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Auch Farbenblinde sehen etwas, was du nicht siehst

03.08.2011 ·  Akademischer Karneval oder gesundes Produkt der Migrationsgeschichte? Eine Debatte um den Sinn der "postkolonialen Studien"

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Postkoloniale Studien sind aus den Kulturwissenschaften kaum mehr wegzudenken und haben auch hierzulande einen festen Platz in universitärer Lehre und Forschung erobert. Vor allem in den Vereinigten Staaten tätige postcolonial scholars genießen inzwischen eine Art globalen Kultstatus. Viele von ihnen, wie Gayatri Chakarvorty Spivak, Homi Bhabha oder Achille Mbembe, gehören zur Kategorie der Diaspora-Intellektuellen, die aus der nicht-europäischen Welt stammen und ihre Herkunft als Ausweis ihrer intellektuellen "street credibility" auch immer wieder betonen, zugleich aber fest in den oberen Etagen der nordamerikanischen Universitäten eingebunden sind.

Zwar gab es in den vergangenen drei Dekaden diverse Versuche, dem eklektischen Charakter des Begriffs "Postkolonialismus" beizukommen, allerdings sehen die meisten Protagonisten Postkolonialismus weder als Theorie noch als Methode, sondern eher als fruchtbares Instrument zur Bearbeitung diverser Untersuchungsgebiete. Im Zentrum der mit diesem Feld verbundenen Studien stehen jedenfalls der lange und komplexe Prozess des Kolonialismus, die damit verknüpften kulturellen und wissenschaftlichen Praktiken sowie deren dauerhafte Auswirkungen in den ehemaligen Kolonien wie in Europa.

Charakteristisch für das Gros der postkolonialen Studien ist ihre theoretische Promiskuität. In der Regel wird eine ganze Armada von Geistesgrößen aufgeboten, die so unterschiedliche Köpfe wie - eine kleine Auswahl in alphabetischer Reihenfolge - Althusser, Bachtin, Bourdieu, Fanon, Foucault, Gramsci, Heidegger, Lacan und Lyotard umfasst. Ironischerweise offenbarten wenige dieser Autoren, von Frantz Fanon und Pierre Bourdieu einmal abgesehen, auch nur das leiseste intellektuelle Interesse am europäischen Kolonialismus oder außereuropäischen Gesellschaften. Das Einsickern dieser vielfältigen theoretischen Einflüsse in postkoloniale Studien hat häufig dichte und zuweilen undurchdringliche Texte hervorgebracht. Kritiker haben diese hermetische Prosa gar als "neue Orthodoxie" bezeichnet, als eine Art rhetorische Zwangsjacke, die alle Gedanken einem vorgefertigten Vokabular unterwerfe. Nun ist es ein leichtes Unterfangen, akademische Publikationen für ihren Jargon zu schelten. Die postkolonialen Theoretiker sind an diesem Punkt jedoch besonders verwundbar, denn sie betonen ja gerade den engen Konnex zwischen Sprache und Befreiung und unterstreichen die Bedeutung der Sprache als Schlüssel zur Emanzipation von kolonialen Denkweisen.

In Frankreich fanden postkoloniale Ansätze lange Zeit wenig Resonanz. Und das war gut so, konstatierte der in Paris lehrende Jean-François Bayart, einer der führenden Politologen und Afrikawissenschaftler des Landes (F.A.Z. vom 14. Oktober 2009). In einigen Artikeln und einem pointierten, mit einer gehörigen Portion Polemik garnierten Essay ("Les études postcoloniales: Un carnaval académique". Paris: Editions Karthala, 2010) vertrat Bayart die Ansicht, postkoloniale Studien seien für die Forschung in Frankreich "weitgehend unnötig". Überdies seien sie irrelevant, um gegenwärtige brennende Fragen von Rassismus, Einwanderung und Staatsbürgerschaft angemessen zu analysieren. Vehement wies Bayart den Vorwurf zurück, die französische Wissenschaft habe zu zögerlich und unzureichend die postkolonialen Ansätze rezipiert. Bei genauerem Hinsehen hätten sich die meisten postkolonialen Schriften ohnehin als alter Wein in neuen Schläuchen entpuppt. Wenig interessiert an fundierter Empirie, konzentrierten sie sich auf Diskurse und Repräsentationen, aus deren Analyse sie oft allzu weitreichende Schlüsse zogen. Daher sei es ihnen nicht gelungen, die Komplexität des Kolonialismus zu würdigen und die Kontinuitäten und Brüche zwischen Kolonialzeit und nachkolonialer Periode adäquat zu erfassen. Stattdessen sei eine quasi ontologische "postkoloniale Bedingung" konstruiert worden.

Bayarts zugespitzte Kritik hat beiderseits des Atlantiks kontroverse Debatten ausgelöst, die sich um zwei zentrale Aspekte drehen. Einmal ist grundsätzlich die Frage nach der Substanz und Validität postkolonialer Ansätze angesprochen. Zum Zweiten geht es um die Frage nach der speziellen postkolonialen Situation in Frankreich. Herrschen unter französischen Forschern und Intellektuellen Provinzialismus und Konservativismus? Haben sie sich mit dem Rassismus in Alltag und Politik weitgehend abgefunden? Glauben sie immer noch an den republikanischen Mythos von Frankreichs Einzigartigkeit, der zugleich den Anspruch auf Universalität beinhaltet? Die jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Public Culture" (Band 23, Heft 1, Duke University Press 2011) versammelt unter dem Themenschwerpunkt "Racial France" nun einige Beiträge, die sich vor allem dem zweiten von Bayart provozierten Diskussionsstrang widmen.

Neben einem Aufsatz von Bayart, der noch einmal seine Kritikpunkte zusammenfasst, enthält das Heft zwei weitere Hauptbeiträge von Achille Mbembe und Ann Laura Stoler sowie einige kürzere Diskussionsbeiträge. Der aus Kamerun stammende Historiker Mbembe, der in Südafrika und in den Vereinigten Staaten lehrt, singt mit Nachdruck das Lied von den, wie er es nennt, provinziellen Pariser Debatten und widerspricht dezidiert Bayarts These von den postkolonialen Studien als Symptom nordamerikanischer Obsessionen mit Identitätspolitik. Vielmehr sei die in Frankreich nun verspätet begonnene - dafür umso heftigere - Kontroverse um den Postkolonialismus Ausdruck einer "französischen postkolonialen Malaise", die eng mit dem tiefen Trauma des Algerienkrieges sowie dem gegenwärtigen Versuch, den Mythos von einer farbenblinden Republik aufrechtzuerhalten, zusammenhänge.

Der "Pariser Provinzialismus", so Mbembe, finde seinen Ausdruck in der Verteidigung disziplinärer Grenzen und dem Anspruch, "authentische Geschichtserzählungen zu liefern". Postkoloniale Studien seien hingegen das "gesunde Produkt der gegenseitigen Befruchtung kultureller und intellektueller Produktion", die beständig in diversen Weltgegenden und Kontexten entsteht. Für Ann Stoler, Ethnologin an der New Yorker New School for Social Research und Autorin vielzitierter Werke zur Ambivalenz der kolonialen Ordnung, führt die Kontroverse um postkoloniale Studien zur grundlegenden Frage über die Konventionen der Wissensproduktion in Frankreich, welche die Frage nach der Bedeutung von "Rasse" und "Rassismus" und der systematischen Ausgrenzung von "Anderen" als konstitutive Elemente der französischen Republik im akademischen Diskurs marginalisiert habe.

Unter den Kommentaren sticht der Beitrag von Robert Young hervor. Young, eine Art Großwesir der postkolonialen Studien, ist offenkundig persönlich zutiefst verletzt von Bayarts Kritik und räsoniert über dessen "geborstenen Kessel": Bayart sei uninformiert, würde unmäßig übertreiben und beständig postkoloniale Studien mit falschen Etiketten versehen, die er dann dekonstruiere und kritisiere. Im Gegenzug entwirft Young unter anderem lange Namenslisten, die eine Genealogie des Postkolonialismus darstellen sollen: name dropping in besonders absurder Form. Bei Youngs missglückter Gegenpolemik wie bei dem Großteil der anderen in "Public Culture" versammelten Texte drängt sich der Eindruck auf, dass Vertreter der postkolonialen Studien vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Verbirgt sich hinter all ihren geschraubten Formulierungen wirklich mehr als wortreiche Sprachlosigkeit?

ANDREAS ECKERT

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2011, Nr. 178 / Seite N3
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