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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Einer christlichen Frau steht Wissenschaft zu

28.10.2009 ·  Die Göttinger "Universitätsmamsellen" gehörten im Zeitalter der Aufklärung zu einer noch recht kleinen Gruppe gelehrter Frauen (F.A.Z. vom 18. Juli 2008). Dorothea Schlözer gelingt 1787 erstmals eine philosophische Promotion in Deutschland, doch nicht vor Ende des neunzehnten Jahrhunderts werden ...

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Die Göttinger "Universitätsmamsellen" gehörten im Zeitalter der Aufklärung zu einer noch recht kleinen Gruppe gelehrter Frauen (F.A.Z. vom 18. Juli 2008). Dorothea Schlözer gelingt 1787 erstmals eine philosophische Promotion in Deutschland, doch nicht vor Ende des neunzehnten Jahrhunderts werden Frauen überhaupt an noch wenigen Orten zum regulären Universitätsstudium zugelassen.

Die Diskussion um das weibliche Recht auf Bildung beginnt tatsächlich aber schon zweihundertfünfzig Jahre früher. Die Niederländerin Anna Maria van Schurman führt sie mit ihrer lateinischen "Dissertatio de ingenii muliebris ad doctrinam et meliores litteras aptitudine" aus dem Jahre 1641 maßgeblich an. Dieses bildungsgeschichtlich wichtige Dokument lag bis vor kurzem lediglich in einer englischen Übersetzung von 1659 vor. Michael Spang präsentiert die "Abhandlung über die Befähigung des Geistes von Frauen für die Gelehrsamkeit und die höheren Wissenschaften" jetzt in einer deutsch-lateinischen Ausgabe, die den Text mit großer Sorgfalt überträgt, annotiert und in den Kontext ihrer Epoche rückt (Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2009).

Die Abhandlung wirkt wie ein Grundkurs im syllogistischen Schließen. Nach allen Regeln scholastischer Logik, in der Ordnung von Ober- und Untersätzen, beweist Schurman die These: "Einer christlichen Frau steht das Studium der Wissenschaften zu." Allerdings geht sie dabei von Vertreterinnen ihres eigenen gesellschaftlichen Standes aus. Als vermögende Aristokratin verfügt sie über genügend Freiräume neben ihren Haushaltspflichten und kann sich teure Bücher und Privatlehrer leisten. Ein Zugang zu den Universitäten wird nirgends gefordert. In der Argumentation verteidigt Schurman - bis dahin erstmalig - das Studium aller Wissenschaften, ohne Ausschluss einzelner Fächer.

Dazu gehören vor allem Sprachen - sie selbst beherrschte rund ein Dutzend -, Mathematik, Physik, Metaphysik und die "überaus edle Disziplin der Politik". Die praktische Anwendbarkeit von Wissen, etwa für höhere, dem weiblichen Geschlecht unzugängliche Ämter, soll dabei nicht im Vordergrund stehen. Wohl aber der Ertrag für christliche Frauen zur Vervollkommnung ihres Glaubens sowie zum Nutzen im Haushalt.

Schurman beschränkt sich auf den nüchternen Gang logischer Ableitungen, da dieses Verfahren ihre These selbst unterstützt. Beliebte Vorurteile, wie Molière sie wenig später in "Les Femmes savantes" (1672) komisch in Szene setzt, würdigt sie erst gar keiner Widerlegung. Fern liegt ihr auch selbstironischer Esprit, wie ihn später Lessings Orsina so glänzend beweist: "Ein Frauenzimmer, das denkt, ist eben so ekel als ein Mann, der sich schminkt."

Nicht nur auf dem Theater und in Romanen findet solch ein mehrdeutiges Spiel mit weiblichen Bildungsansprüchen statt, bei dem das Lachen des belustigten Publikums leicht in unerwartete Selbstentlarvung umschlagen kann. Auch spöttische Bilder zeigen emsig studierende Frauen hinter dicken Folianten oder mit dem Auge am Fernrohr, während in ihrem Umfeld vernachlässigte Kinder Unfug treiben oder auf dem Herd das Essen überkocht. Blätter wie das hier gezeigte erregten beim Publikum Befremden oder Bewunderung, je nach eigener Sichtweise.

ALEXANDER KOSENINA

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2009, Nr. 250 / Seite N5
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