpansion, Emanzipation und wirtschaftliche Modernisierung ihre hemmende Wirkung auf die Geburtenrate auszuüben beginnen. Dem folgt eine Wende Mitte der Achtziger, in der manche Faktoren einen Vorzeichenwechsel durchliefen. War etwa die Frauenerwerbsquote in den skandinavischen Staaten zunächst ein starkes Geburtenhindernis, so gehören diese jetzt zu den kinderreichen Ländern. Wirtschaftliche Potenz muss keinen Geburtenschwund bedeuten.
Den Grund für die Trendumkehr sieht Bujard in familienpolitischen Stimuli, denen seine empirischen Befunde überragenden Einfluss auf die Geburtenrate beimessen. Seine Statistiken zeigen, dass Länder, deren Ausgaben für Kinderbetreuung in den Jahren 1986 bis 2006 unter hundert Euro pro Monat lagen, sinkende Geburtenziffern haben, darunter Deutschland mit knapp unter hundert. Staaten, deren Aufwendungen diese Schwelle überschritten, verzeichnen hingegen steigende Raten, an der Spitze Frankreich und die skandinavischen Länder.
Aus der Reihe familienpolitischer Instrumente ragt im empirischen Befund die Ganztagsbetreuung heraus, sie ist der stärkste Garant für die bruchlose Fortsetzung der Berufsbiographie und das zentrale Kriterium bei der Abwägung des Kinderwunsches. Danach rangieren Elternzeit und Elterngeld, gefolgt von der Möglichkeit zur Teilzeitarbeit. Bujards politische Forderungen lauten entsprechend auf ein ganztägiges Betreuungsangebot von der Krippe bis zur Schule, den Ausbau von Teilzeitangeboten und die stärkere Anrechnung von Erziehungsleistungen auf Rente- und Pflegeversicherung.
Seine Studie, aus der auch ein politischer Impuls spricht, steht repräsentativ für einen Forschungstrend, der Familienpolitik von der instrumentalistischen Bindung an demographische Ziele lösen will. Das Wohlbefinden der einzelnen Familienmitglieder soll ihr Zentrum bilden. Sie steht auch für einen von Verlustängsten freien Abschied von einem intimistischen zugunsten eines unternehmerischen Modells, das die Familie in der Isolierung in ihre einzelnen Glieder den Kräften von Markt und Staat stärker aussetzt. Stellenweise dringt ein technokratischer Jargon wenig gefiltert in den familiären Nukleus. Wenn knapper bemessene gemeinsame Stunden durch von Alltagspflichten befreite höherwertige ausgeglichen werden sollen, gerät das in die Nähe einer ökonomischen Qualifizierung von Zeiterfahrung, als ließe sie sich an der Leipziger Strombörse handeln.
Die Fremdheit, die sich mit der Ganztagsbetreuung in das Verhältnis von Eltern und Kind einschleicht, fängt in Bujards Konzept eine Lebenszeitpolitik auf, die bis zum Erwachsenenalter der Kinder immer wieder die Möglichkeit zu beruflichen Auszeiten einräumt. Das ist sehr wünschenswert, wenngleich nicht auf jedes Berufsprofil anwendbar, und wird angesichts des ungebrochenen Trends zur Fragmentierung der Berufsbiographie enormen politischen Druck benötigen.
Sein Modell zieht schlüssige Konsequenzen aus dem emanzipatorischen Fortschritt und schafft einen notwendigen Druckausgleich, auch wenn es eine Versachlichung familiärer Beziehungen nicht vermeiden kann. Es schafft Bedingungen, die eine Entscheidung zum Kind leichter machen im Bewusstsein, dabei einem Wunsch und weniger einer demographische Pflicht zu folgen.
THOMAS THIEL