Am Schluss des legendären Fotobands "Die Amerikaner" von Robert Frank, dieser Reise in die Seele der Vereinigten Staaten, sieht man den Wagen, mit dem Frank und seine Familie Mitte der Fünfziger kreuz und quer durchs Land gefahren sind: eine etwas verwahrloste Limousine von Ford, so groß, dass die Franks zu viert auf der Vorderbank Platz fanden und die Frau mit den Kindern dort schlief, während Frank umherlief, um zu fotografieren. So war ihnen das Auto zugleich Fahrzeug und Unterkunft.
Auch der Fotograf Lee Friedlander ist mit dem Wagen durch Amerika gefahren. Einigermaßen systematisch hat er in den vergangenen Jahren alle Regionen des Landes besucht. Er war in blitzblanken Mietwagen unterwegs, kleinen Toyotas, Hyundais oder Chevrolets - keine Burgen auf Rädern, sondern enge Hütten. Dennoch ist er für die Bilder, die er nun für den Band "America by Car" zusammengestellt hat, nicht einmal ausgestiegen; im Gegenteil. Auf jedem Foto sieht man den Türrahmen und die A-Säule, das Armaturenbrett und das Lenkrad, das Seitenfenster und den Rückspiegel. Es ist, als habe der Fotograf in einem Käfig gesessen, umgeben von tausend Stäben.
Während bei Frank dem Reisen ein Moment von Freiheit anhaftete, das Leben entlang des Straßenrands, in das er einen Augenblick lang eintauchte, jedoch erstarrt war bis an die Grenze der Leblosigkeit, ist nun der Fotograf der Eingesperrte. Erst hinter den Stäben beginnt die Welt: Denkmäler, Häuserzeilen und Werbebotschaften, Berge, Wälder und Wüsten. Und einmal erkennt man Friedlanders Frau, die wohl spazieren ging, wenn ihr Mann vom Fahrersitz aus arbeitete.
Lee Friedlander hat schon immer in seinen Aufnahmen die Welt verrätselt, den Alltag als Verwirrspiel gezeigt und Straßenschluchten als optischen Mahlstrom, der den Betrachter mit sich reißt und ihm mit seinen kaum noch identifizierbaren Perspektiven und Spiegelungen buchstäblich den Boden unter den Füßen fortzieht. Auch "America by Car" scheint dieser Ästhetik zu folgen. Aber irgendwann begreift man, dass diesmal ein anderer Wille dahinter stand. Das Buch ist ein berührendes Alterswerk, in dem Friedlander (Jahrgang 1934) als eine Art moderner Zentaur - halb Mensch, halb Maschine - seine Heimat bereiste, um noch einmal alles aufzusaugen. Indem er seine Eindrücke mit Elementen der Autokarosserie rahmt, sortiert, möchte man fast sagen, zerlegt er die Welt in begreifbare Fragmente. Es ist, als habe er eine Abschiedstour unternommen mit der Absicht, die eigene Position zu bestimmen. Entstanden ist ein neuer Klassiker der Fotografie.
"America by Car" von Lee Friedlander. Herausgegeben von der Fraenkel Gallery, San Francisco. D.A.P., New York 2010. 200 Seiten, 192 Abbildungen. Gebunden, 54,80 Euro.