03.12.2009 · Zwanzig Jahre Mauerfall, und die Sprachklischees sind mopsfidel. Die Formulierung von der "Mauer in den Köpfen" ist uns so vertraut wie die politisch korrekte Aufforderung, Türen zu öffnen, Barrieren zu überschreiten, Grenzen zu überwinden. Wie wohltuend, dass nun gerade im Jubiläumsjahr ein opulenter ...
Zwanzig Jahre Mauerfall, und die Sprachklischees sind mopsfidel. Die Formulierung von der "Mauer in den Köpfen" ist uns so vertraut wie die politisch korrekte Aufforderung, Türen zu öffnen, Barrieren zu überschreiten, Grenzen zu überwinden. Wie wohltuend, dass nun gerade im Jubiläumsjahr ein opulenter Text- und Bildband erscheint, der seinen Titel "Mauern als Grenzen" nicht als wohlfeile Metapher missbraucht. Die in Würzburg lehrende Altertumsforscherin Astrid Nunn versammelt Koryphäen ihres Fachs und angrenzender Gebiete, um die Geschichte von Grenzmauern zu erzählen - von der Amurriter-Mauer im Zweistromland aus dem Jahr 2032 vor Christus bis zu den heutigen Mauern etwa in Bagdads Sicherheitszone, in der von Marokko beanspruchten Sahara-Wüste oder an der Grenze zwischen Israel und Palästina, zudem die der Chinesischen und der Berliner Mauer, des Hadrianswalls und des Limes. Die Quintessenz der Texte ist harte Kost für alle blauäugig-edlen Seelen des Grenzenlosen: Wälle und Mauern waren zumeist alles andere als das Resultat wirrer Inklusions-Phantasien. So gesehen, war selbst der 13. August 1961 zwar ethisch verwerflich, jedoch nicht irrational, denn selbstverständlich konnte der totalitäre Mangel-Sozialismus nicht anders als per Mauer und Schießbefehl existieren. In anderen Fällen dagegen wappneten sich antike Hochkulturen gegen vagabundierende Stämme, die ein objektiv geringeres Zivilisationsniveau besaßen. Am Schluss jeder Geschichte kommen die Mauerüberwinder freilich doch noch auf ihre Kosten, denn entweder versanken mit der Zeit die Hochkulturen in Dekadenz, oder die Völker auf der anderen Seite der Wälle waren gelehrige Schüler und clevere Händler, gegen deren kulturvermischenden Unternehmungsgeist bald weder Holz noch Stein Bestand hatten.
mart
"Mauern als Grenzen", herausgegeben von Astrid Nunn. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2009. 216 Seiten, 83 Abbildungen. Gebunden, 29,90 Euro.