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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Grausamkeit, Geldgier und Verlogenheit des Eroberers

 ·  Ein verloren geglaubtes Dokument ist wiederaufgetaucht: Die Ergebnisse der historischen Untersuchung der Taten von Kolumbus auf Santo Domingo

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Christoph Kolumbus starb am 20. Mai 1506, sein Todestag jährte sich dieses Jahr zum fünfhundertsten Mal. Das Jubeljahr schien ruhig seinen Verlauf zu nehmen, als ein unerwarteter Archivfund das traditionelle historische Bild seiner Persönlichkeit grundlegend veränderte. Im Archiv von Simancas stieß die Archivarin Isabel Aguirre zufällig auf ein Aktenbündel, das zeitlich gar nicht in das geöffnete Faszikel gehörte. Es wurde ihr schnell klar, daß es sich dabei um eine zeitgenössische Abschrift des Protokolls jener Untersuchung handelte, die Francisco Bobadilla 1500 im Auftrag der Katholischen Könige Isabella und Ferdinand über das Wirken von Kolumbus auf der Insel Hispaniola durchgeführt hatte. Isabel Aguirre transkribierte das Dokument und legte es Consuelo Varela vor, einer der bedeutendsten Spezialistinnen der Kolumbus-Forschung, die die Bedeutung dieses Fundes sofort erkannte.

Man wußte zwar, daß Bobadilla eine solche Untersuchung durchgeführt hatte, denn verschiedene Quellen erzählen davon. Diese Quellen sind aber alle von Kolumbus beeinflußt und bestreiten die Ergebnisse von Bobadillas Untersuchung. Das sofort an den spanischen Hof gesandte Original blieb verschollen, und Bobadilla ertrank beim Untergang der Flotte, die ihn nach Spanien zurückbringen sollte, so daß er seine Ergebnisse nicht persönlich bestätigen konnte. Das erbauliche Bild des großen Entdeckers, das man sich im Lauf der Jahrhunderte gemacht hatte, blieb deshalb im wesentlichen gewahrt - bis Consuelo Varela das neuentdeckte Dokument im vergangenen Mai auf dem internationalen Kongreß in Kolumbus' Heimatstadt Genua zur Fünfhundertjahrfeier seines Todes bekanntmachte. Sie referierte zusammenfassend über den Inhalt und kündigte die baldige Publikation in einer umfassenden Studie an. Diese ist nun erschienen (Consuelo Varela, La caida de Cristóbal Colón. El juicio de Bobadilla. Edición y transcripción de Isabel Aguirre, Marcial Pons Historia, Madrid 2006).

Bobadilla wurde nach Amerika gesandt, weil den Königen viele Klagen zu Ohren gekommen waren, die Kolumbus schwere Mißbräuche vorwarfen. Der Emissär erreichte Santo Domingo am 23. August 1500. Kolumbus befand sich zu dieser Zeit in einem anderen Teil der Insel. Als er von der Ankunft des Inquisitors erfuhr, versuchte er, Widerstand zu organisieren, sah jedoch schnell ein, daß er weder bei den spanischen Siedlern noch bei den Indios Unterstützung finden würde. Deshalb kehrte er nach Santo Domingo zurück und stellte sich Bobadilla, der ihm das königliche Dekret über seine Absetzung als Vizekönig übergab und sofort mit der Untersuchung begann. Dazu berief er zweiundzwanzig Spanier, darunter auch treue Diener des Vizekönigs, die über das Wirken von Kolumbus Zeugnis ablegen sollten.

Das Verhör brachte Vorgänge von unerhörter Schwere ans Licht. Der gravierendste und von allen Geistlichen einstimmig gegen Kolumbus erhobene Vorwurf lautete, er habe systematisch die Taufe der Eingeborenen durch die Missionare verhindert, indem er seine Zustimmung dazu mit verschiedenen Ausreden verweigerte. Dahinter stand die Absicht, die Eingeborenen als Sklaven in Spanien zu verkaufen, was nicht möglich gewesen wäre, wenn sie getauft gewesen wären. Das Verhalten von Kolumbus muß als besonders skandalös angesehen werden, wenn man bedenkt, daß er sich sein Leben lang als Vorkämpfer des Glaubens ausgab und das Verdienst für sich in Anspruch nahm, die Neue Welt entdeckt zu haben, um deren Ureinwohner zum Christentum zu bekehren. An der tiefen Religiosität des Entdeckers ist in der Tat nie gezweifelt worden.

Die vielen Sklaven, die auf den spanischen Märkten feilgeboten wurden, beunruhigten die Königin Isabella, doch der Vizekönig erklärte, daß es sich um ungetaufte Eingeborene handele, die als Rebellen im Kampf gefangengenommen worden waren. Die Wirklichkeit sah anders aus: Kolumbus organisierte Razzien in den Dörfern der Insel, wobei auch aus Spanien mitgebrachte Hunde, die zur Jagd auf Indios abgerichtet waren, eingesetzt wurden. Grausam regierte Kolumbus auch in der Kolonie, wo er mit Hilfe seiner Brüder Diego und Bartolomeo ein wahres Schreckensregiment führte. Er mißbrauchte ständig seine Vollmachten, knauserte mit den Lebensmitteln und den Zahlungen für seine Untergebenen und ließ die Siedler buchstäblich verhungern. Denn Lebensmittel waren auf der Insel knapp, und die aus Spanien mitgebrachten wurden eifersüchtig von ihm unter Verschluß gehalten. Außerdem beraubte er die Siedler regelmäßig ihrer Habe und bestrafte jeden Widerstand mit größter Härte, indem er die Aufsässigen manchmal sogar ohne Prozeß hängen ließ. Oft wandte er dabei die Folter an und verhängte grausame Körperstrafen wie das Abhacken von Hand, Nase und Ohren. Sogar einen Schwager ließ er so lange foltern, bis er starb. Er hatte einem französischen Missionar geholfen, dem Hof eine Anklage wegen seiner Untaten zu übermitteln.

Bobadillas Bericht zeichnet ein Bild des Entdeckers, das von dem traditionellen, wie es die anderen Quellen und die auf ihnen fußende Geschichtsschreibung überliefern, erheblich abweicht. Verlogen, korrupt und grausam, verhängte Kolumbus schwere Strafen auch für die kleinsten Vergehen, während Geiz, Habsucht und ein zügelloses Bereicherungsstreben als Hauptzüge seines Charakters hervortreten. In seinen vielen erhaltenen Schriften ist oft von der Suche nach Gold die Rede, stets aber mit der Erklärung, daß er bei Mißerfolg die Gunst des Hofs und die Gelder für seine kostspieligen Entdeckungsreisen, die letztlich höheren religiösen Zielen dienten, verloren hätte.

Nach Abschluß der Ermittlung ließ Bobadilla Kolumbus und seine beiden Brüder verhaften und schickte sie nach Spanien, wo sie vor Gericht gestellt werden sollten. Am 20. November 1500 landete Kolumbus in Cádiz, aber sein großes Prestige als Entdecker der Neuen Welt veranlaßte die örtlichen Behörden, ihn freizulassen, damit er sich persönlich am Hof rechtfertigen konnte. Am 17. Dezember wurde er in Granada vom Königspaar empfangen, wo er die Anklagen wenigstens teilweise widerlegen konnte. Aufgrund seiner unleugbaren Verdienste als Entdecker und Seefahrer wurden ihm die von Bobadilla konfiszierten Güter zurückgegeben. Aber sein Amt als Vizekönig erhielt er nicht zurück, ein deutliches Zeichen dafür, daß die Vorwürfe wegen der Mißregierung in der Kolonie im wesentlichen Glauben gefunden hatten. Auch das Monopol für die Entdeckungsreisen, das er aufgrund der mit den Königen getroffenen Vereinbarungen seit der ersten Amerika-Fahrt besaß, wurde ihm entzogen. Auch anderen Seefahrern wurde erlaubt, Entdeckungsreisen in der Neuen Welt zu unternehmen.

Kolumbus segelte noch einmal nach Amerika, geschmückt mit dem Titel "Admiral des Ozeanmeeres". Diese letzte Fahrt endete mit einem Mißerfolg. Im September 1504 kehrte er krank und verschuldet nach Spanien zurück, wo er zwei Jahre später starb. Trotz aller Schatten bleiben vom traditionellen Bild die Kühnheit seines Unternehmens und die außerordentliche Bravour des großen Seefahrers, der aus einer einzigen kleinen Wolke am Horizont den nahenden Orkan vorhersah.

ROBERTO ZAPPERI

Aus dem Italienischen von Ingeborg Walter.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2006, Nr. 284 / Seite N3
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