27.01.2010 · Auch Unfreundlichkeit ist eine soziale Einstellung, aber zur Bildung von Superorganismen taugt sie nicht: Bert Hölldoblers Forschungen
Die Männchen sind nicht völlig verloren, aber immerhin sterben sie. Bert Hölldobler, der mit diesen Worten gerade am Berliner Wissenschaftskolleg das Schicksal männlicher Ameisen nach dem Hochzeitsflug beschrieb (F.A.Z. vom 26. Januar), hat ein Gespür für allgemeine Formeln, die auf das besondere Problem hinweisen. In der Art und Weise, wie Ameisenköniginnen die Spermien der Männchen in einer Samenbank, Spermathek genannt, so konservieren, dass die Männchen noch zwanzig Jahre nach ihrem Tod Vater werden können, sieht Hölldobler einen der Aspekte, die wir von diesen Tieren lernen könnten. Der Aufwand, den wir betreiben, um menschliche Spermien aufzubewahren und frisch zu halten, müsste sich entscheidend verringern lassen, wenn wir wüssten, wie es die Ameisen schaffen, die ihren über lange Zeit funktionstüchtig zu speichern.
Aber wie gesagt: nur, wenn wir es wüssten. Für Hölldobler hat sich mit der Spermathek aber auch der direkte Lerneffekt der Ameisen für unser Leben schon erledigt. Eigentlich können wir von Ameisen für unser Zusammenleben nichts lernen, meint er, und das würde er Journalisten in Interviews auch immer sagen. Ganz ohne Bezug zum menschlichen Leben kommt aber auch er nicht aus. Es scheine so zu sein, dass der Sozialismus unter ganz bestimmten Umständen doch funktioniere. Karl Marx hätte es nur mit der falschen Art zu tun gehabt, hatten Hölldobler und Edward O. Wilson in ihrem 1995 auf deutsch erschienenen Buch "Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt" geschrieben. Die Entdeckung dieser Welt setzen beide jetzt in ihrem aktuellen Werk "Der Superorganismus. Der Erfolg von Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten" (Springer-Verlag, 2010) fort.
Der Titelbegriff wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von William Morton Wheeler in seinem Aufsatz "Die Ameisenkolonie als ein Organismus" aus dem Reich der Analogie herausgeholt. Für Wheeler verhielten sich die Kolonien der Tiere wie eine Einheit. Die Kolonie besaß für ihn bestimmte Merkmale, die ihre Größe, ihr Verhalten und ihre Organisation betreffen, die von Kolonie zu Kolonie und von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Die Königin ist in diesem Organismus das Fortpflanzungsorgan, die Arbeiterinnen stellen das unterstützende Gehirn, das Herz, den Verdauungstrakt und andere Körpergewebe dar. Der Austausch von flüssigem Futter unter den Koloniemitgliedern entspricht dem Blutkreislauf und Lymphsystem.
Wenn Hölldobler und Wilson jetzt diesen Begriff aufnehmen, lassen sie Wheelers Charakterisierung des Superorganismus stehen, erweitern seinen Anwendungsbereich aber entscheidend. Erkenntnisse aus der Entwicklungsbiologie werden in Verbindung mit Informationen aus der Erforschung der Tiergesellschaften gebracht, um allgemeingültige Prinzipien der biologischen Organisation herauszufinden. Morphogenetische Entwicklungsprozesse und soziogenetische Entwicklungsschritte können auf Ähnlichkeiten hin untersucht werden. Wobei die Morphogenese, die Entwicklungsschritte beschreibt, in deren Verlauf die Zellen ihre Gestalt und Chemie verändern und Massenbewegungen durchführen, um den Organismus aufzubauen. Auf der Ebene der Kolonie entspricht dem die Soziogenese, in deren Verlauf die individuellen Tiere durch Veränderungen ihrer Kastenzugehörigkeit und ihres Verhaltens den Insektenstaat aufbauen.
Als Superorganismus werden nur solche Insektenstaaten bezeichnet, die eusozial, das heißt "wirklich" sozial, sind. Eusozialität wird durch die Kombination dreier biologischer Merkmale erreicht: Die erwachsenen Tiere kümmern sich um die Brut, zwei oder mehrere Generationen leben zusammen in einem Nest, und die Mitglieder einer Kolonie lassen sich in eine fortpflanzungsaktive "Königinnenkaste" und eine sterile Arbeiterinnenkaste unterteilen. Eusoziale Kolonien gibt es bei Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten. Ihre größten und kompliziertesten Gesellschften findet man unter den Blattschneiderameisen.
Eine Königin der Blattschneiderameisen kann während ihrer Lebenszeit von zehn bis fünfzehn Jahren 150 bis 200 Millionen weibliche Nachkommen hervorbringen. Die Grundage dieser Produktion sind die mehr als 200 Millionen Spermien, die sie in ihrer Spermathek speichert. Hölldobler/Wilson schildern die Bildung der Kolonie im Detail, beginnend mit dem Hochzeitsflug der Geschlechtstiere. In dessen Verlauf befruchten die Männchen die Königin und sterben sofort ab. Wichtig für die Soziogenese der Kolonie ist hier, dass sich die Königinnen immer mit mehreren Männchen paaren, die Weibchen also Spermien verschiedener Männchen mit sich tragen.
Die befruchtete Königin gräbt sich dann ins Erdreich und beginnt Eier zu legen, die ihr in den ersten Wochen neben ihren durch den Abbau der Flügel gewonnenen Eiweißvorräten als Nahrung dienen. Die schnell immer zahlreicher werdenden Arbeiterinnen beginnen sofort mit der Anlage eines verzweigten Gang-Systems mit mehreren Kammern. In ihnen züchten sie ihre eigenen speziellen Pilze. Als Grundstoff der Zuchten nutzen sie Baumblätter. Die am Anfang noch relativ homogenen Arbeiterinnen machen sich auf die Suche nach geeigneten Futterquellen, dabei schneiden sie Wege in den Wald, die sie mit beständigen Duftstoffen markieren. Die in transportable Stücke geschnittenen Blätter ordnen sie in den Kammern an.
Mit der Zeit hat sich die Kolonie in ein die unterschiedlichsten Typen beherbergendes arbeitsteiliges Kastensystem verwandelt. Von relativ großen Erntearbeitern, die die Blätter schneiden, Packern, die sie am Eingang entgegennehmen, Reinigungskräften, die den Müll entsorgen und winzigen Pilzpflegerinnen. Sollte durch Ausfall einer ganzen Abteilung der Arbeitsprozess ins Stocken geraten, übernehmen sofort die anderen den Job. So kann ein Transporter wieder zur Bäuerin werden. Die Arbeiterinnen sorgen aber nicht nur für die ständige Nachzucht der schimmeligen Pilze, sie kontrollieren und regulieren auch die Eiablage der Königin. In der Kolonie herrscht ein ständiger Kommunikationsfluss. Haben die Larven Hunger, werden alle Prozesse beschleunigt, sind sie satt, verlangsamt.
Für Hölldobler haben die Blattschneiderameisen mit ihrem chemosensorischen Kommunikationssystem, der Arbeitsteilung und der Pilzzucht alle Merkmale einer Zivilisation hervorgebracht. Im Unterschied zu uns basiert sie aber allein auf Instinkt. Zivilisation durch Instinkt nennt er formelhaft diesen Prozess. Im Buch endet die Entwicklung zum Superorganismus mit den riesigen Kolonien der Blattschneider.
Im Vortrag hatte Hölldobler aber noch zwei entscheidende Anmerkungen zur Geschichte der Ameisenkolonien gemacht. Die hochentwickelte Komplexität der Ameisenkolonie basiere nicht unbedingt auf Verwandtschaft. Die multiplen Vaterschaften bei den Blattschneidern führe zu einer genetischen Heterogenität der Kolonie, die der Eusozialität nicht entgenwirke. Auch wenn die biologische Bedeutung der Vielvaterschaft noch nicht geklärt sei, müsse man festhalten, dass Heterogenität dem System des Superorganismus nicht abträglich sei. Abträglich sei der Entwicklung der Blattschneider allerdings ihre Anpassung an einen bestimmten Lebensraum wie die tropischen Regenwälder. Deren Abholzung mache hochentwickelten Spezialisten mehr zu schaffen als weniger komplexen Ameisengesellschaften mit der Möglichkeit der Besiedlung der verschiedensten Lebensräume. Komplexitätssteigerung kann also auch zur Sackgasse werden.
CORD RIECHELMANN