07.09.2011 · Ein amerikanischer Lehrsklave aus der Collegewelt erzählt
Als er "eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte", habe er sich "in einen Teilzeitdozenten für College-Englisch" verwandelt gefunden, kalauert ein amerikanischer Akademiker, der sich hinter dem Pseudonym Professor X verbirgt. Seinen Kafka kennt er also, wie es sich für einen Schreib- und Literaturlehrer ja auch gehört; doch selbst damit war er nicht gewappnet für die Erfahrung, im "Keller des Elfenbeinturms" zu unterrichten, aus dem er nun einen aufschlussreichen Bericht gibt über Bildungswelten jenseits von Harvard und Yale ("In the Basement of the Ivory Tower: Confessions of an Accidental Academic", Viking, New York 2011).
Zwischen Humor und Verzweiflung schildert X die Folgen eines grenzenlosen Bildungsoptimismus der Vereinigten Staaten, der den Collegebesuch als Einstieg in eine ewige Aufwärtsspirale sieht. Mehr Studenten mit besserer Bildung, so geht die Rechnung, haben größere Chancen auf steigende Löhne und sicherere Stellen in einer Wirtschaft mit wachsendem Bedarf an höher qualifizierten Arbeitskräften. Mehr, besser, größer, höher - wer wollte dagegen sein im Land des staatsbegründenden Strebens nach Glück? Der namenlose Streiter wider die Windmühlen des Studierwahns versteht das Werk darum auch als Sucherzählung im Geist der Queste. Sein eigenes Schicksal knüpft er ans Heil der Heimat.
Mit einem Master in Kreativem Schreiben und einem unveröffentlichten Roman in der Schublade wurde aus einem scheiternden Autor ein unscheinbarer Regierungsangestellter, der spät zurück zum Campus fand. Damals, als alle sich neue Häuser kauften - bessere Häuser, größere Häuser -, zogen auch er und seine Frau um. Bald war klar, dass sie sich übernommen hatten und einer von ihnen eine zweite Stelle brauchte. Nach ersten Lehraufträgen an einem kleinen privaten College folgen zusätzliche am staatlichen Community College. Während sich aber das professorale Pseudonym auf dem Buchtitel gut macht, bleibt X für beide Hochschulen bloß ein Adjunct Instructor, von Kurs zu Kurs verpflichtet, pauschal und nicht gerade üppig bezahlt, ohne Aussicht auf einen festen Vertrag. Das ist eine erste, persönliche Erkenntnis über das Bildungswesen im Zeitalter seiner wunderbaren Ausbaubarkeit: dass niemand meint, mehr Studenten müssten vielleicht von mehr Professoren unterrichtet werden.
Die zweite, weitergehende Erkenntnis zielt aufs Mark des amerikanischen Gleichheitsglaubens. Die Abendkurse, die X lehrt, sind obligatorische Einführungen ins Schreiben und in die Literatur. Manche Studenten arbeiten tagsüber, wie er; manche stehen mitten im Familienleben, wie er; manche haben erst nach der Kindererziehung mit dem College begonnen. Sie belegen seine Kurse nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen, um etwa als Krankenschwester beruflich voranzukommen oder sich für die Staatspolizei bewerben zu können. Der Verfasser hadert zum einen mit der schwindenden Aussagekraft von Abschlüssen, wenn immer mehr Arbeitgeber ein Studium erwarten. Zum anderen stellt er schlicht und ohne jede Herablassung fest, dass viele Studenten den Anforderungen kaum noch genügen. Allerdings gelte es im idealistischen Amerika als grob und klassendenkerisch, jemanden für nicht studierfähig zu halten.
Die Hinweise auf Bildungsdefizite könnte man damit abtun, dass Professor X dem English Department angehört und eben keins der Fächer aus dem angesagten MINT-Bereich - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - vertritt. Schönschreiberei ist halt nicht jedermanns Sache. Es geht aber um etwas anderes. Die Schreib-Einführung ist ein Grundlagenkurs zu argumentativen und berichtenden Textsorten, die im Büroalltag genauso gebräuchlich sind wie im Versuchslabor, am Ende steht eine Hausarbeit, um die Studenten mit den Konventionen wissenschaftlichen Schreibens vertraut zu machen. Wenn es schon daran hapert, wird sich das weitere Studium nur schwer bewältigen lassen, egal in welchem Fach.
Das Buch fußt auf einem Essay, der empörte Reaktionen und gut gemeinten Rat erntete, als er vor drei Jahren im "Atlantic Monthly" erschien. Beispiele führt Professor X an: Seine Studenten, heißt es mehrfach, wären nicht so schlecht, wenn sie bessere Lehrer hätten als ihn.
Die Buchfassung mag deshalb auch eine Verteidigung seiner Leidenschaft für die Lehre sein, die er mit viel Detail darlegt. Mitunter entstehen Längen, oder die Beweisführung gerät auf Abwege, wenn die böse, wertfreie Postmoderne die Notenvergabe erschwert oder die zunehmende Zahl an Dozentinnen zu viel feminines Mitgefühl auf den Campus bringt. Dabei sorgt sich der von der Politik - Wohneigentum für alle! - enttäuschte Hauskäufer doch selbst sehr väterlich um seine Studenten und warnt davor, ihnen mit bekannt klingenden Versprechen - Studium für alle! - ähnliche finanzielle und mentale Lasten aufzubürden.
Das angestrebte Wachstum der Studentenzahlen wird natürlich nicht so sehr an den Eliteuniversitäten stattfinden, sondern an den günstigeren und weniger rigide auswählenden Colleges, die Professor X seit zehn Jahren beschäftigen. Dass seine Krisendiagnose einen Nerv getroffen hat, lässt sich an anderen Veröffentlichungen der letzten Zeit ablesen, die Titel und Untertitel tragen wie "Limited Learning on College Campuses", "How Colleges Are Wasting Our Money and Failing Our Kids" oder "Crisis on Campus". Ernüchternde Lektüre für die amerikanischen Hochschulen, die in diesen Tagen ihre Erstsemester begrüßen. Und ernüchternde Lektüre für alle, die ihre Studentenzahlensteigerungsziele am amerikanischen Vorbild festmachen wollen.
THORSTEN GRÄBE