03.12.2009 · Wer ganz oben ist, hat es geschafft. Das ist ein zivilisatorisches Naturgesetz. Besonders rigoros gilt es in Hongkong, der vertikalsten Stadt der Erde, in der es Hunderte, Tausende von Wohnwolkenkratzern mit sechzig, siebzig Etagen gibt, je höher, umso teurer, die Penthäuser reserviert für Millionäre und Milliardäre.
Wer ganz oben ist, hat es geschafft. Das ist ein zivilisatorisches Naturgesetz. Besonders rigoros gilt es in Hongkong, der vertikalsten Stadt der Erde, in der es Hunderte, Tausende von Wohnwolkenkratzern mit sechzig, siebzig Etagen gibt, je höher, umso teurer, die Penthäuser reserviert für Millionäre und Milliardäre. Doch Hongkong lebt mit einem Paradox: Manchmal wohnen ganz oben die, die im Leben ganz unten stehen - die Ärmsten und Elendsten, die nirgendwo sonst Unterschlupf finden als in den halblegalen Baracken, die seit Generationen auf Wolkenkratzerdächern zusammengezimmert werden. Es sind Miniaturslums in schwindelerregender Höhe, lebenslange Provisorien der Misere, eine verborgene Unterwelt auf dem Dach, die von unten meist nicht zu sehen ist. Die Architekturtheoretikerin Rufina Wu und der Fotograf Stefan Canham haben fünf dieser Gebäude mit einer geradezu bestürzenden Nüchternheit dokumentiert, mit architektonischen Zeichnungen und menschenleeren Fotografien, ohne Pathos und Rührung. Die Biographien der Bewohner werden ausführlich beschrieben, doch man sieht sie nie, ganz so, als sollten sie vor unserem Mitleid geschützt werden. Dadurch wirken die Aufnahmen umso gespenstischer - Reiskocher, Fernseher, Matratzenlager, Kloverschläge, Behausungen wie Parasiten und doch die Heimat von Menschen hoch über einer Welt voller glitzernder Glücksversprechen des Konsums. Hier oben kommt nichts davon an, hier oben geht es nicht um Glück, sondern ums Überleben. Vielleicht haben die Menschen auf den Dächern aber auch schon einen höheren Zustand der Erkenntnis erreicht und lächeln nur noch über uns dort unten, die wir uns abstrampeln für nichts. Man zögert erst und grübelt dann, denn dieses Buch hat etwas seltsam Beunruhigendes, einen düsteren Subtext, als sei es eine stumme Mahnung an die Hybris. Es geht einem lange nicht aus dem Kopf.
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"Portraits from Above - Hongkong's informal Rooftop Communities" von Rufina Wu (Text) und Stefan Canham (Fotografien). Peperoni Books, Berlin 2009. 280 Seiten, 100 Fotografien in Farbe und Duoton, 58 Architekturzeichnungen, zweisprachig deutsch/englisch. Gebunden, 45 Euro.