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Sozialarbeit in der Luxussuite

 ·  Angeregt von Vicky Baums Roman "Menschen im Hotel", der im Berliner Hotel Adlon spielt, porträtiert der von Tomas Niederberghaus herausgegebene und von verschiedenen Journalisten verfasste Band nun weltweit "Menschen in Hotels". Das Buch versammelt Begegnungen mit Personen, die sich beruflich und ...

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Angeregt von Vicky Baums Roman "Menschen im Hotel", der im Berliner Hotel Adlon spielt, porträtiert der von Tomas Niederberghaus herausgegebene und von verschiedenen Journalisten verfasste Band nun weltweit "Menschen in Hotels". Das Buch versammelt Begegnungen mit Personen, die sich beruflich und privat, ihrer Reiselust wegen oder weil sie einsam sind in Lobbys und Korridoren verlieren oder verlustieren. Viele Texte beschwören die Nostalgie der Grandhotels, die allmählich dem Modellierungszwang und Zugeständnissen an die "vielschichtigen Bedürfnisse des postmodernen Gastes" weicht, wenn etwa die Badewanne durch die Walk-in-Dusche ersetzt wird. Neben Porträts von Hoteldirektoren oder Innenarchitekten stehen die Ergebnisse von Spurensuchen legendärer Hoteldauerbewohner wie Vladimir Nabokov, der sechzehn Jahre im Montreux Palace am Genfer See lebte, oder Udo Lindenberg, der im Hamburger Hotel Atlantic logiert. Während die Treffen mit Stars und Sternchen wie auch ein Kurzinterview mit Paris Hilton im Hilton Paris wenig ergiebig sind, entfaltet das Buch im Diskretionsabstand zur Prominenz seine Stärken, wenn es etwa die im allürefreien Raum des Hotelalltags tätigen, sogenannten kleinen Leute vorstellt: Portiers und Concierges, die gleichwohl als Sozialarbeiter der Reichen fungieren, ein Zimmermädchen auf Madeira oder ein Wagenmeister in der Tiefgarage des Bayerischen Hofs. Am eindrucksvollsten ist die Geschichte "Zwei Welten in drei Minuten", die von einem Rezeptionisten im Sheraton von Addis Abeba, dem teuersten Hotel Afrikas erzählt, der nach Feierabend in seine Wellblechhütte im Armenviertel der Stadt zurückkehrt. Ähnlich tragischkomisch ist die "wildeste Lodge der Welt", eine Geschäftsidee der Italienerin Kuki Gallmann, die unter dem freien Himmel Kenias ein Luxusbett aufgestellt hat und so das Wilde und Kultivierte konsequent verbindet - das Luxuriöse besteht hier in der völligen Auflösung des Gefühls von Hotelleben. Die klug kompilierten Geschichten sind eine sittengeschichtlich aufschlussreiche Lektüre nicht nur für einsame Hotelabende.

sg

"Menschen in Hotels" herausgegeben von Tomas Niederberghaus. Eichborn Verlag, Frankfurt 2006. 140 Seiten, zahlreiche Fotos. Gebunden, 24,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2007, Nr. 153 / Seite R4
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