15.01.2009 · Wie kam der Mensch zur Sprache? Michael Tomasello breitet seine reichhaltigen Belege dafür aus, dass menschliche Kommunikation mit Gesten begonnen hat.
Von Helmut MayerTiere sprechen nicht. Menschen hingegen verfügen über Sprache. Irgendwie müssen wir zu ihr gekommen sein. Im Unterschied zu unseren nächsten Verwandten auf der Entwicklungslinie der Primaten. Aber wie soll man sich die Schritte vorstellen, mit denen wir zu Sprechern wurden? Oder ein wenig empathischer, im Sinn einer langen Tradition des Nachdenkens über Sprache formuliert: Worin hat sie ihren Ursprung, und wie sahen ihre ersten Formen aus?
Spekulative Antworten auf diese große Frage sind viele zusammengekommen. Doch es hat sich auch ein Untersuchungsterrain etabliert, auf dem es um empirisch möglichst kontrollierbare Einsichten in diese Ursprungsfrage geht. Im Zentrum steht die genaue Beobachtung, wie Menschenkinder Sprache erlernen und was sie beim Erwerb dieser Fähigkeit von anderen Primaten, insbesondere von heranwachsenden Schimpansen als unseren nächsten Verwandten, unterscheidet.
Vehikel der kulturellen Evolution
Die vergleichenden Experimente mit den Menschenaffen lassen erschließen, welche Weichen phylogenetisch für die Herausbildung spezifisch menschlicher Kommunikation gestellt werden mussten. Die Experimente mit menschlichen Säuglingen zeigen, wie sich die in diesem Differenzverfahren diagnostizierten Fähigkeiten bei Kleinkindern herausbilden.
Dabei geht es darum zu verstehen, was den Menschen auf die Bahn der kulturellen Evolution brachte, in der Formen der Unterweisung und Nachahmung zu einer ungeheuren Beschleunigung von Lernprozessen führten. Denn Sprache ist eine wesentliche Agentur dieses akkumulierenden kulturellen Lernens. Was war also nötig, um diese rasante kulturelle Evolution und damit auch Sprechen in Gang zu bringen?
Vor ein paar Jahren glaubten Michael Tomasello und seine Mitarbeiter am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie bereits den springenden Punkt ausgemacht zu haben: Was Menschen im Unterschied zu ihren nächsten Verwandten im Tierreich auszeichne, das sei die Fähigkeit, ihre Artgenossen als intentionale und mit geistigen Zuständen ausgestattete Lebewesen aufzufassen. Dieses von uns geübte "Mindreading" sei den Menschenaffen verschlossen und damit auch unsere Praxis, sich in die Wahrnehmungs- und Handlungsperspektive der Artgenossen hineinzuversetzen.Genau diese Orientierung an Intentionen und geistigen Zuständen als den "verborgenen" Ursachen von Körperbewegungen sei aber nötig, um Techniken auszubilden, mit denen sich die Aufmerksamkeit anderer lenken lässt - und diese Techniken wiederum liegen offensichtlich, wie die Beobachtung von Säuglingen im Austausch mit Erwachsenen zeigt, an der Basis des Spracherwerbs.
Tiere, die einander die Welt zeigen
Diese Auffassung vom Alleinstellungsmerkmal des Menschen ließ sich allerdings nicht halten. Wie gewitzte Experimente zeigten, können Menschenaffen durchaus Absichten und Wahrnehmungssituationen ihrer Artgenossen erfassen. Vor allem, wenn es um Nahrung und Hierarchieverhältnisse geht, werden Absichten, Perspektiven und Wissensstand der anderen Gruppenmitglieder für die Handlungssteuerung berücksichtigt.
Beim Menschen muss aber eine soziale Dimension hinzukommen. Diese Einsicht hat Tomasello in einem neuen Buch zum Ausgangspunkt einer Theorie über die "Ursprünge menschlicher Kommunikation" gemacht: Nicht die schlichte Orientierung an Intentionen und Wahrnehmungsausrichtungen unserer Artgenossen unterscheidet uns demnach von allen Tieren, sondern die Fähigkeit, solche Orientierungen untereinander abstimmen und zu gemeinsamen Bezugnahmen auf miteinander geteilte Wahrnehmungen und Absichten machen zu können.
Es ist eine Fülle von Belegen, die dafür sprechen, dass Menschenaffen keine solchen Abstimmungen herstellen, während menschliche Säuglinge damit schon vor ihrem ersten Geburtstag beginnen. Damit ist auch schon die Spur gelegt, die zu den Ursprüngen der spezifisch menschlichen Kommunikation und damit auch zu Sprache führt. Denn als das unumgängliche Instrument solcher Abstimmungen stellen sich nicht etwa Lautgebungen heraus, sondern Gesten - und insbesondere die Zeigegeste. Der Mensch ist demnach das Tier, das durch Zeigen gemeinsame Bezugnahmen fixieren kann.
Gesten und Laute
Den Gesten muss also in phylogenetischer Perspektive das Hauptaugenmerk gelten. Tatsächlich sind die Lautgebungen im Tierreich und noch bei unseren nächsten Verwandten nach Tomasello weitgehend genetisch festgelegt, unflexibel und nicht intentional an spezifische Adressaten gerichtet. Sie können Signalfunktion für andere Tiere haben, doch offenbar als Nebeneffekt einer bloßen Ausdrucksfunktion: Der Schrei bei Annäherung eines Feindes ist kein an die Gruppenmitglieder gerichtetes Signal, selbst wenn er die Warnfunktion erfüllt.Gesten hingegen sind bereits bei den Menschenaffen flexibel und können gelernt werden.
Als erster Schritt auf dem Weg, der letztlich zur Sprache führt, entpuppen sich deshalb Körpergesten, die Kürzel einer intendierten Bewegung sind oder die Funktion haben, die Aufmerksamkeit anderer Tiere in der Gruppe auf sich zu lenken. Verkettet werden beide Zeichentypen aber von Affen nicht. Und noch wesentlicher ist eine andere Beschränkung: Unsere tierischen Verwandten verwenden diese Gesten - auch Zeigegesten, die sie im Umgang mit Menschen lernen können - lediglich zu dem Zweck, Handlungen oder Dinge vom Adressaten, ob Tier oder Mensch, einzufordern. Kommunikation heißt hier, die eigenen Absichten unter Rückgriff auf das mögliche Verstehen der individuellen Intentionen und Wahrnehmungspositionen des Gegenübers zu verfolgen.
Von natürlichen Gesten zu konventionellen Zeichen
Menschliche Kommunikation, die auf der erweiterten kognitiven Möglichkeit basiert, Intentionen aufeinander abzustimmen - in einer Art von sich gegenseitig triggerndem "Mindreading" -, greift über das bloße Einfordern hinaus: Hier geht es von Anfang an auch darum, das Gegenüber auf möglicherweise für dessen Absichten hilfreiche Gegebenheiten hinzuweisen sowie Gefühle und Einstellungen mit ihm zu teilen. Die Zeigegeste und die pantomimischen Gesten, die Kleinkinder dafür verwenden, bauen auf die Tendenz zur Blickverfolgung und zum Verständnis von Intentionen. Denkbar einfache Gesten können dabei in einem kooperativ hergestellten gemeinsamen Bezugssystem durchaus komplexe kommunikative Aufgaben übernehmen.
Aber interessanter noch ist, wie der Weg von diesen "natürlichen" Bedeutungen von Gesten zu den "künstlichen" kommunikativen und - beim Übergang zur Sprache - linguistischen Konventionen verlaufen sein mag. Tomasello erklärt sich diese Tendenz zur konventionellen Bedeutungsstiftung dadurch, dass neu hinzukommenden sozialen Mitspielern schrittweise der ursprünglich evidente ikonische Sinn der pantomimischen Gesten verblasst - etwa so, wie Metaphern ihren wörtlichen Sinn einbüßen.
Grammatische Erweiterungen
Bleibt aber noch der Übergang zur Sprache und die evolutionäre Plausibilisierung dieser Entwicklung unserer Form kooperativer Kommunikation. Durch Sprache ersetzt werden die pantomimischen Zeichen, und dieser Prozess zeigt bei Kleinkindern noch einmal, dass es dabei auf tief verankerte Techniken zur Abstimmung von Intentionen und Aufmerksamkeiten ankommt: Sie nämlich sorgen dafür, dass konventionelle Bedeutungen überhaupt erfolgreich gelernt werden können, die sonst zwangsläufig in der Luft hängen würden.
Phylogenetisch wird dieser Übergang verständlich, wenn man als Ausgangskontext für die Herstellung gemeinsamer Intentionen kooperative Aufgabenbewältigungen annimmt. Für die Funktion des Einforderns ist ein evolutionärer Vorteil dann gut zu verstehen; für die hilfreichen Winke ans Gegenüber kann man auf den indirekten Nutzen setzen, sich als guter Kooperationspartner zu profilieren, und die Funktion des Einstimmens von Gefühlen und Dispositionen könnte sich über den Umweg von Gruppeneffekten bezahlt gemacht haben. Mit der Ablösung von der engen Anbindung an gemeinsam angegangene konkrete Aufgaben und der schrittweisen Überlagerung der natürlichen Gestenbedeutung durch sprachliche Konventionen kamen schließlich immer elaboriertere Grammatiken des Forderns, des Informierens und des Einstimmens beziehungsweise der Erzählung ins Spiel.
Auf manche Details und Wechselwirkungen kommt es in dieser Entwicklungsgeschichte an. Und es werden vielleicht mehr als nur einzelne Facetten sein, die im Lichte neuer Untersuchungen zu modifizieren sein werden. Ein großer Wurf ist Michael Tomasello aber mit ihr auf jeden Fall gelungen.