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Sonntag, 19. Februar 2012
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Die allgemeine Mobilitätsfreude

10.03.2010 ·  Als König Georg I. 1715 die Bibliothek des Bischofs von Ely nach Cambridge und nicht nach Oxford gab, schrieb der Arzt William Browne dieses Epigramm: "The King to Oxford sent a troop of horse, / for Tories know no argument but force; / With equal care to Cambridge books he sent, / for Whigs admit ...

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Als König Georg I. 1715 die Bibliothek des Bischofs von Ely nach Cambridge und nicht nach Oxford gab, schrieb der Arzt William Browne dieses Epigramm: "The King to Oxford sent a troop of horse, / for Tories know no argument but force; / With equal care to Cambridge books he sent, / for Whigs admit no force but argument." Die Exzellenzinitiative für die Forschung an deutschen Universitäten beruht, wie moderne Hochschulpolitik insgesamt, auf der tieferen Einsicht, dass Konservative wie Liberale an Universitäten auf etwas noch viel responsiver reagieren als auf Befehle oder Bücher - auf Geld. Eine bemerkenswerte und nie gekannte "Mobilisierung", lautet das akademische Unisono, habe der staatliche Ausschüttungswettbewerb um 1,9 Milliarden Euro in den Hochschulen ausgelöst. Genauer geht die fast beliebig abrufbare Redensart so: Was immer von der Exzellenzinitiative sonst noch zu halten sei, so könne ihr eine Mobilisierungswirkung doch nicht abgesprochen werden.

Derzeit mobilisieren sich viele Hochschulen erneut, nun für die zweite Phase der Exzellenzinitiative. Das heißt, sie denken sich jetzt Forschungsvorhaben und Strukturänderungsmodelle aus, die in zwei bis sieben Jahren verwirklicht oder jedenfalls finanziert werden sollen. Da mag ein Band informativ sein, der von aktiven und ehemaligen Forschern in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) veröffentlicht wurde, um die erste Phase dieses nationalen Staatswettbewerbs um Forschungsmittel zu begutachten. Er soll im April erscheinen, ist aber jetzt schon einmal in Berlin vorgestellt worden, weil die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern Mitte März die Prämissen für die nächste Exzellenzrunde festlegen wird (Stefan Leibfried (Hrsg.): Die Exzellenzinitiative. Zwischenbilanz und Perspektiven, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010).

Auch dieser Band kann selbstverständlich nicht beurteilen, ob die Forschungen, die mit dem Finanzsegen dieses Wettbewerbs durchgeführt werden, etwas taugen. Sie liegen ja in Fällen noch gar nicht vor. Insofern gehen Bescheide wie derjenige des Soziologen Friedhelm Neidhardt, es handele sich um "ein ungewöhnlich effizientes wissenschaftspolitisches Programm", nicht über das Selbstlob hinaus, das von Wissenschaftsrat und Deutscher Forschungsgemeinschaft zum Thema schon zu hören war. Ein unabhängiger Bericht über das Programm wird erst für 2016, also zehn Jahre nachdem die ersten Überweisungen stattfanden, erwartet.

Wenn Gelder, die zur Verfügung stehen, auch abgerufen werden, kann man das natürlich effizient nennen. Ungewöhnlich immerhin ist es nicht. Ungewöhnlich ist vielmehr, wenn man einen Absatz später liest, es sei "derzeit noch nicht entscheidbar, in welchem Maße und in welcher Weise die angestoßenen Entwicklungen die Forschung an den Universitäten nicht nur beleben, sondern auch verbessern werden". Aha, denkt der durch Reklame ja an einiges gewöhnte Leser, die Maßnahme war ungewöhnlich effizient, aber ob sie etwas verbessert hat, ist noch nicht entscheidbar. Das wirkt ein wenig, als sei schon der Ankauf von Maschinen unabhängig von der Frage erfreulich, ob mit ihnen denn auch etwas produziert wird, das andere haben wollen. Wenn man den Begriff schon in den Mund nimmt, hätte vielleicht der Hinweis des Politologen Michael Zürn, dass eine Effizienzabschätzung ein Urteil darüber voraussetzen würde, ob nicht andere Instrumente als das gewählte Verfahren einen höheren Nutzen gehabt hätten, in Neidhardts Text eingearbeitet werden sollen.

Dessen Pointe ist aber eine Systemdifferenzierung. "Belebend" gewirkt und zu "erstaunlichen Mobilisierungen" geführt zu haben, ist eine Erfolgsmeldung - für Reformer, denen die Bewegung (der "Ruck") alles und der Mittelabfluss ein Indikator dafür ist. Im System des Erkenntnisgewinns hingegen sagt es noch gar nichts. Wer mithin beeindruckt einen "Durchgriff der Politik auf Forscher und Forschergruppen in den Universitäten" (Neidhardt) feststellt, markiert erfreulich offen, um wessen Effizienzgefühle es hier geht und dass mancher Beobachter eine Statuspassage vom Soziologen zum Mitspieler hinter sich hat. Dazu passt die unfreiwillige Parodie des alten Neuen Deutschland, wenn es heißt, "für die neun Universitäten, die mit dem Förderprogramm ,Zukunftskonzepte' eine herausgehobene Exzellenz bescheinigt bekamen, berichtet die federführende Strategiekommission des Wissenschaftsrates gleichermaßen freundliche Einverständnisse". Übersetzt: Die Gewinner waren, nach Auskunft des Gewinnermittlungskomitees, mit ihrem Gewinn einverstanden.

Aufschlussreich in der Sache sind andere Beiträge des Bandes. Ulrich Schreiterer etwa hat sich die sogenannte "dritte Säule" des Wettbewerbs angeschaut, die interessierten Universitäten durch Abforderung von "Zukunftskonzepten" nahelegte, sich ein Bild von sich selbst zu machen. Dabei erwägt er, ob dieses Bild nicht durch Cluster- und Zentren- und Schulengründung, zu denen die Initiative vielfachen Anreiz bietet, zunehmend das einer "Holding von einander unabhängig operierender, nur lose miteinander verknüpfter Organisationen" sein werde. Interessant auch ist die Beobachtung, dass nicht selten das Geld dieser dritten Förderlinie sinnvollerweise zur Kompensation von Folgen der Exzellenzinitiative selbst eingesetzt worden ist, etwa um inneruniversitäre Mobilisierungsverlierer zu beschwichtigen. Derartige "Sickereffekte" seien, hieß es sogar aus dem Kreis der Exzellenz-Gutachter, schon bei der Bewertung der Zukunftskonzepte in Betracht gezogen worden. Zur Lebenslüge der Dritten Förderline gehört es für ihn überdies, dass jede Universität im Wettbewerb dieselbe Chance gehabt habe.

Die Urteilsgrundlage vieler Beiträge des Bandes sind übrigens Gespräche mit Betroffenen, Gewinnern wie Verlierern oder Gutachtern, anekdotische Evidenz also, die oft informativer ist als uninterpretierbare Zahlen wie die Höhe der Mittel, die Zahl der Promotionsstellen oder die prozentuale Verteilung der Finanzen auf Disziplinengruppen. So etwa, wenn der Beitrag über "Abgelehnte Exzellenz" Forscher zitiert, die das abgelehnte Vorhaben mit anderen Mitteln durchführen, aber abgespeckt um "diesen ganzen, jetzt mal salopp gesprochen, strukturellen Apparat", der nur in den Cluster-Antrag hineingeschrieben worden sei, weil man - also die DFG - das so haben wollte. Effizienzgewinne durch Ablehnung! Auch die zunehmende Orientierung an Kriterien, die man selbst für unsinnig hält, wie Rankingpositionen, von der Matthias Koenig in seinem Beitrag über die Nachwuchsförderung im Exzellenzbereich berichtet, gehört zu diesen Eindrücken merkwürdiger Verfahrensfolgen.

Am aufschlussreichsten ist unter dem Gesichtspunkt empirischer Anschaulichkeit der Beitrag von Michael Zürn. Er weist aus eigener Gutachtererfahrung darauf hin, dass in den Säulen 1 und 2 (Cluster und Graduiertenschulen) pro Antrag etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten Zeit für die Entscheidungsfindung in der Bewilligungskommission blieb. Das passt zur Information, dass in der ersten Runde den Interessenten ihrerseits nur ein paar Wochen Zeit geblieben sei, um die Anträge zu schreiben. Das Signal sei deutlich gewesen: "Hier geht es um ein Spiel! Der Zweck des Spiels: die Klärung der Frage, welche Beutegemeinschaft sich in möglichst kurzer Zeit zusammenfinden und glaubhaft vorgeben kann, ein gemeinsames Forschungsprogramm entwickelt zu haben."

Ein Moment der Irrationalität erkennt Zürn dabei in der Unklarheit, ob eigentlich die Qualität von Anträgen oder die Reputation von Antragstellern zu prüfen war. "Ein hochrangiger Gutachter aus einer der besten Universitäten der Welt ergriff das Wort, nachdem alle Kandidaten angehört waren", und verglich Cluster A (mittlere Universität nördlich des Mains) mit Clusterantrag B (sehr große Universität im Süden). A habe sich optimal präsentiert. Wenn es darum gehe, das Geld dorthin zu geben, wo es die besten Effekte erziele, müsse es nach A gehen. Aber: "Unsere Aufgabe ist eine andere: Wir müssen entscheiden, wo die allerbesten Forscher sind. Und das ist definitiv die Gruppe aus B, die sich nicht allzu viel Mühe gemacht hat, etwas Innovatives und Kohärentes zu entwickeln." Mobilität kann also im Einzelfall auch so viel wie Immobilität heißen. Und Effizienz im Einzelfall gar nichts.

JÜRGEN KAUBE

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2010, Nr. 58 / Seite N5
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