Home
http://www.faz.net/-gra-6m8c7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Aus der Philosophie in die Literaturwissenschaft

17.08.2011 ·  Solidarisches Verstehen: Pragmatische Hermeneutik nach Richard Rorty

Artikel Lesermeinungen (0)

Ein Grenzgänger zwischen kontinentaleuropäischer und angloamerikanischer Denktradition war der im Jahr 2007 verstorbene Richard Rorty. Die traditionelle Erkenntnistheorie mit ihrer Vorstellung des Bewusstseins als "Spiegel der Natur" kritisierte er in seinem gleichnamigen ersten Hauptwerk. In seinem zweiten, "Kontingenz, Ironie und Solidarität", empfahl er zur Bewältigung der Erfahrung von Kontingenz und der Unmöglichkeit von Letztbegründungen ein ironisches Verhältnis zu sich und Welt, das ein solidarisches Miteinander ebenso wenig ausschließen sollte wie ausgeprägten Patriotismus, sofern der sich auf eine liberale Gesellschaft richtet.

Das Plädoyer für einen Pluralismus, der auch keine Trennung mehr zwischen literarischen und philosophischen Texten vorsah, verbindet sich mit Rortys Namen ebenso wie der Vorwurf eines haltlosen Relativismus, den Hilary Putnam gegen ihn vorbrachte. Dass sich die Ansätze des Denkers, der zuletzt nicht mehr an einer philosophischen Fakultät, sondern in Stanford in der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft lehrte, dadurch nicht erledigen lassen und fortwirken, belegt das Sonderheft der "Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft" (Pragmatismus und Hermeneutik, Beiträge zu Richard Rortys Kulturpolitik. Hrsg. von Matthias Buschmeier und Espen Hammer. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2011).

Dem Mitherausgeber und Bielefelder Literaturwissenschaftler Matthias Buschmeier bleibt es vorbehalten, dem Titel gemäß die Möglichkeit einer Kombination von Pragmatismus und Hermeneutik zu erörtern ("Was ist pragmatische Hermeneutik? Anmerkungen zum Lektüreverfahren Richard Rortys"). Rortys methodisches Verfahren sei im Kern hermeneutisch, da er philosophische Positionen eher beschreibe, als ihnen argumentativ zu begegnen, wobei Einander-Verstehen als eine Annäherung verschiedener Beschreibungen zu begreifen sei. Dass Rorty auch Denker in eine Reihe stellt, die sich so ähnlich nicht scheinen, Habermas und Derrida oder auch Freud, Blumenberg und Davidson, liege in Rortys Ziel begründet, Autoritätsansprüche zu relativieren und mit der Ironisierung auch vor sich selbst nicht haltzumachen.

In Auseinandersetzung mit Gadamers Ideal einer universalen Hermeneutik entwerfe Rorty ein Modell humanistischer Bildung. Rortys Begriff der Kulturpolitik charakterisiert Buschmeier als Bestreben, "andere zur Übernahme der eigenen Positionen ohne Gewalt zu bewegen". Zweifel hat er allerdings hinsichtlich der Eignung der Literaturwissenschaft für diesen Zweck. Zwar sei die Ablehnung abschließender Beschreibungen für sie fundamental, doch ließen sich literarische Texte aufgrund ihrer ästhetischen Qualität nicht auf soziale Zwecke reduzieren. Die ästhetisch verbürgte Freiheit berücksichtige Rorty nicht.

Ein verwandtes Defizit Rortys markiert der Münchner Literaturwissenschaftler Oliver Jahraus ("Pragmatische und fundamentale Hermeneutik bei Rorty und Luhmann"). Ihm fehle ein ausgearbeiteter Interpretationsbegriff, der es erlaubte, dass Philosophie und Theorie Literatur und Kunst als ihre Gegenstände einholen können. Warum sich Rorty nicht darum bemühte? Er fürchtete wohl, "aus einem derartigen Interpretationsbegriff könnte eine Fundamentalhermeneutik oder selbst gar eine Dekonstruktion erwachsen" wie im Falle Heideggers und Derridas, meint Jahraus.

Wie man das tatsächliche oder auch nur vermeintliche Defizit in Rortys Denken bewertet, hängt wohl davon ab, ob man das Ästhetische überhaupt als dem Pragmatismus zugänglich begreifen möchte. Nahm Rorty auch hier schlicht einen übergeordneten Standpunkt ein, der mehr auf Gemeinsamkeiten als Unterscheidungen setzte? Der Literaturwissenschaftler Christian Kohlross (Jerusalem) kennzeichnet ihn als literarischen Epistemologen, dem Poesie und Philologie deshalb ein Vorbild fürs philosophische Denken waren, weil sie Wissensansprüche geltend machten, ohne Wahrheit zu beanspruchen ("Jenseits von Philosophie und Philologie"). Sie belegten, dass es "epistemisch verbindliche Urteile gibt, die ihre Verbindlichkeit allein dem Medium unseres Denkens und Darstellens, vor allem der Sprache, gerade auch dem ästhetischen Gebrauch der Sprache verdanken". Rorty vermochte die Trennung zwischen Philosophie und Literatur aufzuheben, weil es auf die Wahrheit der Gehalte nicht (mehr) ankommt. Der Roman wie der Pragmatismus breche mit der Vorstellung, es gebe unabhängig von den Bedürfnissen und Interessen der Menschen "ein Sosein der Natur an sich".

Die Idee eines Allgemeinen muss, wie Kohlross glaubt, nicht aufgegeben werden. Doch lehre die Literatur, dass es nur durchs Besondere, Kontingente zu erschließen sei. Demnach wäre der Roman ein Bild für den immer wieder zu leistenden Schluss auf das Allgemeine, für den auch die pragmatische Hermeneutik einer vergleichenden Beschreibung der Theorien steht. Und wofür steht das Allgemeine? Für Solidarität und Verstehen wiederum, für die Relativität der Standpunkte, die auch die Aufsätze der Zeitschrift belegen.

THOMAS GROSS

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2011, Nr. 190 / Seite N3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen