14.07.2011 · Nicht so steil! Nicht so schroff! Nicht so atemberaubend! Als sich das norwegische Fremdenverkehrsamt vor einiger Zeit eine Analyse seiner Werbebotschaften gönnte, waren die Ergebnisse klar: Die dramatisch fotografierte Fjordlandschaft, mit der die Tourismusförderung bis dahin wucherte, überforderte potentielle Besucher aus Mitteleuropa.
Nicht so steil! Nicht so schroff! Nicht so atemberaubend! Als sich das norwegische Fremdenverkehrsamt vor einiger Zeit eine Analyse seiner Werbebotschaften gönnte, waren die Ergebnisse klar: Die dramatisch fotografierte Fjordlandschaft, mit der die Tourismusförderung bis dahin wucherte, überforderte potentielle Besucher aus Mitteleuropa. Denn sie wollen in ihrem Urlaub mehrheitlich keine Mutproben an Felskanten und Abhängen bestehen, keine Adrenalinstöße am Gletscherrand erleiden müssen. Mangelnde Beschaulichkeit als Standortnachteil - diesen nur auf den ersten Blick überraschenden Befund hätte die Marketingabteilung des Königreichs allerdings auch schon als eine unter Kunsthistorikern in Oslo beliebte Anekdote hören können: Als das großartig abenteuerliche Norwegen im achtzehnten Jahrhundert noch eine Kolonie des langweiligen und viel kleineren Dänemarks war, hatten die von dort in den wilden Norden entsandten Beamten von ihren Landschaftsmalern Hügel statt Berge verlangt, statt reißender Fluten sanft fließende Bäche. Auch damals schon wollten die Ausgewanderten ihre Verwandten zu Hause offenbar möglichst neidisch machen auf den eigenen beruflichen Werdegang. Die Ideallandschaft jener Tage war von der Reallandschaft Norwegens aber so weit entfernt, dass es nachzuhelfen galt. Tatsächlich sieht das Land auf vielen Bildern aus dieser Zeit merkwürdig rund und grün aus.
Ernst Schwitters kam weder als Tourist noch als Kolonialherr nach Norwegen, sondern als Flüchtling. Schon in seiner Schulzeit hat er sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend engagiert und damit das Missfallen der in Deutschland an die Macht gekommenen Nationalsozialisten erregt. Als Achtzehnjähriger verlässt er im Dezember 1936 seine Heimatstadt Hannover Richtung Norwegen, wenige Monate später folgt ihm sein Vater, der Dadaist Kurt Schwitters. Sie lassen sich in einem Vorort von Oslo nieder, doch die Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen treibt beide vorübergehend weiter ins Exil nach London. Dort halten sich zwischen 1940 und 1945 auch der norwegische König und maßgebliche Organisatoren des Widerstands auf - in der Propagandaabteilung der Exilregierung findet der junge Fotograf Ernst Schwitters schließlich Arbeit: Seine aus Norwegen mitgebrachten Aufnahmen von Fjorden und Bauernhöfen bebildern eine mit englischen Texten versehene Werbebroschüre.
An der norwegischen Landschaft hat sich Schwitters in der Folge sein ganzes fotografisches Berufsleben lang abgearbeitet. Die klassischen Postkartenmotive lässt er bald aus, stattdessen fesseln ihn Sehnsucht und Einsamkeit, die endlosen Weiten der Finnmark, die Geometrie der Natur und die Magie des nordischen Lichts. Häuser und Menschen sind auf Schwitters' Bildern kaum zu sehen, sie sind noch dünner besiedelt als die norwegische Realität und wirken deshalb auf bemerkenswerte Weise zeitlos. Das gilt auch für die Öltanks und Industriebetriebe, die Hafenanlagen und Straßen, die Schwitters als Spuren jener spröde Hartnäckigkeit in Szene setzt, mit der sich die Menschen ihren Platz in dieser Landschaft erkämpfen müssen, vor sechzig Jahren genauso wie heute. Etwa fünfhundert Diavorträge hat Ernst Schwitters mit diesen herrlich unaufgeregten Aufnahmen bestritten, die weder Herzrasen noch Schwindelgefühl auslösen. Nicht nur den Marketingfachleuten in den Fremdenverkehrsämtern seien sie deshalb zur Wiederentdeckung empfohlen.
"Ernst Schwitters. Die Farben Norwegens. 1943-1963", herausgegeben von Olav Løkke und Isabel Schulz. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011. 116 Seiten, 108 Abbildungen. Gebunden, 35 Euro.