Lange vor den Touristen entdeckten die Fotografen das Ruhrgebiet. Albert Renger-Patzsch, der von 1929 bis 1944 in Essen lebte, August Sander, Wolf Strache, Chargesheimer, Bernd und Hilla Becher. Alle waren sie fasziniert von den gewaltigen Umbrüchen, die sich nirgends so rasant vollzogen wie in diesem Ballungsraum, dessen unvermitteltes Ineinander von Stadt und Landschaft Joseph Roth 1926 als "Stadtschaft" bezeichnete.
Die Vorgänger werden als Zeugen aufgerufen in dem "Bilderbuch Ruhrgebiet", das der Essener Fotograf Manfred Vollmer - gemeinsam mit dem Bochumer Journalisten Wolfgang Berke - vorlegt. Ebendas hebt es heraus aus dem Gros der Bildbände über das Revier, die in immer kürzeren Abständen erscheinen. Der Förderturm der Zeche Germania in Dortmund, aufgenommen von Renger-Patzsch 1935 und wieder, da er längst das Bergbau-Museum in Bochum als Wahrzeichen überragt, von Vollmer fast siebzig Jahre später: Das Vorher/Nachher pointiert den Strukturwandel und läßt ihn spannungsreich anschaulich werden. Der Versuch, dem Ruhrgebiet neue, freundliche und farbige Bilder abzugewinnen, geht einher mit Verlustanzeigen in Schwarzweiß. Unser Foto vereint Entstandenes und Abgestandenes fast emblematisch: Im Landschaftspark Duisburg-Nord, wo die Gießbühne zum Konzertpodium geworden ist, geben die Industrierelikte der Kunst eine Fassung. Das Thema Kultur ist in dem Buch nicht nach Orten und Objekten, sondern nach deren (neuen) Funktionen gegliedert: als Denkmäler, Museen, Wohnungen, Läden und Gastronomiebetriebe. Das erleichtert den Überblick, lenkt aber ab von Charakteristischem. Denn eben daß etwa Zeche und Kokerei Zollverein viele verschiedene Nutzungen in sich aufnehmen, ist Voraussetzung für ihr "zweites Leben".
Die Texte sind knapp und informativ, doch der Anredeton ("Kommen Sie mit . . .") wirkt aufgesetzt, und der etwas übertriebene Vorzeigestolz ist Ausdruck des nach wie vor schwachen Selbstbewußtseins. Auch fehlen mehr als nur Architektennamen. Denn umfassend, wie sie in den Blick genommen wird, müßte zur Industriekultur die Villa Hügel, zu den Hinterlassenschaften der (abgeräumten) Gutehoffnungshütte die (erhaltene) Siedlung "Am Grafenbusch", zu Mülheim die Lederfabrikation und zu den Reformbewegungen im "kunstverlassenen Industriebezirk" der Folkwang-Impuls von Karl Ernst Osthaus gehören, dessen Stätten - wie die Stadt Hagen insgesamt - gar nicht vorkommen. Dennoch: Als erster Blick-Kontakt mit dem Ruhrgebiet, seiner "anderen" Schönheit und bizarren Verwandlungskraft, bietet das "Bilderbuch" mehr als das Übliche.
aro.
"Bilderbuch Ruhrgebiet - Faszination Industriekultur. Neues Leben in alten Buden" von Manfred Vollmer und Wolfgang Berke. Klartext-Verlag, Essen 2005. 144 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 24,90 Euro. ISBN 3-89861-421-2.