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Im Süden brummt die Wirtschaft

16.02.2011 ·  Eine Untersuchung über die innerdeutsche Mobilität von Studierenden

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Wie mobil sind die Studierenden an deutschen Hochschulen? Folgt man den Erfolgsmeldungen, die in Bezug auf Wirkungen der Studienreform versendet werden, nimmt die Studentenmobilität - also der Wechsel zwischen Hochschulen - nachgerade dramatisch zu. Der "Bologna-Prozess" hatte das auf europäischer Ebene auch zum Ziel. Genauer: Er wollte die Mobilität für diejenigen, die gerne ein paar Semester im Ausland studieren wollen, erleichtern. Dass er in sechssemestrigen Studienplänen den Wechsel innerhalb der ersten Studienphase erschwert hat, ist auch kein Geheimnis.

Vom Hallenser Institut für Hochschulforschung ist jetzt eine Studie über das tatsächliche Bewegunsgverhalten von Studierenden vorgelegt worden (Irene Lischka, Annika Rathmann, Robert Reisz: "Studierendenmobilität ost- und westdeutscher Bundesländer", HoF-Arbeitsbericht 3/2010). Sie hält fest, dass sowohl in den alten wie in den neuen Bundesländern nach wie vor das Bestreben stark ausgeprägt ist, möglichst heimatnah zu studieren. Gute Studienbedingungen spielten bei der Wahl des Studienortes nur eine geringe Rolle. Viel stärker wirken die vermuteten Arbeitsmarktchancen im regionalen Umfeld. Viele Studierende stellen sich offenbar vor, ihre ersten Karriereschritte in räumlicher Nähe zur Hochschule zu machen. Studierenden aus den alten Bundesländern nehmen zu 96 Prozent auch zunächst ein Studium im Westen des Landes auf. Demgegenüber ergreifen immer mehr Abiturienten aus Ostdeutschland ein Studium im Westen oder in Berlin. Das gilt allerdings nicht in absoluten Zahlen: 2008 wanderten 10 625 Studienanfänger von West nach Ost, knapp 7000 Personen von Ost nach West. Diese Zahlen geben ein deutliches Bild von den Größenordnungen der Mobilität. Sie relativieren entsprechend die relativen Wachstumsraten, bei denen dann gern einmal von Verdoppelung gesprochen wird, auch wenn es sich um eine Verdoppelung verschwindender Größen handelt.

Die Mobilität der Studienanfänger, so die Studie, sei zwischen 2003 und 2008 insgesamt leicht gestiegen. Frauen sind dabei mobiler als Männer. Zugenommen hat auch die Mobilität über Bundesländergrenzen hinweg und die innerhalb der neuen Bundesländer. Ostdeutsche Hochschulen hatten im Jahr 2008 knapp mehr als fünfzig Prozent "sesshafte" Studienanfänger, womit in der Studie solche aus Ostdeutschland gemeint waren. An westdeutschen Hochschulen waren es hingegen 70 Prozent.

Wie relativ Mobilitätseinschätzungen sind, macht die Studie durch Bemerkungen zu Einordnungsfragen deutlich: Ist ein Studienanfänger mobil, wenn er in Bremen Abitur macht, um dann in Oldenburg zu studieren? Oder wenn er von Köln nach Bonn wechselt? Welche äußeren und inneren Distanzen liegen zwischen Großstädten, etwa Hamburg und Berlin, im Vergleich mit einem Wechsel von Vechta nach Hannover? Ländergruppen-Modelle, die in der Studie erstellt wurden, weisen Süddeutschland als Mobilitätsgewinner sowie die Ländergruppe Bremen/Niedersachsen sowie Brandenburg/Berlin als Mobilitätsverlierer aus. Vergleiche man nur die kleinen und mittleren Flächenstaaten, so ähnelten sich diejenigen im Osten und im Westen in ihren Wanderungssalden sehr.

Mit der größeren Genauigkeit solcher Zahlenwerke treten insofern auch die normativen Prämissen einer Hochschulpolitik zutage, die sich mehr Mobilität wünscht und dafür ganze Studienbedingungen geändert - "angeglichen" - hat. Sie richten sich nach wie vor auf eine Minderheit der Studierenden. Die wichtigste Mobilität ist dabei die zwischen Schulort und Studienort, nicht die zwischen Studienorten. Die zentralen Motive für die Studiermobilität haben nur sehr mittelbar etwas mit den Hochschulen selbst zu tun. Man unterschätzt den praktischen Sinn der Studenten, man überschätzt ihre Rationalität. Es würde sich also lohnen, einmal in eine inhaltliche Diskussion darüber einzutreten, welchen Sinn die Mobilitätserwartung der Hochschulpolitik und welche Chancen auf Erfüllung sie eigentlich hat.

kau

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2011, Nr. 39 / Seite N5
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