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Ein Ketzer in bischöflichen Diensten

20.01.2010 ·  Zum Ende des Calvin-Jahres: Eine Erinnerung an seinen bedeutendsten Rivalen Michel Servet

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Unauffällig endet in Deutschland das "Calvinjahr"; wirkungslos blieben die rituellen Gedenkveranstaltungen in Berlin. Allgemein sortierte Buchhandlungen boten auch in der Adventszeit selten mehr als ein, zwei Biographien des 1509 geborenen Reformators, die neben dem Helden auch dessen Rivalen erwähnen. An der Kathedrale Saint-Pierre aber, wo der Genfer Rat 1536 beschloss, reformatorisch nur den Evangelien zu folgen, und von der aus später Calvin der zweiten Reformation Genfs Form und Gestalt gab, arbeitet Pfarrer Vincent Schmid, der zum Calvinjahr das lesenswerte Buch über einen berühmten reformatorischen Rivalen Calvins, Michel Servet, vorlegte, die Leitfigur der in Ostmitteleuropa und in den Vereinigten Staaten verbreiteten unitarischen Kirchen ("Michel Servet. Du bûcher à la liberté de conscience", Les Éditions de Paris, 2009). Schmid arbeitet auch für das Musée international de la Réforme, das in Genf über die Licht- und Schattenseiten Calvins informiert.

"Der Geist des Mittelmeeres" erkläre, so das erste Kapitel, sowohl Servets Zweifel an der christlichen Lehre der Dreieinigkeit Gottes als auch seinen bei allem Anstand fintenreichen Lebensstil, zeitweise als Ketzer in bischöflichen Diensten. Geboren zwischen 1509 und 1511 im aragonesischen Villeneuve, wuchs Servet in der christlich-jüdisch-muslimischen Umwelt inmitten scheinbar oder tatsächlich zum Christentum konvertierter Juden und Muslime und anderer verunsicherter Christen auf, neugierig auf theologische Arbeiten der Religionskulturen. 1530 lernte der Arzt und Theologe Servet als Begleiter des Beichtvaters Kaiser Karls V., Juan de Quintana, auf dem Reichstag in Augsburg lutherische Protestanten kennen, deren Vorbehalte gegen das Papsttum er teilte. Im elsässischen Hagenau erschienen 1531 seine "De Trinitatis Erroribus libri septem". Nachdem er in Basel die Schriften christlicher Theologen aus den Jahren vor dem ersten ökumenischen Konzil in Nicäa studiert hatte, habe er sich auf 140 Seiten auf deren Seite gegen das im Jahr 325 beschlossene Dogma über die Natur Gottes gestellt.

1533 hätten sich im unabgesprochenen reformatorischen Aufbegehren um ein Haar die Wege der Reformatoren Calvin und Servet gekreuzt: Aus unbekanntem Grund sei der Aragonese in Paris nicht am vereinbarten Ort in der Rue Saint-Antoine zu einem Gespräch über die Trinität und die Kindstaufe eingetroffen, wo Calvin auf ihn wartete. Als Arzt des Erzbischofs Paulmier in Vienne sei Servet später der "radikale Theologe, Freidenker und verkannte Prophet" geblieben. Servets "Christianismi Restitutio" (1536) beginnt mit einem langen Gebet des frommen Autors an Christus. Calvins Reformation der kirchlichen Institutionen reiche nicht, um die seit Nicäa verschüttete Basis der Kirche freizulegen. Schmid verweist darauf, dass diese reformatorische Argumentation an die Kritik im Koran erinnert, dass das Christentum die ursprüngliche Botschaft Jesu verstellt habe - Servet ließ den "Geist des Mittelmeeres" auch auf dem Kontinent wehen.

Dreißig Briefe richtete Servet als "Michel de Villeneuve" in missionarischem Eifer an Calvin, inzwischen omnipotenter Prediger der Stadt Genf. Der widersprach brieflich unter dem Pseudonym "Charles d'Esperville". Die von Servet begonnene Korrespondenz war leichtfertig, manche Briefe landeten bei der katholischen Inquisition. Die reformatorischen antikatholischen Briefschreiber verband trotz der Widersprüche auch nach Calvins Meinung einiges, wie die Nutzung des Pseudonyms verrät. Vermutlich erklärt dies auch, warum Servet nach Genf kam.

Dort, im Laboratorium weltweiter Reformation Calvins, erwartete aber der quälende "Stress der Heiligung", so der Doyen der Genfer Reformationsforscher, Olivier Fatio, den Religionsflüchtling aus Vienne, wo eine Puppe an seiner statt verbrannt wurde. Calvin veranlasste seinen Sekretär Nicolas de la Fontaine, Klage gegen Servet einzureichen und deshalb mit diesem inhaftiert zu werden. Nur auf dieser Grundlage konnte im Genfer Gottesstaat das städtische Gericht tätig werden.

Schmid wertet die Protokolle des Verfahrens aus, dessen Argumente er flüssig beschreibt und auswertet. Calvin war als Zeuge und Sachverständiger beteiligt. Er stimmt dem Votum für die Todesstrafe zu, zu dem die Zustimmung der Räte der protestantischen Städte Basel, Bern, Schaffhausen und Zürich eingeholt wird. Calvin war diese Abstimmung wichtig, um jeden Verdacht zu entkräften, dass Protestanten unchristliche Häretiker dulden.

Die Hinrichtung Servets entzweite Calvin und seinen Kampfgefährten Sebastian Castellio (1515 bis 1563) endgültig. Der ehemalige Leiter des Genfer Studienkollegs rechnete als Professor in Basel 1554, ein Jahr nach Servets Hinrichtung, in "De haereticis, an sint persequendi" vor, dass sich der ehemalige Religionsflüchtling Calvin in seinem doktrinären Urteil über Servet unglaubwürdig verhalten habe. Schmid nennt auch die Grenzen dieses "Handbuchs der Inquisitionsgegner", das Toleranz nicht für moralische Häretiker reklamiert. Gemäß dem Untertitel beschreiben die letzten fünfzig Seiten, wie reformierte Schweizer Theologen erst im achtzehnten Jahrhundert vor der Französischen Revolution eine vollständige Gewissensfreiheit aller Menschen forderten. Schmid, der engagierte Theologe der reformierten Kirche in der Schweiz, schließt mit Überlegungen ab: "Ist ein Christentum ohne Anathema möglich?"

ANDREAS MEIER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2010, Nr. 16 / Seite N4
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