11.11.2009 · Professor" definiert Goethes Schwager Christian August Vulpius in seinem spöttischen "Glossarium für das Achtzehnte Jahrhundert" als einen talentierten Wiederkäuer, der "immer auf den Beifall seiner Zuhörer Anspruch machen kann". Über den Stand der Universitätslehrer ist historisch weit mehr bekannt als über ihre zahlenden Zuhörer, die Studenten.
Professor" definiert Goethes Schwager Christian August Vulpius in seinem spöttischen "Glossarium für das Achtzehnte Jahrhundert" als einen talentierten Wiederkäuer, der "immer auf den Beifall seiner Zuhörer Anspruch machen kann". Über den Stand der Universitätslehrer ist historisch weit mehr bekannt als über ihre zahlenden Zuhörer, die Studenten. Wie es sich "Als Studiosus in Pleiß-Athen" leben ließ, zeigt jetzt die Sammlung "Erinnerungen von Leipziger Studenten des 18. Jahrhunderts" (hrsg. von Katrin Löffler, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2009). Diese Auszüge aus Autobiographien eröffnen, pünktlich zum 600-jährigen Jubiläum der Universität, Perspektiven auf das Katheder aus dem Parterre.
Dort findet man zwischen 1765 und 1768 etwa den Jurastudenten Goethe, dem der Staatsrechtler Johann Gottlob Böhme eine Strafpredigt hält, weil er sich gegen den väterlichen Willen mehr für die Humaniora interessiert. Aber nicht nur die rechtswissenschaftlichen Vorlesungen kommen ihm "höchst langweilig" vor, auch in der selbstgewählten Philosophie und Logik scheint es ihm ziemlich abwegig, ganz selbstverständliche "Geistesoperationen" umständlich "aus einander zerren, vereinzeln und gleichsam zerstören" zu sollen. Solche Fremdheitserfahrungen mit dem wissenschaftlichen Denken sind Studienanfängern bis heute geläufig.
Nicht jeder konnte sich davon aber so leicht wie Goethe durch Studentenspäße und Galanterie ablenken, denn kaum jemand verfügte über vergleichbare finanzielle Mittel. An der Leipziger "Universitas pauperum", einer Bildungsanstalt mit vielen armen Studenten, konnte Goethe mit jährlich bis zu eintausend Reichstalern von zu Hause fürstlich leben. Das war mehr, als die meisten bürgerlichen Familien damals insgesamt zur Verfügung hatten.
Aus den Erinnerungen von Adam Bernd oder Johann Gottfried Seume, die beide aus bäuerlichen Verhältnissen stammen, wird der Unterschied zu Goethes artigen Vergnügungen besonders deutlich. Bei ihnen ist wie bei den Handwerkersöhnen Johann Jakob Reiske und Christian Ernst Wünsch immer wieder von finanzieller Bedrängnis und dem Broterwerb durch Nachhilfe, Sprachunterricht oder Übersetzungen die Rede. So lebt Seume von trocken Brot und monatlich fünf Talern, von denen er vier zur Schaubühne trägt, wegen der "verdammten Theaterepidemie". Und Wünsch, der spätere Lehrer Kleists in Frankfurt an der Oder, verdient sich als gelernter Weber etwas hinzu oder erhält einen "gerändelten Dukaten" von einem reichen Handelsmann, dem er gelegentlich eine salbungsvolle Predigt zur Messe schreibt. Kostspielige Ausschweifungen fanden für viele Studenten also eher in der Phantasie als der Realität statt.
Davon erzählen farbige Bildgeschichten in Stammbüchern, die dem Buch reichlich beigefügt sind. Eine Szene zeigt ein paar junge Männer, die besinnungslos saufen und huren, dabei aber von gewitzten Damen ausgeraubt werden. Auf einer anderen Zeichnung sieht man einen Boten, der einem Studiosus gerade den sehnlich erwarteten väterlichen Geldbrief überbringt. Und in einer hübsch eingerichteten Stube befiehlt ein elegant gestiefelter Herr mit Pfeife und Degen seiner Magd im Spruchband: "Christelgen, verschaffe Sie mir bey Zeiten auf meine Uhr etl. Thaler Geld, es ist ein frisch Mädgen aufgethan, heute passiert ein doppelter Ritt, da muß man aufwichsen, denn will der Bursch zum Mädgen gehen, muß der Beutel offen stehn."
ALEXANDER KOSENINA