10.03.2010 · Auch säkulare Religionen brauchen die Not. Dass der Stalin-Kult, den der engste Kreis des Sowjetdiktators organisierte, von ihm selbst subtil gesteuert, heiße Bedürfnisse bediente, zeigt schon die große Zahl russischer Jugendlicher, die sich bei Internetumfragen nach der nationalen Symbolfigur für den furchterregenden Disziplinierer aussprachen.
Auch säkulare Religionen brauchen die Not. Dass der Stalin-Kult, den der engste Kreis des Sowjetdiktators organisierte, von ihm selbst subtil gesteuert, heiße Bedürfnisse bediente, zeigt schon die große Zahl russischer Jugendlicher, die sich bei Internetumfragen nach der nationalen Symbolfigur für den furchterregenden Disziplinierer aussprachen. Wie zur Einstimmung auf opfervolle Zeiten wollen die Stadtväter von Moskau und Petersburg Stalin als Plakatikone wiederauferstehen lassen. Die monumentale Studie, die der deutsche Historiker Jan Plamper dem Bilderkult um Stalin widmete und die soeben unter dem Titel "Alchimija wlasti" (Alchemie der Macht) erschien, kam gerade recht. Das mit Unterstützung der Thyssen-Stiftung aus dem noch unpublizierten englischen Manuskript übersetzte Buch eroberte sofort die Sachbuchbestsellerlisten.
Der moderne Personenkult, den Plamper erstmals um Napoleon III. praktiziert sieht, zielt, im Gegensatz zum traditionellen Monarchenkult, auf die säkularisierte Massengesellschaft. Im rückständigen Russland musste dabei der sakrale Platz des Zaren ausgefüllt werden, was Stalin als bolschewistischer Kremlherr selbst oft betont haben soll. Die Bemühungen des letzten Zaren Nikolai II., sein Image modern aufzupolieren, scheiterten, so Plamper, weil er einerseits mit der Volksnähe der Duma nicht konkurrieren konnte, zugleich aber sein Bild durch Briefmarkenporträts und Fotografien banalisieren ließ. Die russischen Revolutionäre hingegen huldigten ihren Führungspersönlichkeiten vor der Revolution schon wie echten Übermenschen.
Die Parteizeitung "Prawda", die das Sowjetvolk durch den Schlingerkurs der Kremlpolitik lotste, erzog es auch zum richtigen Sehen. Die Kardiogrammlinie der hier gedruckten Stalin-Fotos führt von dem kleinen, den Betrachter anschauenden Porträt von 1929 über Gruppenbilder mit Stalin im Zentrum hin zu retuschierten, großformatigen Einzelbildnissen nach 1945, die den Weltkriegssieger in die Ferne blicken lassen und ohne Bildunterschrift auskommen. Während der Schauprozesse gegen angebliche Staatsfeinde steigt die emotionale Temperatur der Stalin-Hymnen. Als die Säuberungswellen rollen, geht die Bildfrequenz merklich zurück - der Steuermann sollte nicht mit seinem Terror in Verbindung gebracht werden.
Die Künstler, die seit 1932 im Staatsverband zwangsvereinigt waren, überhöhten die fotografischen Vorgaben. Alexander Gerassimow (1881 bis 1963), der spätere Leiter der Moskauer Kunstakademie, ließ sich zu seiner 1938 vollendeten legendären Doppelikone von Stalin mit Marschall Woroschilow durch ein "Prawda"-Foto des Duetts Stalin/Molotow beim Spaziergang auf der Kremlmauer inspirieren. Gerassimows während des großen Terrors gemaltes Bild, das sich den russischen Spitznamen "Zwei Führer nach dem Regen" erwarb, vergegenwärtigt die Staatsmänner in jener moderat impressionistischen Manier, die für ihre "Wärme" geschätzt wurde. Dass Stalin die Hauptfigur ist, sieht man schon an seiner Gelassenheit. Während Woroschilow gegürtet und gespornt posiert, steckt der Hausherr die Hände in die Taschen und lässt den Mantelschoß wehen.
Wenn Dichter Stalin mit der Sonne vergleichen, die sie zu Heldentaten befähigt und Feinde abwehrt, so scheint sein Bild die Rolle einer wundertätigen Ikone zu übernehmen. Mitglieder der heroischen Expeditionen ins Pamirgebirge oder zum Nordpol bekannten in der "Prawda", der Gedanke an Stalin im Herzen der Heimat habe sie beflügelt. Damit der Generalsekretär für das geplagte Volk zwischen Kiew und Kamtschatka die weise Voraussicht verkörpern konnte, betonten Maler und Filmdarsteller stets Stalins souveräne Ruhe. Ein überspannter Habitus wie der von Hitler wirkte in der utopischen Gesellschaft unseriös. Revolutionsführer Lenin darf auf Gemälden dynamisch gestikulieren und grimmig dreinschauen. Er musste ja das alte Regime zerbrechen. Doch sein Meisterschüler Stalin blickt am liebsten wissend ins Weite, wo das kommunistische Wunderland liegt, das vorerst nur er erkennen kann.
Dass der Führerglaube im Zweiten Weltkrieg geradezu mystische Kraft entwickeln musste, veranschaulicht Gerassimow mit seinem Kolossalgemälde von der 25-Jahr-Feier des Oktoberumsturzes im Bolschoi-Theater. Die in seinem Entstehungsjahr 1942 besonders schlimme Wirklichkeit wird von schimmernden Blumenrabatten, Brokatvorhängen und der Lenin-Büste wie von einer Ikonostase verstellt. Das multinationale Publikum im Parkett dreht sich wie Gemüsepflanzen zur Sonne des Scheinwerferkegels, der auf Stalin in der Rednerkanzel fällt. Als Einziger verschmilzt er nicht mit dem Kollektiv im Saal oder im Präsidium. Doch er ist stark verkleinert. Dass die gemalten Zuschauer mehr in ihren Führer hineinsehen, als der Bildbetrachter erkennen kann, vergegenwärtigt auch die große Mobilisierung.
An seinem Lebensabend mehren sich die Bilder, auf denen Stalin abwesend anwesend ist, als Porträt an der Wand oder als das Leuchten auf den Gesichtern junger Menschen, die "ihn" gesehen haben. Das von Fjodor Schurpin zu Stalins Siebzigstem gemalte Bild "Der Morgen unserer Heimat" zeigt einen ergrauten Generalissimus in engelsweißer Uniform vor seinem Lebenswerk, der russischen Ebene, der in gehorsamer Symmetrie Fabrikschlote, Leitungsmasten und magere Bäumchen entsprießen. Als er gestorben war, legte die Mutter von Alexander Sinowjew ein Stalin-Foto in ihre Bibel. Der Despot habe die Sünden der Menschen auf sich genommen, erklärte sie dem Sohn, und bedürfe nun der Fürbitte. Stalin sei mit der Sowjetmacht identisch, hatte der Kremlherr schon seinem Sohn erklärt, als der glaubte "auch ein Stalin" zu sein. Stalin sei das Bild in Zeitungen und auf Gemälden, belehrte ihn der Vater da - keinesfalls ein Nachkomme, ja nicht einmal er, das lebende Original.
KERSTIN HOLM