13.07.2011 · Handlanger am Skalpell: Ihre Geschichte in der Nazizeit
In einer Reihe von historischen Aufarbeitungen der Nazizeit hat jetzt ein weiteres medizinisches Fach nachgelegt: die Chirurgie. Die Ärzte haben sich zuerst den Einzelschicksalen der Präsidenten ihrer Fachgesellschaft in den Jahren 1933 bis 1945 zugewandt, anschließend auch den Opfern. Hans-Ulrich Steinau von der Klinik Bergmannsheil in Bochum gab als Präsident der Fachgesellschaft im Jahr 2007 den Anstoß. Der Buchtitel "Die Reden der Präsidenten" (Kaden Verlag, Heidelberg), dessen Vorabdruck kürzlich in Berlin vorgestellt wurde, lenkt das Augenmerk bewusst auf die frühere Verdrängung. "Es gab 1958 einen Sammelband aller Präsidentenreden der Gesellschaft, aber jene von 1933 bis 1945 fehlten einfach", erläutert Steinau. Wie sehr die Sache auf dem Fach lastete, dokumentierte Friedrich Stelzner, 1985 Präsident der Gesellschaft und einer der führenden Chirurgen jener Jahre, in seiner Autobiographie: "Diese Vergangenheit . . . ist ein Albtraum." Er meinte damit nicht zuletzt die hymnischen Reden der Präsidenten angesichts des Unfassbaren und trotz einschlägiger Kenntnis, denn: "Ein Nicht-Wissen darf ausgeschlossen werden", heißt es unmissverständlich im Vorwort des Buches.Die Analyse zeigt, dass selbst den Ersten ihres Faches etwa aus Existenzangst der Kotau vor dem System nicht erspart blieb. Martin Kirschner, Lehrstuhlinhaber in Heidelberg, versichert 1933 als Antwort auf eine Denunziation, dass sich bei ihm und seiner Frau "nirgends ein Tropfen jüdischen Blutes, selbst nicht in homöopathischer Verdünnung", finde. Seine Fachkompetenz war unumstritten, eine seiner Innovationen, der Kirschner-Draht, wird bis heute von Unfallchirurgen vielfach genutzt. Wo die einen vielleicht nur den Kopf aus der Schlinge zogen, wirkten andere umso verhängnisvoller, wenn das chirurgische Handwerk sie in die Nähe der Macht katapultierte. Karl Brandt, einer der ranghöchsten angeklagten Mediziner im Nürnberger Ärzteprozess, zählt zu den Hauptverantwortlichen für die Euthanasie-Aktion T4 und war Chirurg. Zu Hitlers Begleitarzt wurde er zufällig durch seine frühen Kenntnisse in der Unfallchirurgie. Er war in Traunstein im Urlaub, als der Adjutant Hitlers, Wilhelm Brückner, einen Autounfall erlitt. Brandt erbot sich zu helfen, konnte Brückner retten und avancierte durch dessen Fürsprache zum Leibarzt des Führers.Steinau wollte mit dem Projekt jedoch kein weiteres Bußritual initiieren. Nicht zuletzt aufgrund seiner vielfältigen Begegnungen mit jüdischen Kollegen geht es ihm um Verständnis für Opfer und Täter. Bestes Beispiel für die Unfähigkeit, zu verurteilen, ist für ihn Karl Heinrich Bauer, der als Chirurg in Breslau kundtat, das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses werde im "Operationssaal in die alles befreiende Tat" umgesetzt. Da er sich indes standhaft weigerte, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, und in seiner Klinik unterschiedslos polnische Gefangene wie deutsche Patienten behandelte, wurde er mehrfach abgestraft. Sanktionen verhinderten seine mitunter einflussreichen Patienten. Nach dem Krieg wurde er der erste frei gewählte Dekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Heidelberg und hat maßgeblich zum Aufbau des Deutschen Krebsforschungszentrums beigetragen.mls